Über
die Naikan-Methode
Katashi Takeuchi
Professor der Psychologie
Shinshu Universität, Japan
Artikel erschienen in: "Psychologia - An International Journal of
Psychology in the Orient", Herausgeber: Koji Sato, Kyoto Universität, Band
8, Nr. 1-2, 1965.
A. Ein 13 Jahre alter Junge, der zum Zeitpunkt seiner Festnahme durch die
Polizei 53 Ladendiebstähle begangen hatte, ein verrückter Brandstifter, der
verschiedene Schulen in Brand gesetzt hatte, und ein Bandenführer, der alle
Arten von Delikten begangen hatte und 17 Jahre im Gefängnis verbracht hatte -
so unglaublich es sein mag, jeder dieser Männer war vollkommen verändert,
nachdem er durch eine Woche Naikan-Behandlung gegangen war. Jeder Einzelne ist
heute bemüht, die bösen Seelen zu retten, die noch nicht von kriminellen
Regungen frei sind. Es wäre nicht übertrieben, dies als Wunder in unserer Zeit
zu bezeichnen. Die Naikan-Methode wurde von Herrn Ishin Yoshimoto in der Nara
Präfektur, Japan, eingeführt. Die Techniken von Naikan gehen auf die alten
traditionellen asketischen Übungen von verschiedenen Sekten1 im japanischen
Buddhismus zurück. Aber die Übungen wurden verbessert und modifiziert zu einer
einzigartigen Form der geistigen Übung, die von den Menschen unserer Zeit
genutzt werden kann. Obwohl der Ursprung von Naikan auf religiöse Übungen
zurückgeht, kann man den Prozeß in seiner heutigen Form als etablierte
wissenschaftliche Methode der Psychotherapie bezeichnen.
B. Lassen Sie uns nun den einwöchigen Prozeß unter die Lupe nehmen, aus dem
diese wunderbare Transformation hervorgeht. Erstens: Die Naikan-Methode wird bei
freiwilligen Teilnehmern angewendet, die sich von sich aus für die Behandlung
entschieden haben; das gilt sowohl für Strafgefangene als auch für
Nicht-Strafgefangene, die Naikan praktizieren. Die meisten freiwilligen
Teilnehmer weisen darauf hin, daß die Vorträge und Bücher von Herrn Yoshimoto
oder die Tonbandaufnahmen von Erfahrungen von Menschen, die bereits Naikan
praktiziert haben, sie dazu ermutigt haben, sich der Behandlung zu unterziehen.
Daher sind die meisten freiwilligen Teilnehmer bereits über die Art, wie
Naikan durchgeführt wird, informiert und es ist wichtig hinzuzufügen, daß sie
zu dem Zeitpunkt, an dem sie sich der Behandlung unterziehen, bereits mehr oder
weniger Selbstreflexion üben. In der Tat, die Form der Naikan-Behandlung ist
für den Großteil der Japaner ohne weiteres verstehbar, da ihnen ähnliche
Formen der traditionellen geistigen Übung wie zum Beispiel Zen oder Misogi
(Praxis im Shintoismus2) vertraut sind.
C. Nachdem der Naikanleiter (der als Sensei3 - Lehrer - bezeichnet wird)
minimale Anweisungen gegeben hat, werden ihnen kleine eigene Übungsplätze
zugewiesen, in denen sie von äußeren Einflüssen wie Lärm, Radio und
Fernsehen, dem Lesen von Büchern und dem Treffen von anderen Personen außer
dem Naikanleiter abgeschirmt werden. Außer der Zeit zum Schlafen, Mahlzeiten
und Ausscheidung, sitzen sie von 5 Uhr morgens bis 9 Uhr abends und widmen sich
der Selbstbeobachtung.
Der Naikanleiter besucht den Raum in Zeitabständen von ein bis zwei Stunden,
um dem Übenden Anweisungen und Empfehlungen zu geben. Es ist von grundlegender
Wichtigkeit, sich der Selbstbeobachtung in Stille für einen bestimmten Zeitraum
zu widmen, abgeschnitten von täglicher Arbeit und zwischenmenschlichen
Beziehungen. Dies, die Grundform von Naikan, wird als Shuchu-Naikan
(konzentrierte Selbstbeobachtung) bezeichnet. Jene, die ein solches
konzentriertes Naikan absolviert haben, werden jedoch eingeladen, die
Selbstbeobachtung täglich einige Stunden weiterzupraktizieren, nachdem sie in
ihr tägliches Leben zurückkehren. Diese Form wird als Bunsan-Naikan
(regelmäßige Selbstbeobachtung) bezeichnet.
Die Tatsache, daß die Naikan-Methode in ihrer Grundform eine einwöchige
Praxis der konzentrierten Selbstbeobachtung verlangt, scheint vollkommen
unterschiedlich von der Zeitaufteilung der gegenwärtigen psychologischen
Beratung zu sein, wo die Beratung ein- oder zweimal die Woche in einem kurzen
Gespräch von etwa einer Stunde gegeben wird. Im Laufe der einwöchigen
konzentrierten Selbstbeobachtung beginnt man, sich an das vergangene Leben mit
den eigenen Eltern zu erinnern - manchmal steigen lebhafte Erinnerungen an eine
Lebenssituation auf, die einige Jahrzehnte zurückliegt. Erfahrungen in der
eigenen Kindheit, vor allem die früheren Ungezogenheiten und beschämenden
Taten, die man tief im eigenen Gedächtnis begraben hatte, werden wieder klar
und deutlich auftauchen.
Im Naikan muß man sitzen, aber man muß nicht in einer speziellen Haltung
sitzen wie im Zen. Außer wenn man krank ist, ist es auch nicht erlaubt zu
liegen.4 Das macht schläfrig und hindert an der ernsthaften Selbstbeobachtung.
D. Der Naikanleiter gibt den Übenden die folgenden Anweisungen, die als
roter Faden zur Selbstbeobachtung hinführen. Das heißt, der Übende prüft
nach und nach die vergangenen Erfahrungen mit Menschen, die die eigene
Persönlichkeit geformt haben - Mutter, Vater, Bruder und Schwester,
Großeltern, Freunde, Lehrer und Mitarbeiter. Vor allem die Erinnerungen an die
eigene Mutter sollen sorgfältig geprüft werden. Wenn man von einer anderen
Person als der Mutter großgezogen wurde, dann wird der Übende gebeten, sich an
diese Person zu erinnern. Die Erfahrungen mit der Mutter in der eigenen Kindheit
werden langsam im Gedächtnis wachgerufen.
Der Naikanleiter wird alle 1 bis 2 Stunden zum Übungsplatz kommen, sich
verbeugen und mit leiser Stimme fragen: "Welche Erfahrungen prüfst du
jetzt?" Der Übende wird sehr häufig antworten, wie die Mutter ihn
behandelt hat und was die Mutter ihm angetan hat. Der Naikanleiter wird ihn
seinerseits daran erinnern, daß er seine Mutter von seinem eigenen Standpunkt
aus betrachtet - es handelt sich um äußere Beobachtung (Gaikan) und nicht um
Selbstbeobachtung (Naikan) - und wird ihn anspornen weiterzuprüfen, was er im
Zeitabschnitt der Betrachtung gegenüber der Mutter getan oder gesagt hat.
An dieser Stelle müssen wir die beiden grundlegenden Prinzipien der
Naikan-Methode herausarbeiten:
1. Die Naikan-Therapie betrachtet - unter vielen menschlichen
Verhaltensweisen - die Verhaltensweisen gegenüber anderen Menschen als das
grundlegende Element von größter Wichtigkeit in der Formung der
Persönlichkeit. Und in der Beziehung zu anderen Menschen wird die Beziehung zu
den Eltern, vor allem zur eigenen Mutter, als grundlegendste von allen
angesehen; und gleich danach kommen die Beziehungen zu Vater, Brüdern und
Schwestern, Großeltern, Freunden, Lehrern und anderen Menschen in absteigender
Reihenfolge im Grad der Wichtigkeit.
Mit anderen Worten wird die eigene Beziehung zu Mutter und Vater, das heißt,
inwieweit man der Mutter oder dem Vater Verständnis entgegenbringen kann, die
Grundlage für das Verständnis für alle anderen Menschen bilden. Aus diesem
Grund stimme ich Professor John I. Kitsuse5 nicht zu, der Naikan-Therapie als
Methode versteht, die ein typisch japanisches Konzept des Ich und seiner
Beziehung zur Gesellschaft reflektiert. In jeder Gesellschaft, egal welcher
Rasse, steht außer Zweifel, daß das Verständnis eines Kindes für andere
Menschen grundlegend durch sein Verständnis für seine Eltern beschrieben wird.
Wenn es gegenüber seinen Eltern Mißverständnisse gibt, dann folgt daher, daß
sein Verständnis für alle anderen Menschen notwendigerweise verzerrt ist. Wenn
das so ist, dann kann sich, wenn sein Verständnis für seine Eltern einen
Wandel erfährt, gleichzeitig die Beziehung zu allen anderen Menschen ändern.
2. Naikan-Therapie erfordert Selbst-Beobachtung und nicht äußere
Beobachtung. Wenn der Übende seinen Ärger oder seine Vorwürfe gegenüber
seinen Eltern ausdrückt, sagt ihm der Naikanleiter, daß er nichts anderes als
äußere Beobachtung macht und empfiehlt ihm zu prüfen, was er gegenüber
seinen Eltern gemacht hat. Das wirkt wie eine Offenbarung für den Übenden. Bis
dahin hat er für selbstverständlich gehalten, was seine Eltern für ihn
gemacht haben, aber wenn er überlegt, was er für seine Eltern getan hat,
erkennt er, daß er nicht eine einzige Sache gemacht hat und daß er nicht
einmal die Absicht hatte, etwas für sie zu tun.
Wenn er seine Eltern von diesem Standpunkt aus noch einmal betrachtet, wird
er von der Größe seiner Schuld gegenüber seiner Eltern überrascht sein. Wenn
man es in Geld berechnen wollte, dann würde es Millionen von Yen kosten, ihn
großzuziehen. Er wäre nicht in der Lage, seinen Eltern die Schuld
zurückzuzahlen, solange sie noch leben - noch hatte er seine Dankesschuld nicht
wahrgenommen und nur Beschwerden geäußert - durch diese Überlegungen wird er
fühlen, wie undankbar er seinen Eltern gegenüber war, und er wird von einer
lange vergessenen Liebe berührt.
Sein früherer Standpunkt hat jetzt eine Umkehr erfahren. In der ersten
Phase, in der der Übende seine Eltern durch äußere Beobachtung betrachtet
hat, hat er seine Eltern von einem egozentrischen Standpunkt aus gesehen, wobei
er nur seine eigenen Wünsche zu erfüllen suchte. In der zweiten Phase, in der
im Übenden tiefe Gefühle der Dankesschuld erwachen gegenüber den Eltern, die
ihn mit all seinen eigennützigen Beschwerden und seiner Undankbarkeit liebten
und ihn bis zum heutigen Tag großzogen, erscheint eine neue Haltung, die auf
tiefer Liebe für seine Eltern gegründet ist..
Diese Haltungsänderung könnte als ein Sprung von der Sichtweise der
egoistischen Triebwelt von Freud (Es) zur Sichtweise der Liebe und des
Verantwortlichseins von Frankl6 interpretiert werden. Dieser Sprung wird
möglich durch die Frage des Naikanleiters: "Was hast du für deine Eltern
gemacht?" Nachdem man den Sprung zur Sichtweise der Liebe erfahren hat,
wird man in der Lage sein zu erkennen, wie engstirnig diese Art zu denken war,
und man wird den Eltern mit mehr Wohlwollen gegenüberstehen.
E. In den ersten zwei Tagen etwa bestehen die Antworten des Naikanübenden
nur in Beschwerden, Ärger und Haßgefühlen gegenüber seinen Eltern oder
anderen Menschen. Der Naikanleiter hört ihm zu und bringt keine Einwände
dagegen vor. Der Naikanleiter empfiehlt ihm nur sich zu erinnern, was er in der
Vergangenheit getan hat oder nicht getan hat.
Das wahre Selbst des Übenden, oder was Frankl als das geistig Unbewußte
bezeichnet, wird zirka um den dritten Tag zum Vorschein kommen und der Übende
wird davon zu sprechen beginnen, oft unter Tränen, wie sehr er bis jetzt im
Unrecht war.
Wenn einmal das wahre Selbst im Bewußtsein des Übenden erwacht ist, wird es
sich in zwei Richtungen entwickeln. Einmal wird er sich an die früheren
Torheiten und Verfehlungen erinnern, und er wird erfüllt von Gefühlen der
Schuld7. Dies kann nicht mit dem Begriff der Frustration oder des Komplexes nach
der Schule Freuds erklärt werden. Jene gehören zur Welt des Unbewußten des
Es. Dies kann vielmehr verstanden werden als Erwachen des wahren Selbst, das im
geistig Unbewußten verborgen ist. Es wirft ihm vor, das ätherische Selbst so
weit zu täuschen und dieses sündhafte Leben zu führen. Nach Herrn Yoshimoto
ist das vergleichbar mit dem Staatsanwalt, der vor Gericht gegen den Täter
Anklage erhebt. In der Tat, man kann den Staatsanwalt als Repräsentanten des
wahren Selbst der Gesellschaft bezeichnen.
Der Übende sieht klar mit seinem geistigen Auge die unzähligen Verfehlungen
in der Vergangenheit, zum Beispiel Diebstahl, Verletzungen, Beschimpfungen,
Sexualverhalten entgegen ethische Grundsätze usw., eine nach der anderen. Man
kann diese früheren Verfehlungen nicht vergessen. Das liegt nicht darin
begründet, weil sie aus Frustration entstanden sind, sondern weil man seinem
wahren Selbst etwas vorgetäuscht hat und Übeltaten begangen hat. So wie man
sich das ganze Leben an Tugend und Liebe erinnert, so erinnert man sich auch an
Sünde. Der Übende gerät aus der Fassung ob der genauen Anklagepunkte des
wahren Selbst und er kommt zu dem Schluß, daß er nicht länger rechtfertigen
kann, andere mit seiner Existenz zu belasten, sodaß die Lösung allein im
Suizid liegt.
An diesem Punkt führt ihn das reale Leben in eine andere Richtung. Es führt
ihn zum Erkennen der Liebe der Mutter oder des Vaters, die ihn bis zu diesem Tag
großgezogen haben, mit all seinen Sünden, mit all seinen Beschwerden und
Klagen. Er mag seiner Mutter gegenüber murren, er mag mit ihr unzufrieden sein,
er mag sie sogar hassen. Aber wenn er es sich genau überlegt wurde er von ihr
ernährt, von ihr umsorgt, und er konnte das sein, was er heute ist. Im
Vergleich zu den Schwierigkeiten seiner Mutter ihn großzuziehen ist seine
eigene Frustration vollkommen unbedeutend. Dann ist der Übende überwältigt
von der großen Liebe seiner Mutter zu ihm. Liebe ist ein ewiges Gefühl. Die
Mutterliebe, die irgendwo in der Tiefe unseres Bewußtseins bewahrt wurde, kommt
wieder hervor und er hat das Gefühl, als würde sie über allem auf dieser Erde
liegen. Und er ist jetzt vom Gefühl des Glücks erfüllt. Das ist etwas anderes
als das vorübergehende Vergnügen, das man empfindet, wenn ein Wunsch
befriedigt wird. Das ist die Freude über das ewige Leben, die das Selbst
empfindet, tief im Grunde des Bewußtseins.
F. Wenn das wahre Selbst (geistig Unbewußte) einmal erwacht ist, schreitet
der Naikan-Prozeß reibungslos voran. Die alten Sünden und Übeltaten, die
unter dem Mantel des Vergessens verborgen lagen, werden erneut zum Vorschein
kommen, eine nach der anderen, und er wird überwältigt sein von der Größe
der Liebe seiner Eltern, die ihn erduldet und ihm vergeben und ihn
widerstandslos ernährt haben.
Beginnend mit der Mutter erstreckt sich der Naikan-Prozeß weiter auf Vater,
Bruder und Schwester, Freunde, Lehrer und so weiter, in der Reihenfolge der
Kontakte. Nachdem der Übende das Verständnis für seine Eltern erneuert hat,
erneuert sich das Verständnis für andere Menschen von selbst und ohne
Schwierigkeiten. Er erkennt, wieviel Unterstützung er von ihnen erhält und
Gefühle der Dankbarkeit treten an die Stelle von Haß, Ärger und Beschwerden.
Das entschuldigt nicht jedes Verhalten seiner Eltern oder Freunde. Aber er kann
jetzt Verständnis für ihren Standpunkt aufbringen und auch andere Bedeutungen
in ihrem Verhalten sehen.
Ein Übender hatte seine Sehkraft durch einen Unfall verloren. In der
Naikan-Behandlung hat er Sehkraft erworben, mit seinem geistigen Auge, und er
konnte dem Mitarbeiter vergeben, der seine Augen verletzt hatte und empfindet
heute Dankbarkeit gegenüber dem Mitarbeiter.
Ein anderer Übender, der seine Schwestern durch Tuberkulose verloren hat und
der seinen Kummer nicht überwinden konnte, kam im Naikan an einen Punkt, wo er
dachte, daß der Tod seiner Schwestern die Anti-TBC Bewegung gefördert haben
könnte, was zur Entdeckung von neuen Medikamenten geführt hat; seine Trauer
verwandelte sich in Dankbarkeit.
Die Übenden befreien sich im Naikan-Prozeß, von früherer Trauer, von
Ärger und Ressentiments, und werden statt dessen erfüllt mit Freude und
Dankbarkeit. Sie können jetzt die Welt in einem anderen Licht sehen, wo sie von
der Liebe der sie umgebenden Menschen unterstützt werden.
Sie sind überrascht über die Veränderung in ihnen und sie werden ermutigt,
Schwierigkeiten entgegenzutreten mit einem vorausahnenden Sinn für die neuen
Bedeutungen, die das wahre Selbst in ihnen sehen wird.
G. Nach Freud kann der Ursprung von irrationalen oder impulsiven
Verhaltensweisen auf frühere Frustrationen zurückgeführt werden, oder auf
einen Komplex, der sich aus einer Reihe von Frustrationen zusammensetzt, die der
Welt des Unbewußten, dem Es zugeordnet sind. Und er führt die früheren
Frustrationen und Komplexe auf das Säuglingsalter und die frühe Kindheit
zurück.
Die Naikan-Therapie versucht ebenfalls, die Ursachen für das jetzige
Unglücklichsein in der Reihe von früheren Beschwerden, Unzufriedenheit und
Ärger zu finden. Aber die Freudianer versuchen die Frustration zu sublimieren,
indem sie deren Kern an die Oberfläche, in die bewußte Welt holen, wohingegen
die Naikan-Methode das Selbst selbst transformiert; das Selbst, das von den
egozentrischen Wünschen regiert worden war, wandelt sich in das, was Frankl als
das geistig Unbewußte (Tiefenperson) bezeichnet, und dieses geistig Unbewußte
läßt ihn erkennen, daß er andere Menschen nur als Werkzeuge gesehen hatte,
die zur Erfüllung seiner eigenen Wünsche dienten, mit dem Ergebnis, daß er
die Liebe der anderen Menschen, die ihn umgeben, nicht sehen konnte. Die Freud ´sche Schule wendet verschiedene Techniken an, um den Komplex in der
unbewußten Welt des Es zu entdecken, während es der Naikan-Therapie ohne
solche Techniken gelingt, dass sich der Übende an die unzähligen
Unzufriedenheiten und Verfehlungen erinnert, die tief in seinem Unbewussten
vergraben waren. Wir können aus dieser Tatsache sehen, dass solche
Unzufriedenheiten, Verfehlungen oder Versäumnisse nicht in der ganzen Tragweite
erfasst werden können, bevor man nicht zu seinem wahren Selbst (geistig Unbewussten) gefunden hat. Andernfalls können sie nicht in die
bewusste Welt
aufsteigen. Folglich täuscht man sein wahres Selbst und vergisst die Tatsachen.
Man macht anderen nur Vorwürfe und versucht, seinen eigenen Standpunkt zu
rationalisieren, indem man seine eigenen Versäumnisse vollkommen übersieht.
Solange das Interesse nur der Erfüllung der eigenen ego-zentrierten Wünsche
gilt, selbst wenn diese für eine kurze Zeitspanne befriedigt werden können,
kann es niemals Freude aus dem Grunde des Herzens geben. Wenn man sein wahres
Selbst täuscht, kann man andere Menschen nicht respektieren oder ihnen
vertrauen, und obwohl man große Töne spucken mag, man ist voller Komplexe der
Angst, Trauer, Einsamkeit und Leere. Wenn man einmal das wahre Selbst entdeckt,
werden sich die Augen öffnen für Wahrheit und Liebe, man wird sich von der
Liebe von unzähligen anderen getragen finden und von Freude und Glück statt
von Trauer durchdrungen sein.
Das ist keine Hoffnung oder Erwartung für die Zukunft, sondern die
Entdeckung der Wahrheit, in der man das ganze Leben vom Tag der Geburt an gelebt
hat.
Die Entdeckung des wahren Selbst befiehlt, alle Sünden, die man in der
Vergangenheit begangen hat, zu tilgen. Die vergangenen Sünden zu beschönigen
ist wie eine Schuld zu ignorieren; die Schuld wird nicht aufhören zu
existieren, bis sie bezahlt wird. Wenn man an die Schuld von Sünden gebunden
ist, wird man nicht von Angst und Einsamkeit frei sein, und das macht das
Gefühlsleben immer unstabil.
Nachdem das wahre Selbst die gesamte Schuld von den eigenen vergangenen
Sünden und Verfehlungen getilgt hat, fühlt man sich gereinigt und gesäubert
in Körper und Seele.
H. Der Übende, der seine Sünden getilgt hat und sich der Liebe der ihn
umgebenden Menschen bewusst geworden ist, wird, in der letzten Phase des
Naikan-Prozesses, bei dem Gefühl ankommen, dass er den Trieb verspürt, für
seine Eltern und für alle anderen Menschen auf der Welt etwas zu tun. Es bedarf
keiner Anstrengung, andere Menschen zu übertreffen, aber es braucht
Anstrengung, die eigene Schuld der Sünden zu bezahlen und auf die uns
angebotene Liebe zu antworten.
Zum Beispiel sagt ein Übender, der Naikan im Gefängnis erfahren hat:
"Wenn ich an die Sünden denke, die ich begangen habe, macht es mir niemals
etwas aus, wenn ich misshandelt oder sogar getötet werde. Solange ich leben
darf werde ich mich der Aufgabe widmen, andere durch ein Leben mit selbstlosen
guten Werken zu entschädigen."
Die Existenzanalyse nach Frankl versucht ebenfalls, das wahre Selbst eines
Menschen zu wecken. Nach seiner Theorie kann der Mensch die Lebenskrise nicht
meistern, indem er vor ihr flieht, sondern durch die eifrige Bemühung und den
Versuch, die Bedeutung der Krise in seinem Leben zu verstehen und für das
eigene Verhalten die Verantwortung zu tragen.
Aber in der Theorie von Frankl wird nicht klar erklärt, wie das wahre Selbst
eines Menschen geweckt wird. Es scheint, dass seine Existenzanalyse einen
Berater mit exzellenten Fertigkeiten und Einsicht voraussetzt, der dem Klienten
im Laufe des Gesprächs die geeigneten Ratschläge geben kann.
Die Naikan-Therapie andererseits benötigt keine solchen Fertigkeiten oder
Techniken. Jeder Übende wird gebeten, einfach zu sitzen und die Reflexion leise
zu wiederholen. Der Naikan-Praktiker, der Naikanleiter, muss kein Mensch mit
einer ansehnlichen Laufbahn in der Psychotherapie sein. Er ist qualifiziert,
wenn er die Fähigkeit besitzt, die Phase wahrzunehmen und zu unterstützen, in
der sich dem Übenden das wahre Selbst zeigt, aber mehr nicht. Keine weiteren
Fertigkeiten oder Einsicht sind erforderlich.
I. Eine Kritik an Naikan ist die Befürchtung, dass die Befreiung von
Unzufriedenheit und Beschwerden durch Naikan unweigerlich zu Konservatismus und
Rückschritten führen könnte. Die Prämisse für diese Kritik ist die Annahme,
dass die Unzufriedenheit und die Beschwerden des Menschen der Vater des
Fortschrittes sind. Aber ist diese Prämisse korrekt? Wir können nicht
voraussetzen, dass wirkliche Innovation aus der Ansammlung von Unzufriedenheiten
und Beschwerden entsteht. Wenn man jemandes Unzufriedenheit befriedigt, wird ihr
eine neue folgen. Die Befriedigung der egozentrischen Frustration oder des
Komplexes wird sofort eine andere Frustration oder einen Komplex erzeugen, und
dabei wird es kein Ende geben. Die Verwirklichung des wahren Selbst andererseits
drängt den Menschen dazu, von einem höheren Standpunkt aus noch einmal zu
überdenken, was echter Fortschritt für den Menschen ist und welche Innovation
für den Menschen notwendig ist. Diese Reflexion wird zur Idee führen, dass
Unzufriedenheit und Beschwerden, die auf die Nichtbefriedigung der kleinen
egozentrischen Wünsche zurückzuführen sind, echten menschlichen Fortschritt
und Innovation verhindern und ihn statt dessen zu Zerstörung drängen.
Eine weitere Kritik an Naikan ist, dass der Naikan-Übende alles auf seine
eigene Verantwortung reduziert, nur sich selbst die Schuld zuschreibt, aufhört
kritisch zu sein und nur noch Worte des Lobes und der Dankbarkeit kennt.
Diese Kritik ist ebenfalls falsch. Ein Mensch, der von egozentrischen
Wünschen kontrolliert wird, schaut oft auf andere Menschen herab, als wären
sie Werkzeuge, die seinen Zwecken dienen müssten. Wenn seine Wünsche nicht
befriedigt sind, weiß er nichts anderes, als sich über Menschen zu ärgern.
Das wahre Selbst andererseits lehnt eine solche egozentrische Haltung ab und
auch den Ärger, der daraus folgt. Das wahre Selbst macht den Menschen unfähig,
auf Dinge von einem höheren Standpunkt hinunterzuschauen. Daher wird er, selbst
wenn er die Sünde oder den Fehler einer anderen Person kritisiert, nicht die
menschliche Liebe übersehen, die trotz allem in ihm existiert.
J. Kehren wir nun zurück zu der Frage, die am Beginn dieses Artikels
aufgeworfen wurde: "Wie übt Naikan Einfluss auf eine Person aus?" Der
Naikan-Prozess erfordert, vom Standpunkt des äußeren Beobachters aus
betrachtet, vom Übenden, eine Woche lang allein in einem Raum zu sitzen, indem
er sein früheres Verhalten reflektiert. Der Naikanleiter besucht ihn von Zeit
zu Zeit und gibt ihm Ratschläge: "Wem gegenüber reflektierst du gerade?
Bitte prüfe nur, was du für ihn gemacht hast." Das ist alles. Es wird
keine Therapie mit einer speziellen Arznei unternommen und es gibt keine
Ratschläge oder Hilfe von einem Berater mit fachgerechter Einsicht. Es hängt
gänzlich vom Übenden selbst ab. Es ist ein Prozess, in welchem der Übende
seine vergangenen Erfahrungen prüft und reflektiert, und durch die Reflexion
wird die Selbst-Umgestaltung vervollständigt. In der letzten Phase der
Selbst-Umgestaltung wird der Übende beginnen, dem Naikanleiter vergangene
Sünden anzuvertrauen, die er sein Leben hindurch für sich behalten hat.
Wirft nicht dieser Prozess der Selbst-Umgestaltung, der mit Reflexion beginnt
und im Bekenntnis endet, Licht auf das Geheimnis der Struktur des menschlichen
Geistes? Dies scheint auf das Problem der unbewussten Welt zu weisen. Frankl
behauptet, dass hinter der unbewussten Welt zwei andere unbewusste Welten
liegen. Die eine, die Welt des Es, in der sich die Ansammlung der egozentrischen
Wünsche befinden, und die andere, die Welt des geistig Unbewussten.
Der Naikan-Prozess scheint dieser Theorie zu entsprechen. Während einer
Woche stiller Reflexion über sein vergangenes Verhalten, und mit den
Ratschlägen des Naikanleiters, macht der Übende einen Sprung vom
egozentrischen Selbst zum geistig Unbewussten, zum wahren Selbst, beinahe
gänzlich aus eigener Kraft.
Es scheint, dass das geistig Unbewusste zwei Funktionen hat: in der Lage zu
sein, die eigenen Sünden zu erkennen und zu fürchten, sowie von Liebe berührt
zu sein. Das Erkennen der eigenen Sünden scheint mit dem übereinzustimmen, was
Frankl Verantwortlichsein nennt. Sünde und Liebe scheinen die zwei Quellen von
Ethik und Religion zu sein. Und daraus folgt, dass es undenkbar ist, eine
psychologische Therapie zu entwickeln, ohne die Ethik und die Religion des
Menschen zu berücksichtigen, wenn die Therapie dem Ziel dienen soll, den
Menschen umzugestalten.
Die Tatsache, dass die Erinnerung an Sünde und Liebe mehr als Jahrzehnte
lang im eigenen Geist erhalten bleibt, scheint darauf hinzuweisen, dass sie
ewige Dinge sind, und das geistig Unbewusste besitzt die Sensibilität, von den
ewigen Dingen beeindruckt zu sein. Die Sensibilität des geistig Unbewussten
belebt die Liebe der eigenen Mutter wieder, die vielleicht jahrelang tot war,
und die wiederbelebte Liebe wird bewirken, dass man all seine vergangenen
Sünden bekennt - das ist der Mechanismus, der hinter der Umgestaltung des
Menschen arbeitet. Das heißt nicht, dass die Liebe gegeben ist. Durch die
Reflexion die Sensibilität für die Liebe zu erwerben - das scheint das
Geheimnis der Naikan-Therapie zu sein.
Übersetzung aus dem Englischen: Johanna Schuh.
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Johanna Schuh
ist Geschäftsführerin des Naikido-Zentrums, Dipl.Sozialarbeiterin und Naikan-Leiterin |
1 Anm. d. Übers.: Der Begriff "Sekte" ist im Japanischen einfach
die Bezeichnung für "Religions-" oder
"Glaubensgemeinschaft". Der Begriff ist absolut neutral und hat nicht
den negativen Beigeschmack, den der Begriff "Sekte" im Deutschen
besitzt.
2 Anm. d. Übers.: Der Shintoismus ist in Japan neben dem Buddhismus die
Religion, die am weitesten verbreitet ist. In Japan ist es nicht ungewöhnlich,
dass man mehreren Religionen gleichzeitig angehört. Der Shintoismus ist eine
Art 'Naturreligion', er wurde in Japan bereits praktiziert, bevor der Buddhismus
entstand. Im Buddhismus selbst gibt es verschiedene Richtungen, die
verbreitetste Richtung ist der Jôdô-Shin-Buddhismus. Ishin Yoshimoto, der
Begründer der Naikan-Methode, gehörte ebenfalls der Richtung des
Jôdô-Shin-Buddhismus an.
3 Anm. d. Übers.: Japanisch "sensei" heißt übersetzt
"Lehrer". "Sensei" wird im Japanischen als höfliche Anrede
für eine Person benutzt, die in irgendeiner Form Wissen an andere Personen
weitergibt. Der Autor verwendet im englischen Original durchgehend die
Bezeichnung "Sensei", die im Deutschen jedoch nicht üblich ist. Daher
habe ich in der deutschen Übersetzung durchgehend den allgemein üblichen
Begriff "Naikanleiter" verwendet. Zutreffender als der Begriff "Naikanleiter"
wäre eigentlich "Naikanbegleiter".
4 Anm. d. Übers.: Dies ist ein Unterschied zur Form, wie Naikan in Europa
praktiziert wird, denn in Europa kann man sich im Naikan auch hinlegen. Es wird
lediglich empfohlen, die Zeit für die Selbstbeobachtung auch wirklich zu
nützen.
5 J. I. Kitsuse, "How Japan Reforms Prisoners" (New Society 5 March
1964)
6 V. E. Frankl, "Der Unbewusste Gott", 1948.
Anm. d. Übers.: Ich habe für die Übersetzung V. E. Frankl, "Der
Unbewusste Gott", München, 1974, 2. Aufl. 1977 herangezogen. Frankl
spricht auf S.13 von "Verantwortungsgefühl" und
"Verantwortlichsein", das die Existenzanalyse "in den Mittelpunkt
des menschlichen Daseins" stellte. Auf S.14 schreibt Frankl: "[...]
denn in der Psychoanalyse wird ja Triebhaftes bewusstgemacht, zum Bewusstsein
gebracht - in der Existenzanalyse jedoch wird etwas wesentlich anderes, wird
nicht Triebhaftes, sondern Geistiges bewusst. Ist doch das Verantwortlichsein
bzw. das Verantwortung-haben die Grundlage menschlichen Seins als eines
geistigen und nicht als eines bloß triebhaften; geht es doch in der
Existenzanalyse um menschliches Sein eben nicht als Getriebensein, sondern um
das Verantwortlichsein, eben um die - geistige! - Existenz." Auf S.16
prägt er den Begriff "Das geistig Unbewusste". Auf S.21 spricht
Frankl von "Tiefenperson".
7 Anm. d. Übers.: Der Begriff "Schuld" hat im Japanischen nicht
den negativen Beigeschmack wie im Deutschen. Im Japanischen wird Schuld als
etwas Positives gesehen, da nicht nur im psychologischen Fachbereich, sondern
auch im allgemeinen Verständnis davon ausgegangen wird, dass ein Schuldkomplex
dadurch entsteht, indem man Schuld verdrängt. Wenn man die Schuld nicht mehr
verdrängt, sondern sie als solche erkennt und anerkennt, dann verschwindet auch
der Schuldkomplex. Aus diesem Grund wird der Begriff "Schuld" im
Japanischen sehr positiv besetzt. Weiters ist festzustellen, dass in unserem
Kulturkreis nicht zuletzt die christliche Tradition den Begriff
"Schuld" negativ besetzt hat, als etwas, das man nicht auf sich laden
sollte, weil damit Strafe verbunden ist.
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