Alkoholismus
In Dresden wird Naikan vom
deutschen Psychotherapeuten Armin Morich ambulant in der Alkoholtherapie eingesetzt.
Bereits in fünf ambulanten Einrichtungen werden die Therapieprozesse durch Naikan
unterstützt und die Erfahrungen damit sind erfolgversprechend.
In Japan ist Naikan ein Teil der
Alkoholtherapie im ganzen Land. Die Ergebnisse haben bewirkt, dass viele Krankenhäuser
Naikan in ihr Therapieangebot aufgenommen haben. Naikan-Leiter sind dort Ärzte,
Krankenschwestern oder Pfleger. Die Palette reicht vom Ein-Tages-Naikan, das einmal
wöchentlich absolviert wird, bis hin zu regulären Wochen-Naikans.
Japanische Psychiater, die Naikan in der
Alkoholtherapie einsetzen, betonen, wie wichtig für eine zukünftige Bewältigung des
Lebens für den Alkoholiker eine tiefgehende Änderung seiner Persönlichkeit ist. Eine
reine Entzugstherapie kann das nicht leisten. Am besten haben sich dabei noch
Selbsthilfegruppen oder eben Naikan bewährt. Dr. Makato Kusano, der Leiter des
Öffentlichen Psychiatrischen Krankenhauses in Toyama, Westjapan, schreibt darüber:
Man könnte sagen, dass im
Hintergrund der Abhängigkeit des Alkoholikers (zum Alkohol) ungesunde, unreife
menschliche Beziehungen (Abhängigkeitsbeziehungen) stehen.
Das Basiskonzept von Naikan ist, dass im
Entstehen des Selbst das eigene Verhalten gegenüber anderen von fundamentaler Bedeutung
ist und die Ursache dafür in der Beziehung zur Mutter zurückverfolgt werden kann. Die
Naikan-Therapie beginnt mit der Mutter und geht dann weiter zur Betrachtung anderer
Menschen, die im Leben der Person eine Rolle gespielt haben.
Ein Alkoholiker, der auf sein vergangenes
Leben zurückblickt, erkennt, wie falsch es ist, den Menschen, die ihn umgeben, so viele
Schwierigkeiten zu bereiten und er entdeckt auch die enorme Zuneigung, die diese Menschen
ihm regelmäßig entgegengebracht haben, obwohl er es nicht verdient. Er beginnt eine
Haltung zu entwickeln, aus der heraus er versucht, bei diesen Menschen Wiedergutmachung zu
leisten, im speziellen bei seiner Frau und seinen Kindern. Und die einzige Art der
Wiedergutmachung ist, mit dem Trinken aufzuhören und ein neues Leben zu beginnen.
Das Ziel einer Behandlung von
Alkoholismus ist nicht einfach auf Dauer nüchtern zu bleiben, sondern notwendigerweise
ein konstruktives Leben zu beginnen. Nach unseren Erfahrungen kann diese Art von
Transformation durch Naikan wirklich stattfinden."
Dr. Takahiro Takemoto, der Leiter des
Ibusuki Takemoto-Spitals in Kyushu im Süden Japans, beschreibt in der österreichischen
Naikido-Zeitschrift einen sehr beeindruckenden Fall einer solchen Einsicht durch einen
Alkoholabhängigen. Der betreffende Patient wurde während seines Militärdienstes
Alkoholiker und setzte das Trinken auch fort, nachdem er geheiratet hatte. Die Ehe ging in
Brüche und er erhielt die Obsorge über seine beiden Töchter. Die ältere starb an
akuter Lungenentzündung und die jüngere kam bei einem Unfall mit einem Heizstrahler ums
Leben. Danach wurde sein Trinken exzessiv und er nahm täglich große Mengen starken
Alkohols zu sich. Schließlich begann er auch aggressiv zu werden und wurde mehrmals in
polizeilichen Gewahrsam genommen. Auch wenn er mit schweren Alkoholvergiftungen ins
Krankenhaus eingeliefert wurde, verweigerte er sämtliche Therapiemaßnahmen. Schließlich
stimmte er zu, an einer Naikan-Woche teilzunehmen, wahrscheinlich in der Hoffnung, dann
bald wieder aus dem Krankenhaus entlassen zu werden.
Dr. Takemoto schreibt darüber:
Wie auch immer, am dritten oder
vierten Tag war es offensichtlich, dass er alles betreffend Entlassung vergessen hatte und
in Naikan versunken war. Als hauptsächliche Ursache dafür, dass Herr Kubo (Name
geändert) sich auf Naikan einlassen konnte, erschien seine Entdeckung jener Liebe, die
ihm seine Eltern entgegengebracht hatten.
Ich war verblüfft, auf wie viele Arten
ich meiner Mutter Schwierigkeiten bereitet hatte und wieviel sie für mich getan hatte.
Als ich erkannte, wie meine Mutter 36 Jahre lang nach mir gesehen hatte, mit soviel Sorge
und Zärtlichkeit - ungeachtet meiner Selbstbezogenheit - saß ich da hinter meiner
Abschirmung und weinte. Ich glaube, dass auch mein Vater mich immer mit großmütigem
Herzen geachtet hatte.
Wenn einem Menschen die Selbsterkenntnis
fehlt, dass er alkoholabhängig ist, wird er keinen Wunsch nach Behandlung entwickeln und
er wird auch nicht wirklich versuchen, mit dem Trinken aufzuhören. Es passierte, als Herr
Kubo sein vergangenes Verhalten gegenüber seiner Frau und seinen Kindern betrachtete: Er
wurde sich seiner Krankheit voll bewußt.
Über meine Frau: Ich heiratete im Alter
von 21 Jahren und wir hatten zwei Kinder, aber schließlich verließ mich meine Frau wegen
meines Verhaltens, wenn ich betrunken war und auf Grund meiner Gedankenlosigkeit.
Unglücklicherweise - ebenso wegen meiner Gedankenlosigkeit - starb meine ältere Tochter
an einer Krankheit, meine jüngere Tochter starb bei einem Unfall und ich brach jeglichen
Kontakt zu meiner Frau ab. Ich wünsche mir ehrlich, ich könnte meine Frau nun sehen und
mich bei ihr ernsthaft entschuldigen.
Die Fehler der Vergangenheit zu
korrigieren heißt zu allererst, mit dem Trinken aufzuhören. Wie auch immer, wenn ein
Mensch von jemand anderem (Familie, Therapeut) zur Mäßigkeit gezwungen wird, kann sie
nicht aufrechterhalten werden. Solange kein freiwilliger, eigenständiger Entschluß
vorliegt, mit dem Trinken Schluß zu machen, ist fortlaufende Mäßigkeit unmöglich.
Als ich erkannte, dass sich meine Eltern
so um mich kümmerten, dass sie mir monatlich Briefe und Pakete zuschickten, sagte ich
mir: Gut, es ist noch nicht zu spät. Solange Vater noch lebt, Mutter gesund ist, will ich
ehrlich meine Schuld bei ihnen begleichen, indem ich nüchtern werde. Ich begann zu
merken, dass ich den Entschluß faßte, es durchzuführen.
Wenn ein Mensch intensiv darüber
nachdenkt, wie vielen Menschen er durch den Konsum von Alkohol Schwierigkeiten gemacht
hat, entsteht der Wunsch nach Wiedergutmachung. Er kommt zur Erkenntnis, dass der Aufbau
besserer Beziehungen zu diesen Leuten genauso zu deren, wie zum eigenen Glück beiträgt.
Wie auch immer, er kommt zu der
schmerzvollen Einsicht, dass der Versuch, bessere Beziehungen aufzubauen, vergleichbar
wäre mit Sandburgen oder Luftschlösser bauen, solange er nicht konsequent nüchtern ist.
Herr Kubo kam zu einer Entscheidung:
Ich fragte mich erstaunt, ob ich
überhaupt jemals zuvor über andere Leute nachgedacht hatte. Ich glaube, es war das erste
Mal in meinen 36 Jahren, dass ich erkannte, was für ein elender Narr ich war, wie
selbstbezogen und wie viele Schwierigkeiten ich meinen Eltern bereitet hatte, dass ich
meine Brüder und Schwestern und andere Leute immer belogen hatte. Was ich während dieses
Intensiv-Naikans erkannte, war zuallererst meine Selbstbezogenheit und wie verstrickt ich
war in meine Gedankenlosigkeit anderen gegenüber und in meinen Selbsthaß.
Von jetzt an gelobe ich ernsthaft,
nüchtern zu bleiben und in meinem Leben an einem geraden Weg festzuhalten, niemals meine
Verpflichtung meinen Eltern gegenüber vergessend oder die Rücksichtnahme gegenüber
meiner Frau und jener Dinge, die ich in Naikan erkannt habe. Ich bin fest entschlossen,
auf mich selbst gut achtzugeben und von nun an im Sinne meiner Verpflichtungen w.o.
angeführt, zu leben.
Herr Kubo verließ das Spital mit diesem
Entschluß und praktiziert auch noch jetzt täglich Naikan.
Zusammenfassung:
Um mit dem Trinken aufzuhören, genügt
es nicht, bloß einen Entschluß zu fassen. Man muß die psychische Stärke besitzen,
diesen Entschluß dauerhaft umzusetzen. Da die Naikan-Therapie eine vergleichsweise
restriktive Methode der Behandlung ist, kann man vermuten, dass ein erhebliches Maß an
Ausdauer und psychischer Stärke einfach dadurch kultiviert wird, indem man sich dieser
Behandlung unterzieht. Offensichtlich führt die Energie, die man in sorgfältiger
Selbstbetrachtung entdeckt hat, zu der Kraft, mäßig zu bleiben.
Ich frage mich, was es bedeutet, als
Mensch zu leben. Was ist Leben? Als Antwort - einfach gesprochen - erkannte ich, dass das
Menschsein von nun an und für mein restliches Leben Selbstdisziplin bedeutet. Ich bin von
nun an entschlossen, diese Empfindung für den Rest meines Lebens niemals mehr zu
vergessen.
Auf Basis dieser Überlegungen und in der
täglich fortgesetzten Übung von Naikan hält Herr Kubo seine Mäßigkeit aufrecht und -
zum Erstaunen seiner Familie und seines Bekanntenkreises - führt er ein sinnvolles,
ausgeglichenes Leben."
Naikan and Alcohol Dependence
A Case Study
Anonyme
Alkoholiker zentrale Kontaktstelle Österreich
Postfach 91
5400 Hallein
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