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 Vorbehalte gegen die Eltern

Vorbehalte gegen die eigenen Eltern sind im Verständnis der meisten Psychotherapeuten die Ausgangslage einer erfolgreichen Psychotherapie. Grundsätzlich nimmt der Therapeut die Position des Klienten ein und stellt die Richtigkeit oder Berechtigtheit der vorgetragenen Vorbehalten nicht in Frage. Die Projektion oder die Übertragung der von diesen vorbehalten gespeisten emotionalen Sichtweise auf den Therapeuten ist das energetische Grundfeuer, das die Therapie unter Dampf hält. Erst spät auf diesem Weg beginnt der Klient zu erkennen, was die Leistung und Nicht-Leistung der Eltern gewesen ist. Diese Form der Aufarbeitung ist oft sehr lang und mühsam und geht fast immer zu Lasten der aktuellen Beziehung zu den Eltern, die mit Vorwürfen konfrontiert werden, die sie nicht verstehen und denen sie vielfach nicht gewachsen sind.

Naikan geht hier einen ganz anderen Weg, der von vorneherein aus Vorwurfshaltungen, die durch mögliche oder empfundene Unterlassung entstehen, herausführt. Die Defizite, also das, was nicht passiert ist, entstehen in der Erwartungshaltung des Naikan-Teilnehmer und nicht in der Realität. Die Tatsache, dass er oder sie im Naikan sitzen, ist Beweis dafür, dass genug Versorgungsleistung von wem immer erbracht wurden. Naikan nimmt konsequent nur Fakten in Augenschein und ignoriert die Meinungen, die sich ein Teilnehmer über bestimmte Situationen gebildet hat. Nur das, woran er sich konkret erinnert, ist Ausgangslage für den Bewußtwerdungsprozess, den Naikan auslöst. In der Regel bildet zwar die Beschäftigung mit Mutter und Vater (oder den Personen, die ihre Funktionen erfüllten) den Ausgangspunkt der Naikan-Betrachtung. Andererseits ist Naikan überhaupt nicht daran interessiert, was Mutter und Vater in ihrer Versorgungsarbeit nicht gut erfüllt haben. Wir erkennen daraus, dass wir genug Liebe bekommen haben, vielleicht nicht auf die Art, die uns angenehm gewesen wäre, aber auf jeden Fall auf die Weise, die dem Anderen möglich war.

Auch die Falle, in einer Vorwurfshaltung gegen einen mißbrauchenden Elternteil stecken zu bleiben, wird durch die Naikanbetrachtung umgangen. Immer ist es ja das Leiden des Betroffenen, des Naikan-Teilnehmers, um das es geht und eine Vorwurfshaltung, an wessen Adresse auch immer, hält nur den leidvollen Zustand aufrecht. Im Naikan geht es aber um dessen Auflösung.

Wenn also der Übende die nicht-projektive Naikan-Sicht einnimmt und nur mehr sich selbst im Spiegel seiner Beziehungen betrachtet, dann fallen viele Vorbehalte gegenüber Elternteilen wie von selbst zusammen. Einerseits wird erkannt, dass die Vorbehalte durch Leistungsdefizite - gegengerechnet mit den tatsächlichen Leistungen dieser Menschen - meist absolut unbedeutend sind. Andererseits wird erkannt, dass die Aufrechterhaltung von Vorwürfen und Vorbehalten eigentlich nur das eigene Leben schädigt.

Durch die Naikan-Übung können wir die Begrenztheit unserer Mutter und unseres Vaters erkennen und akzeptieren. Viele übersteigerte Erwartungen, die sich aus kindlichen Idealisierungen ergaben und darum zwangsläufig zu fundamentaler Enttäuschung führten, lösen sich durch dieses Akzeptieren einfach auf. Wir werden selbstständig, innerlich unabhängig und kommen in der eigenen Wirklichkeit an. Was für einen Sinn sollte es da noch machen, alten Versäumnissen nachzuweinen und Vorwürfe wegen alter, längst obsolet gewordener Erwartungen aufrecht zu erhalten? Was noch zu tun bleibt, ist anzuerkennen, dass sich Menschen, die einander zweifelsfrei lieben, leider oft auch verpassen. Aber das sollte nur Ansporn sein, in Zukunft sorgsamer mit den Menschen umzugehen, die heute unser Leben mit uns teilen.

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