Fragen & Antworten rund
um Naikan
Ist Naikan eine Sekte?
Antwort von Franz
Ritter: Nein, ganz im Gegenteil. Naikan betont die Selbstverantwortung des
Menschen. Das drückt sich auch in der ganzen Organisationsstruktur aus. Es gibt kein
Naikan-Hauptquartier. Jede Naikan-Organisation, wie zB. jedes einzelne Naikan-Zentrum auf
der Welt, arbeitet selbstverantwortlich und ist mit anderen Naikan-Organisationen nur
freundschaftlich verbunden. Das gilt auch für jeden einzelnen Naikan-Leiter. Wer Naikan
übt, braucht keine Angst zu haben, in irgendwelche obskure Situationen hineingezogen zu
werden.
Flippen Leute im Naikan aus?
Antwort von Franz Ritter:
Dadurch, dass jeder seinen Prozeß im Naikan macht, in seinem eigenen Tempo und der
Naikan-Leiter auf jegliches Pushen verzichtet, ist Naikan eine sehr sichere Methode.
Alles, was jetzt nicht verarbeitet werden kann, fällt dem Übenden einfach nicht ein -
darum gibt es auch keine Notwendigkeit, sich vor überwältigenden Erfahrungen, z.B. durch
die Flucht in psychotische Zustände, zu schützen. Dies gilt natürlich nur für
nicht-psychotische Personen. Interessenten, die in psychiatrischer Behandlung stehen,
bitten wir die Teilnahme mit ihrem behandelnden Arzt abzuklären und auch uns von ihrer
Behandlung in Kenntnis zu setzen.
Ich denke, wir entwickeln uns nicht weiter, wenn man nur
über die Vergangenheit grübelt. Es wäre doch wichtiger, über die Zukunft nachzudenken!
Antwort von Akira Ishii:
Um über die Zukunft zu denken, müssen wir wissen, wie unsere Gegenwart aussieht. Wenn
wir entdecken, was unsere Gegenwart ausmacht, dann erst wird uns unsere Zukunft klar.
Weil unsere Gegenwart aber eine Zusammenfassung unserer Vergangenheit ist, ist es
notwendig, die Vergangenheit anzusehen, um zu wissen, wer wir heute sind. Deswegen hat die
Betrachtung der Vergangenheit eine sehr großen Einfluß auf die Gestaltung unserer
Zukunft.
Außerdem ist unser gegenwärtiges Verhalten eng mit unserer Vergangenheit verbunden. Wenn
wir diese Verbundenheit nicht erkennen, dann können wir uns von diesen Fesseln nicht
lösen. Wenn wir Naikan machen, dann können wir erkennen, daß wir oft Verhalten aus
unserer Kindheit wiederholen und immer wieder ähnliche Schwierigkeiten heraufbeschwören.
Das zu bemerken heißt, sich unserem Wesen zu nähern. Wir entdecken unser gegenwärtiges
Ich in den vergangenen Ereignissen. Wenn wir das nicht schaffen, ist die Gefahr gegeben,
daß wir unser altes Verhalten immer weiter wiederholen.
Natürlich gibt es keinen Fortschritt, wenn wir nur unsere Vergangenheit beklagen und
sagen: "Wenn ich damals das getan hätte, dann würde es jetzt nicht so ......".
Denn wir können die Vergangenheit nicht ändern. Bei Naikan setzen wir uns mit unserer
eigenen Vergangenheit mit Hilfe einer neuen Betrachtungsweise auseinander. Gerade weil wir
die Vergangenheit nicht ändern können, müssen wir lernen, die Tatsachen in unserer
Vergangenheit zu sehen und zu akzeptieren und uns so anzusehen wie wir wirklich sind. Auf
dieser Basis können wir wirklich beginnen, im Hier und Jetzt zu leben.
Wenn wir sagen, daß wir die Vergangenheit nicht mehr anschauen, klingt es gut. Aber wenn
wir nie unser vergangenes Verhalten prüfen, dann leben wir eigentlich frivol und
rücksichtslos unsere alten Muster weiter. Und können uns dadurch in unserem Leben gar
nicht weiterentwickeln.
In einem Bericht über seine Naikan-Erfahrung hat ein Teilnehmer folgendes geschrieben:
"Meine bisherige Haltung war, nie über die Vergangenheit nachzudenken und nur in die
Zukunft zu schauen. Dadurch, daß ich aber in Naikan meine bisherige Lebensführung
betrachtet habe und tief nachdachte, konnte ich über mein Dasein viel umfassendere
Erkenntnisse gewinnen als durch meine bisherige Gesinnung." Ich denke, daß diese
Stellungnahme absolut richtig ist.
Bekommt man durch Naikan Schuldgefühle?
Antwort von Franz Ritter:
Natürlich kommen während des Prozesse alte, verdrängte Schuldgefühle hoch. Aus meiner
Sicht: Endlich. Denn was Verdrängung mit unserem Leben macht, wissen wir alle seit Freud
- auch wenn wiederum in der Zwischenzeit die Mehrheit der Menschheit es wählt, dieses
Wissen zu verdrängen. Und natürlich können während des Prozesses durch die Einsicht in
eigenes Fehlverhalten weitere Schuldgefühle entstehen. Aber nicht die Schuldgefühle sind
das Problem, sondern unser Umgang damit. Die christlichen Kirchen, vorzugsweise die
katholische, haben über mehr als tausend Jahre Schuldgefühle dazu mißbraucht, Menschen
durch die Vorgaukelung von Höllenstrafen zu manipulieren. Dies wurde durch die
alttestamentarische Art, Gott darzustellen, ermöglicht. Heute beginnen wir uns (fast
hätte ich gesagt, gottseidank auch in christlichen Kreisen) von dieser Art des
Gottesbegriffes zu lösen und durchschauen, dass die Hintergründe dieser Art, mit Schuld
umzugehen, machtpolitischer Natur waren.
Geblieben ist uns leider eine gesellschaftliche Deformation, die sich quer durch die
europäisch/nordamerikanische Kultur zieht. Durch tausend Jahre Mißbrauch können wir den
Begriff Schuld nicht mehr hören und reagieren darauf kollektiv neurotisch. Ähnlich wie
ein sexuell mißbrauchtes Kind auf seine gesunde Sexualität neurotisch reagiert, geht es
uns als Ganzes ebenso, weil die Art, wie Kirchen mit Schuld umgingen, natürlich auch
Eingang fand in die Kindererziehung, Autoritätsverhältnisse, Beziehungen, die
Kommunikation zwischen Menschen usw. Wohlverhalten wurde unter ständiger, von einer
absoluten Macht gestützten Strafandrohung gefordert. Und so wurden auch gesunde Impulse,
wie jener, eine schlechte Tat zu bereuen, neurotisiert. Weil gefordert wurde, was sowieso
in jedem gesunden Menschen vorhanden ist. Das war die wirkliche Hölle, in welche die
Menschen in unserer Kultur gesperrt wurden. Wir müssen uns von dieser Neurose befreien -
sowohl kollektiv als auch persönlich.
Durch Naikan habe ich gelernt, für meine Fehlverhalten Verantwortung zu übernehmen. Das
hat mich befreit, nicht noch weiter unterdrückt. Ich habe gelernt, dass tiefe Reue
Reinigung bedeutet und dass ich mich danach besser, nicht schlechter fühle. In unserem
Denken ist da eine völlig verkehrte Sicht entstanden. Wir glauben, dass Reue uns zu Boden
wirft und nicht mehr aufstehen läßt. Diese Umkehrung läßt uns auch die Situation so
ausweglos erscheinen. Dabei ist der Ausweg so einfach und leicht.
Naikan ist glücklicherweise in einer Kultur geboren wurde, die weit gesünder mit Schuld
umgeht. Schuld bedeutet in Japan, Verantwortung für das eigene Tun zu übernehmen. Wenn
zugleich die Illusion aufgelöst wird, selber nie einen Fehler zu machen (die gibt es in
Japan natürlich auch), dann kann das Individuum zurückkehren zu einer gesunden und
gesund machenden Schuld-Einsicht, die vor allem dafür wichtig ist, was der Betreffende in
Zukunft tun wird. Denn die vergangene Tat kann damit nicht ungeschehen gemacht werden.
Aber für die Gesellschaft und für den einzelnen ist es wichtig, dass sie in Zukunft
nicht mehr wiederholt wird.
Ich habe amerikanische und
japanische Texte gelesen, in denen viel von Schuld und Sünde im Zusammenhang mit Naikan
gesprochen wird. Kommt mit Naikan der alte Begriff Sünde im moralischen Sinne wieder
zurück?
Antwort von Franz Ritter:
Ich verwende lieber den Begriff "Verfehlung", der im übrigen auch im
hebräischen Cheth die ursprüngliche Bedeutung des Begriffs Sünde ist. Also nicht wie
später in christlichen Interpretationen der Verstoß gegen ein göttliches Gebot, sondern
eine Verfehlung gegen mein inneres Wissen, mein wahres Selbst. Mit dem Erkennen der
Verfehlung habe ich aber auch die Chance, das nächste Mal besser zu handeln - beim
Verstoß gegen ein göttliches Gebot bin ich auf die Gnade dieses Gottes angewiesen.
Naikan nimmt hier keine Stellung, sondern möchte nur in jenem Teil in uns selbst wirken,
auf den wir ohne äussere Vorgaben Einfluß haben.
Ist Naikan nur eine reine
Betrachtung der Vergangenheit oder sind Gefühle erlaubt?
Antwort von Franz Ritter:
Naikan ist sowohl das eine, als auch das andere. In Naikan rekonstruieren Sie Ihre
Vergangenheit und untersuchen die gefundenen Inhalte mit Hilfe der drei
Naikan-Fragen.
Werden die Erinnerungen konkret, dann sind damit natürlich immer auch Gefühle verbunden.
Auch diese Gefühle werden wahrgenommen und wiedererlebt. Es war die große Entdeckung von
Sigmund Freud, dass er die Heilwirkung der wiederbelebten Ereignisse samt der
unterdrückten Gefühle erkannte. Er schrieb darüber:
"Wir fanden zu unserer größten Überraschung, dass die einzelnen hysterischen
Symptome sogleich und ohne Wiederkehr verschwanden, wenn es gelungen war, die Erinnerung
an den veranlassenden Vorgang zu voller Helligkeit zu erwecken, damit auch den
begleitenden Affekt wachzurufen und wenn dann der Kranke den Vorgang in möglichst
ausführlicher Weise schilderte und dem Affekt Worte gab. Affektloses Erinnern ist fast
immer völlig wirkungslos; der psychische Prozeß, der ursprünglich abgelaufen war, muß
so lebhaft als möglich wiederholt, in statu nascendi gebracht und dann ausgesprochen
werden. Dabei treten... Krämpfe, Neuralgien, Halluzinationen noch einmal in voller
Intensität auf und verschwinden dann für immer. Funktionsausfälle verschwinden
ebenso."1)
Auf diesem uns alle innewohnenden Effekt beruht ein großer Teil der
Naikan-Wirkung.
Allerdings mußte Freud später erkennen, dass dieser Vorgang keine Automatik ist, sondern
manchmal Unterstützung von seitens des Psychoanalytikers bedarf. In Naikan übernimmt die
Unterstützung hauptsächlich das Setting, aber auch die stille Wiederkehr des Leiters.
Was also im Naikan geschieht, ist beides: Ein stetiges, beinahe kühles Suchen nach Fakten
aus der Vergangenheit und ein "heißes" Bearbeiten dieser Fakten, durch das
Wiedererleben von allen Gefühlen, die das Ereignis begleiteten (und vielleicht in der
Situation selbst nicht erlaubt, angebracht oder möglich waren). Was wir in Naikan nicht
machen, ist ein Forcieren oder Pushen der Gefühle. Gefühle kommen und gehen in ihrer
Zeit und Intensität. Was wir aber auch nicht machen, ist, sie weiter zu unterdrücken.
Dann würden wir uns der Botschaft berauben, die in ihnen steckt. Denn dort führt Naikan
weiter - es leitet aus dem reinen Wiedererleben in die Ebene der Einsicht, auf der dann
alte psychische Verklumpungen restlos aufgelöst werden können.
Wird man durch Naikan nicht
unkritisch gegenüber den eigenen Eltern oder Menschen, die einem, auch objektiv gesehen,
Böses angetan haben?
Antwort von Franz Ritter:
Durch Naikan sieht man nicht nur das eigene Verhalten viel differenzierter, also in seinen
konstruktiven und destruktiven Anteilen, sondern natürlich auch das Verhalten anderer
Menschen. Naikan ermöglicht eine Objektivierung der eigenen Wahrnehmung, weil von einer
anderen Warte aus gesehen wird, die nicht so verstrickt in unseren Egoismus und unsere
Opferrollen ist. Dadurch kann auch das, was andere mir antun, klar wahrgenommen werden.
Aber diese Sicht ist eingebettet in die Gesamtwahrnehmung der Person - sowohl der eigenen
als auch der anderen. So kann ich nach Naikan wahrnehmen, was eine Person für mich tut,
welche Schwierigkeiten ich ihr mache - und eben auch, was sie mir an Schwierigkeiten
macht. Aber ich sehe den letzten Punkt vielleicht auch als Folge meines eigenen Handelns,
meiner Unterlassungen oder einer Haltung, die ich bisher an mir überhaupt noch nicht
wahrgenommen habe. Arrogante Menschen zB. können ihr permanentes Besserwissen nicht
wahrnehmen. Wohl aber, dass die anderen ihre Ratschläge nicht annehmen. Wenn sie sich nur
darüber wundern, dass keiner etwas von ihren Geistesblitzen annehmen will, dann befinden
sie sich in Gaikan, Außenschau. Erst wenn sie ihre eigene Arroganz und Überheblichkeit
in sich selbst wahrnehmen können, verstehen sie die Reaktionen der anderen.
In früheren Aussendungen
wurde Naikan als der Weg zum ursprünglichen Selbst bezeichnet. Was ist das
"ursprüngliche Selbst"?
Antwort von Franz Ritter:
Das ursprüngliche Selbst ist eine Arbeitshypothese, wie alles andere auch, was wir in
Naikan benennen. Bei direkter Erfahrung lösen sich diese Begriffe auf. Was wir damit
meinen, ist jene Person in uns, die von einer Ebene von Weisheit, Freiheit, Liebe und
Einsicht aus handelt. Vielleicht meint Viktor Frankl dasselbe mit seinem Begriff der
Tiefenperson oder seinem wahren Selbst. Einzig wichtig ist aber in unserem Satz, dass
Naikan der Weg zum ursprünglichen Selbst ist. Der Übende bekommt im Naikan nicht
erzählt, was dieses Selbst darstellt, sondern einen Weg gewiesen, wie er es selbst
erfahren kann. Und dieser Weg ist sicher, einfach und nicht zu verfehlen. Es braucht aber
auch Mut, Konsequenz und die Bereitschaft, alles bisher Erdachte fallenzulassen, um ihn zu
beschreiten.
Wie wird man
Naikan-Leiter?
Antwort von Franz Ritter:
Ishin Yoshimoto sagte einmal, dass jeder, der eine Woche Naikan erlebt hat, auch die
Übung leiten kann. Aus meiner eigenen Erfahrung stimmt das, weil ich bereits ein Jahr
nach meinem ersten Naikan selbst für meinen Lehrer Akira Ishii einspringen mußte und
eine Woche leitete. Aber es war - obwohl jeder der Teilnehmer von selbst sehr gut Naikan
übte und mir die Aufgabe so gesehen gar nicht schwer machte - eine der schwersten Wochen
meines Lebens. Ich kann nur jedem raten, sich langsam und mit Bedacht dem Thema
Naikan-Leiten zu nähern.
Ich selbst habe 5 Jahre gebraucht, um den Mut zu fassen, selbständig Naikan zu leiten.
Auch von anderen Naikan-Leiter-Kollegen weiß ich, dass der letztendliche
Entschluß, Naikan-Leioter, Leiterin zu sein, ein große persönliche Herausforderung ist. Es ist ein
innerer Reifungsprozess, den jeder in seinem eigenen Tempo gehen muss. Am Anfang einer
Ausbildung steht sinnvollerweise das Gespräch mit einer praktizierenden, erfahrenen
Leiterin oder einem Leiter.
Ist Naikan eine neue
Form des Buddhismus?
Antwort von Franz Ritter: Naikan
wurde aus einer buddhistischen Übung heraus geboren. Es hat sicher den kulturellen
Hintergrund, aber vor allem den Erfahrungsschatz des Buddhismus gebraucht, um in der
reinen, unabhängigen Form entstehen zu können, in der es heute vor uns steht. Aus meiner
Erfahrung mit anderen Religionen hätte es (außer vielleicht im Taoismus, von dem ich
aber in Wirklichkeit viel zu wenig weiß) nirgendwo sonst die umfassende Toleranz und
Offenheit vorgefunden. "Offene Weite - nichts von heilig" charakterisierte
Bodhidharma die buddhistische Lehre, die er vertrat. Und diese grundlegende Qualität
kennzeichnet auch noch heute die immer wieder stattfindende Erneuerung des Buddhismus.
Aber natürlich ist das Phänomen, geistig zu versteinern und einmal Gefundenes für
"ewige Zeiten" zu konservieren, auch in buddhistischen Organisationen in sehr
vielen Ländern der Erde gegeben. Daher ist auch Mishirabe, die Vor-Übung von
Naikan, von
der Mutterkirche Yodoshin-Buddhismus abgelehnt worden.
Naikan ist in seiner Entwicklung noch weiter gegangen und hat wie etwa auch der große
indische Lehrer Krishnamurti jeden Zusammenhang mit einer organisierten Form der
Religiosität abgebrochen.
Das Problem ist, dass Naikan in Erfahrungsbereiche hineinführt, die normalerweise von
organisierten Religionsformen besetzt sind. Aber aus meiner Sicht ist Organisation nur ein
Vehikel, um bestimmte religiöse Anliegen zu erledigen, ein Seminar zu organisieren oder
eine gemeinsame Feier anzusetzen. Wenn aber eine Religionsform, eine Kirche zum
Selbstzweck wird - und diese Entwicklung beobachten wir ja rund um die Erde -, dann tritt
immer zugleich der eigentliche Zweck des Zusammenschlusses in den Hintergrund.
Nun tritt Naikan auf den Plan und ist wie alles Junge weich und offen, biegsam und
entwicklungsfähig. Natürlich fürchte ich den Tag, an dem aus der Form der Übung ein
Selbstzweck wird und man vielleicht wie früher in die Messe in eine Naikan-Andacht geht
und für eine Stunde Naikan übt, um nachher sein Leben so zu leben wie vorher. Wenn diese
Stunde nicht das Leben radikal vertieft, dann ist sie umsonst gewesen.
Ich hoffe aus tiefstem Herzen, dass die Zeit, in der Naikan eine feste Organisation wird
und darin verkrustet, noch in sehr weiter Zukunft liegt, vielleicht sogar nie eintritt.
Doch in jedem Fall ist diese Befürchtung ein sehr guter Grund, jetzt und gleich Naikan zu
üben.
Ich habe Angst, dass
ich nicht mit dem Weinen aufhören könnte, wenn ich einmal Naikan machen würde.
Antwort von Franz Ritter:
Dieser Eindruck, unendlich weinen zu können, zeigt, dass Sie nicht genug in Ihrem Leben
geweint haben. Weinen ist eine natürliche Gefühls-Reaktion auf belastende Situationen
oder Verlust. In unserer Gesellschaft werden wir gut trainiert - besonders wenn wir harte
Männer werden sollen - das Weinen zu unterdrücken. Im Naikan kommt dann die belastende
Situation oder die unausgelebte Trauer wieder hoch und es gibt keinen Grund mehr, das
Weinen zurückzuhalten. Aber wenn wir uns "ausgeweint", also genug geweint
haben, dann gibt es auch keinen Grund, damit weiterzumachen.
Wie sieht das Weltbild aus,
das hinter Naikan steht?
Antwort von Franz Ritter:
Naikan wurde, wie schon erwähnt, aus den Erfahrungen einer buddhistischen Übung
entwickelt. Wenn man so will, sind das seine Wurzeln. Im Buddhismus finden sich eine Reihe
von Übungen, die auf die Erfahrung von Shunyata, der Leere, also dem Leersein von
faßbaren Inhalten zurückzuführen sind. Dafür steht z.B. Zen-Meditation, die schon
lange auch in christlichen Gemeinschaften geübt wird, aber auch die grundlegende
Achtsamkeitsübung Satipatthana und Vipassana, die Meditation des Hellblicks. Sie alle
können ohne Probleme von ihrem Hintergrund gelöst und auch von Menschen mit einer
anderen Weltsicht geübt werden.
Das Weltbild von Naikan ist tief, universal und sehr einfach. Es heißt: Du bist die
Ursache Deiner Probleme und Du bist auch die Lösung. Setz Dich hin und mach Dich auf, sie
zu lösen. Oder, wie es ein buddhistischer Meditationslehrer ausdrückte: "Der Buddha
hat sein Problem gelöst, jetzt lös Du Deines."
Was Naikan vermitteln will, ist
* die Gewißheit, dass es für Ihre Probleme ein Lösung gibt
* dass niemand außer Ihnen diese Lösung kennt
* dass Sie zu dieser Lösung fähig sind, wenn Sie bereit sind, sie zu finden
Naikan begleitet Sie auf diesem Weg, um Ihnen Halt und Sicherheit zu geben. Nicht mehr,
aber auch nicht weniger ist die Funktion dieser Methode.
Wie geht es Ihnen persönlich als Leiter mit all die
vielen belastenden Geschichten, die Sie sich anhören müssen?
Antwort von Franz Ritter:
Sehr gut, ich habe keine Probleme damit. Mein Naikan-Hören geschieht auf einer anderen
Ebene als der normalen Empathie. Es erlaubt mir einerseits, sehr betroffen von den
Inhalten zu sein, aber andererseits verstrickt sich mein Geist nicht darin. So kann ich
voll dabei sein, ohne etwas mitzunehmen. Dadurch, dass Naikan auf einer Meditations-Ebene
stattfindet, passiert dieser Effekt ganz automatisch, ohne dass ich etwas dazu beitragen
muß. Warum das so ist, weiß ich nicht - es ist offensichtlich eine Folge des meditativen
Zustandes.
Das war übrigens eine sehr wichtige Bestätigung für meinen Entschluß, Naikan-Leiter
und nicht zB. ein "klassischer" Psychotherapeut zu werden. Ich habe mir einfach
alte Psychotherapeuten angesehen und fand viele von ihnen sehr gebeugt von den Lasten, die
sie im Leben ertragen mußten. Dann habe ich viele Begegnungen mit alten Naikan-Leitern
gehabt - und die hatten durchgehend gewonnen durch ihre Arbeit und lachten fröhlich trotz
des vielen Leides, dass sie mittragen halfen.
Wird man durch Naikan nicht
noch verkopfter?
Antwort von Franz Ritter: Nein,
durch Naikan wird man ganzheitlicher. Sicher kann auch der Kopf dann besser funktionieren.
Vor allem, weil er keine Gefühlsarbeit mehr sublimieren oder Gefühle abwehren muß. Aber
von einer Herrschaft des Kopfes ist man nach Naikan weiter entfernt als vorher - mit
Garantie!
1) Diesen Hinweis verdanke ich
Werner Beck, der 1995 beim Naikan-Forum in Loccum einen überaus interessanten Vortrag mit
dem Titel "Laß die Bilder laufen!"
zu diesem Thema hielt.
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