HARIHARI SCHISCHLIK – VITA IPSA

 

Als erster zweier Brüder in eine gutbürgerliche Großstadtfamilie der Fünfziger Jahre hineingeboren – Akademiker-Unternehmerniveau mit hoffärtig-elitärer Indoktrinierung mütterlicherseits –

teilweise hoch- und

vielseitig begabt,

daher (und trotzdem)

von Kindesbeinen an

Leistungstraining und Erfolgszwang mit strenger Kontrolle –

familiäres Umfeld mit unerschöpflicher Schuldzuweisungsbereitschaft und mit hochentwickelter Fähigkeit zur neurotischen Selbstzerstörung –

das schlechte Gewissen (mit Vorschubleistung einer katholischen Privatschule) und Rechtfertigungsrituale sind Voraussetzung und Ergebnis allen Tuns - auf dem Weg zum Erwachsenwerden Eigenverantwortung und Entscheidungsfreiheit versäumt und charakterlich in einer Art Dauerpubertät steckengeblieben –

fremdbestimmte Weltanschauung in einem engmaschigen, fundamentalistisch-polarisierenden System von Folgen, Gehorchen, Zucht, Strafen und Funktionieren –

willfähriger Erfüllungsgehilfe für elterliche Siegerlebnisse, Dressurmarionette für äußerliche Vorzeige-und Triumphposen zur familiären Selbstdarstellung –

Drang und Suche nach Wahrhaftigkeit, Phantasie, Eigenlust und Kompetenz durch Selbsterfahrung als „Flausen" niedergehalten –

berufstätig mit 19, allein lebend mit 20, Schnellstudium, mit 22 endlich Doktor für Muttern –

mental allzeit verfügbar und an der Leine von Mutter, die Erfolgsmeldungen einfordert

riskante unternehmerische und private Engagements mit zu hohen Anforderungen –

Scheitern statt Apotheose –

zwei Scheidungen, eine Pleite, eine langjährige Vorstrafe daher –

Sucht – Angst – Ungeduld – Krise – Stillstand –

in der Familie geächtet, von Freunden geschätzt –

mit 36 Kehrtwendung – Alles oder Nichts –

authentische Identität und Karriere als bildender Künstler –

Entschlossenheit, Unbeirrbarkeit, Beharrlichkeit und Disziplin -

Selbstsuche und Entdeckung des höchstpersönlichen Wertegefüges –

trotzdem das kindliche Niederlagenprogramm im Blut –

Sucht – Angst – Ungeduld –

dann Naikan im Frühherbst des Lebens.....der Kosmos winkt und Gottes herrliche Seele duftet wie ein Frühlingswind...... –

neue Parameter, endlich die eigenen:

Dankbarkeit, Aufrichtigkeit, Demut, Angemessenheit, Dienen –

Innenschau in der zeitlichen Lebensmitte, Versöhnung mit mir –

Zuversicht, Mut, Gelassenheit – oh, die Lebensmitte –

m   e   d   i   o       t    u   t   i   s   s   s    i   m   u   s      i    b   i   s   !

 

 

NAIKAN UND DIE BILDENDE KUNST

AM BEISPIEL VON HARIHARI SCHISCHLIK

EIN ZWIEGESPRÄCH

 

Wir wollen das Thema nicht zerreden, bevor wir mit der Auseinandersetzung begonnen haben.

Hier geht es um einige prägnante Aussagen, die einem bildenden Künstler spontan und assoziativ anläßlich seiner ersten Naikanerfahrung einfielen, ohne theoretisches Fabuliergehabe und ohne stilistisches Beschleifen des Textes.

 

Gab es einen Anlaß oder Grund, Naikan zu machen?

„Lassen wir doch die persönliche Vita hier beiseite.

Ich glaube, daß jeder Mensch, der sich Naikan zuwendet, intuitiv den richtigen Zeitpunkt gespürt hat, zu dem er dafür reif war, auch wenn es gelegentlich andere Menschen sind, die auf Naikan aufmerksam machten.

Naikan ist keine Therapie nach dem Motto: vorher krank – nachher gesund.

Für mich ist Naikan, seine Technik und seine Ergebnisse, ganz einfach Innenschau – so auch die wörtliche Übersetzung, Anhalten, Innehalten, Atmen – den Rhythmus des eigenen Atems mit dem Atem der Schöpfung übereinstimmen."

Schön und gut, was bedeutet das jetzt ganz persönlich?

„So wie ich allmählich aus Überzeugung und Erfahrung im Lauf meines Lebens die Zusammensetzung meiner Nahrung verändert habe, den Zeitpunkt, die Menge und die Art der Nahrungsaufnahme, so ist für mich Naikan das gleiche für Geist und Seele.

Da geht man nicht hin und macht hauruck eine Woche Naikan und hat den Vorher/Nachher-Effekt wie bei der Haarwuchsmittelwerbung.

In mir steckte schon lange und intensiv die Bereitschaft (das ist gar nicht so selbstverständlich),

ja der Drang, der sehnliche Wunsch nach Wahrhaftigkeit und Glück und das ist heute eben die Übereinstimmung meines Atems mit dem der Schöpfung.

Ich glaube, daß es für meine Entwicklung notwendig war, schwerwiegende Fehler zu machen, mir die Nase blutig zu schlagen, mit bisherigen Überzeugungen in der Lebenspraxis zu scheitern, Therapien und Hilfen zu probieren und wieder zu verwerfen, um dann letztlich auf die drei Naikanfragen zu stoßen, die in ihrer Einfachheit dazu führen, einfache Antworten zu finden."

Hat Naikan das Leben verändert?

„Die Frage ist unpräzis, daher zwei Antworten:

Nein. Ich habe das selbe, mit 46 Erlebnisjahren gefüllte Lebensarchiv, die selben Mitmenschen, die selbe Umgebung wie vorher – was und warum soll sich etwas ändern?

Naikan ist auch von der Methodik und in seinen Ergebnissen nichts, was in der Außenwelt mit auffälligen Geräuschen polternd manifest wird.

Naikan ist still und ganz persönlich.

Daher die zweite Antwort: ja.

Ich spüre mich heute anders als vorher, ich kann mir selbst und meinen Mitmenschen ohne Angst begegnen."

Was heißt das?

„Nun, ich hatte Angst – und das ist so ein ungreifbar abstraktes, diffuses und hinterlistig-schleimiges Gefühl - , mich zu mir selbst zu bekennen, ja es überhaupt zuzulassen, mir selbst als kleinem Stück der Schöpfung Respekt und Achtung zu zollen.

Ich fühlte mich schuldig und weiß nicht wofür, wohl für mein bloßes Vorhandensein - , wähnte mich von meinen Ansprüchen überfordert und hatte ganz einfach Angst dabei erwischt zu werden,

daß ich meinen Ansprüchen nicht standhalten konnte.

Durch langjährige Übung war ich gewohnt, mich selbst und meine Umwelt laufend zu erklären, zu interpretieren und zu rechtfertigen.

Ich befand mich in einer subjektiven Welt außerhalb meines Kerns – inkongruent, fremdbestimmt, ferngesteuert, mit anhaltender Selbstbeschwindelung und Vorurteilen – das meine ich mit Angst – Angst davor, die Dinge so zu nehmen und so zu sehen wie sie sind.

Ich würde es gerne anders erklären:

Naikan hat mir ermöglicht zu kapitulieren.

Ich entledigte mich des Anspruchs, das Leben allein als „Selbermacher" gestalten zu können, isoliert von der unendlichen Größe der Schöpfung und deren Macht.

Ich würde mit meinen Überlegungen gerne fortfahren, denn mir fällt noch so viel ein, doch es sollte doch um die bildende Kunst gehen."

Welche Auswirkung hat Naikan auf die Arbeit als bildender Künstler?

„Zunächst einmal habe ich gleich nach meinem ersten Wochennaikan drei mittelgroße Bilder gemacht, mit denen ich versuchte, so unmittelbar wie möglich meine aktuelle Naikanstimmung einzufangen, und dann, völlig neu für mich, sechs Monate lang kein einziges Bild – nichts.

Das hatte auch praktische Gründe, trotzdem war es eine neue Erfahrung.

Es entstand nämlich nach meiner ersten Naikanerfahrung schön langsam ein besseres Gespür für die Wichtigkeit, Dringlichkeit und Abfolge meiner Vorhaben und dafür, was ich mir zumuten sollte.

Warten ist nicht mehr zeitlicher Leerlauf, sondern Voraussetzung allen Gedeihens und Grundlage aller Vorfreude."

Sind zumindest im Kopf Bilder entstanden?

„Natürlich.

In den letzten Jahren war ich zunehmend verbissen in meiem Pflichterfüllungszwang – du mußt malen, laß‘ dich nicht gehen und so weiter.

Durch Naiken fand ich so etwas wie Grundvertrauen, Sicherheit – eben Angstfreiheit, und die Gewißheit, daß Reifungsprozesse sich nicht beliebig ohne Qualitätsverlust beschleunigen oder verlangsamen lassen, daß es bei allem Tun auf den richtigen Augenblick, auf das rechte Zeitmaß ankommt.

Der Kopf brütete still vor sich hin und die Seele konnte, hier zitiere ich absichtlich ein Gedicht von Hermann Hesse, „unbewacht in freien Flügen schweben".

Ich spürte, daß alles so einfach und sicher voranschritt, ich mußte es nur zulassen."

Gibt es schon neue Bilder und was hat sich zu früher geändert?

„Es gibt neue Bilder und die buchstäblich aus einem Schaffensrausch heraus, der mich überhaupt nicht belastet.

Ich habe derzeit eine Sicherheit und Freude bei der Arbeit, die ich erst einmal ganz am Anfang als Maler erlebte. Was heute hinzukommt, ist die Erfahrung von mentalen und ökonomischen Durststrecken und die Demut davor und die Dankbarkeit dafür, daß mir das Leben solche Freuden ermöglicht.

Geändert hat sich vor allem das Wie, weniger das Was.

Ich kann mit meinem stilistischen und technischen Repertoire spielerisch frei und in einer gewissen Weise schmunzelnd umgehen."

Ist die Zeit der dunklen Bilder, der Kreuze und Mahnmale vorbei?

„Die vielen dunklen Bilder, teilweise symbolüberfrachtet, waren ein

mystifizierend – monumentaler Aufschrei als eine Art von Selbsttherapie – das war wichtig und es war ganz ehrlich.

Mein Innenleben war eine Trümmerlandschaft und die habe ich in Bildern gezeigt – mit einer Prise Wehleidigkeit und Eitelkeit – seht her, wie ich leide."

Sind die neuen Bilder anders?

„Die grüblerische grau-schwarze Düsternis, die ich in bildnerischen Werken vermittle, ist ja auch ein Teil von mir, warum sollte sich plötzlich alles in appolinische Heiterkeit verwandeln?

Ich weiß heute gar nicht, wie sich meine Arbeit weiterentwickeln soll, ich will es gar nicht wissen,

ich lasse einfach den Fluß dessen zu, was gerade da ist – aus.

Mein Wollen ist endlich auf den Grad reduziert, der mir zusteht und angemessen ist.

Die neuen Bilder entstehen aus einer Stimmung der Zuversicht und inneren Helligkeit, das werden sie wohl auch ausstrahlen, selbst wenn sie objektiv keine farblich hellen Bilder sind.

Wirklich verändert hat sich durch Naikan meine Sicht der Dinge des Lebens, der Menschen, der Arbeit – ich bin einfach viel gelassener geworden und kann deswegen meine egozentrische Weltsicht relativieren und Selbstironie zulassen.

Vielleicht kann man das erst, wenn einmal so viel Ballast da war, den man nach und nach weglassen kann, wenn man zusehends spürt, was man alles nicht braucht.

Mir fällt hier ein Ausspruch, ja das Motto eines scheinbar betulich-lieblichen, jedoch großen weisen alten Mannes ein, Angelo Giuseppe Roncalli (Papst Johannes XXIII):

Nimm dich nicht so wichtig, Johannes!"

War also Naikan für die künstlerische Arbeit eine Zäsur?

„Daß ich als Spätberufener meine künstlerische Lebensaufgabe entdecken durfte, war ja ein Geschenk.

Heute weiß ich, daß diese meine Arbeit mein Leben ist.

Alles was Naikan in mir bewirkt, wird sich in den Ergebnissen meiner Arbeit niederschlagen.

Das Schöne dabei ist, daß ich das weiß und neugierig darauf warten kann.

Zum Abschluß der Leitspruch einer Selbsthilfegruppe für Süchtige, der ich angehöre:

Gott gebe mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann,

den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann und

die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden."

 

 

Wien, im Feber 2000 CHRYSOSTOMUS SAX

freier Kunst- und Kulturpublizist

 

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