Wir wollen das Thema nicht zerreden, bevor wir mit der
Auseinandersetzung begonnen haben.
Hier geht es um einige prägnante Aussagen, die einem bildenden
Künstler spontan und assoziativ anläßlich seiner ersten Naikanerfahrung einfielen, ohne
theoretisches Fabuliergehabe und ohne stilistisches Beschleifen des Textes.
Gab es einen Anlaß oder Grund, Naikan zu machen?
Lassen wir doch die persönliche Vita hier beiseite.
Ich glaube, daß jeder Mensch, der sich Naikan zuwendet, intuitiv
den richtigen Zeitpunkt gespürt hat, zu dem er dafür reif war, auch wenn es gelegentlich
andere Menschen sind, die auf Naikan aufmerksam machten.
Naikan ist keine Therapie nach dem Motto: vorher krank
nachher gesund.
Für mich ist Naikan, seine Technik und seine Ergebnisse, ganz
einfach Innenschau so auch die wörtliche Übersetzung, Anhalten, Innehalten, Atmen
den Rhythmus des eigenen Atems mit dem Atem der Schöpfung übereinstimmen."
Schön und gut, was bedeutet das jetzt ganz persönlich?
So wie ich allmählich aus Überzeugung und Erfahrung im
Lauf meines Lebens die Zusammensetzung meiner Nahrung verändert habe, den Zeitpunkt, die
Menge und die Art der Nahrungsaufnahme, so ist für mich Naikan das gleiche für Geist und
Seele.
Da geht man nicht hin und macht hauruck eine Woche Naikan und hat
den Vorher/Nachher-Effekt wie bei der Haarwuchsmittelwerbung.
In mir steckte schon lange und intensiv die Bereitschaft (das ist
gar nicht so selbstverständlich),
ja der Drang, der sehnliche Wunsch nach Wahrhaftigkeit und Glück
und das ist heute eben die Übereinstimmung meines Atems mit dem der Schöpfung.
Ich glaube, daß es für meine Entwicklung notwendig war,
schwerwiegende Fehler zu machen, mir die Nase blutig zu schlagen, mit bisherigen
Überzeugungen in der Lebenspraxis zu scheitern, Therapien und Hilfen zu probieren und
wieder zu verwerfen, um dann letztlich auf die drei Naikanfragen zu stoßen, die in ihrer
Einfachheit dazu führen, einfache Antworten zu finden."
Hat Naikan das Leben verändert?
Die Frage ist unpräzis, daher zwei Antworten:
Nein. Ich habe das selbe, mit 46 Erlebnisjahren gefüllte
Lebensarchiv, die selben Mitmenschen, die selbe Umgebung wie vorher was und warum
soll sich etwas ändern?
Naikan ist auch von der Methodik und in seinen Ergebnissen nichts,
was in der Außenwelt mit auffälligen Geräuschen polternd manifest wird.
Naikan ist still und ganz persönlich.
Daher die zweite Antwort: ja.
Ich spüre mich heute anders als vorher, ich kann mir selbst und
meinen Mitmenschen ohne Angst begegnen."
Was heißt das?
Nun, ich hatte Angst und das ist so ein ungreifbar
abstraktes, diffuses und hinterlistig-schleimiges Gefühl - , mich zu mir selbst zu
bekennen, ja es überhaupt zuzulassen, mir selbst als kleinem Stück der Schöpfung
Respekt und Achtung zu zollen.
Ich fühlte mich schuldig und weiß nicht wofür, wohl für mein
bloßes Vorhandensein - , wähnte mich von meinen Ansprüchen überfordert und hatte ganz
einfach Angst dabei erwischt zu werden,
daß ich meinen Ansprüchen nicht standhalten konnte.
Durch langjährige Übung war ich gewohnt, mich selbst und meine
Umwelt laufend zu erklären, zu interpretieren und zu rechtfertigen.
Ich befand mich in einer subjektiven Welt außerhalb meines Kerns
inkongruent, fremdbestimmt, ferngesteuert, mit anhaltender Selbstbeschwindelung und
Vorurteilen das meine ich mit Angst Angst davor, die Dinge so zu nehmen und
so zu sehen wie sie sind.
Ich würde es gerne anders erklären:
Naikan hat mir ermöglicht zu kapitulieren.
Ich entledigte mich des Anspruchs, das Leben allein als
Selbermacher" gestalten zu können, isoliert von der unendlichen Größe der
Schöpfung und deren Macht.
Ich würde mit meinen Überlegungen gerne fortfahren, denn mir
fällt noch so viel ein, doch es sollte doch um die bildende Kunst gehen."
Welche Auswirkung hat Naikan auf die Arbeit als bildender
Künstler?
Zunächst einmal habe ich gleich nach meinem ersten
Wochennaikan drei mittelgroße Bilder gemacht, mit denen ich versuchte, so unmittelbar wie
möglich meine aktuelle Naikanstimmung einzufangen, und dann, völlig neu für mich, sechs
Monate lang kein einziges Bild nichts.
Das hatte auch praktische Gründe, trotzdem war es eine neue
Erfahrung.
Es entstand nämlich nach meiner ersten Naikanerfahrung schön
langsam ein besseres Gespür für die Wichtigkeit, Dringlichkeit und Abfolge meiner
Vorhaben und dafür, was ich mir zumuten sollte.
Warten ist nicht mehr zeitlicher Leerlauf, sondern Voraussetzung
allen Gedeihens und Grundlage aller Vorfreude."
Sind zumindest im Kopf Bilder entstanden?
Natürlich.
In den letzten Jahren war ich zunehmend verbissen in meiem
Pflichterfüllungszwang du mußt malen, laß dich nicht gehen und so weiter.
Durch Naiken fand ich so etwas wie Grundvertrauen, Sicherheit
eben Angstfreiheit, und die Gewißheit, daß Reifungsprozesse sich nicht beliebig
ohne Qualitätsverlust beschleunigen oder verlangsamen lassen, daß es bei allem Tun auf
den richtigen Augenblick, auf das rechte Zeitmaß ankommt.
Der Kopf brütete still vor sich hin und die Seele konnte, hier
zitiere ich absichtlich ein Gedicht von Hermann Hesse, unbewacht in freien Flügen
schweben".
Ich spürte, daß alles so einfach und sicher voranschritt, ich
mußte es nur zulassen."
Gibt es schon neue Bilder und was hat sich zu früher geändert?
Es gibt neue Bilder und die buchstäblich aus einem
Schaffensrausch heraus, der mich überhaupt nicht belastet.
Ich habe derzeit eine Sicherheit und Freude bei der Arbeit, die
ich erst einmal ganz am Anfang als Maler erlebte. Was heute hinzukommt, ist die Erfahrung
von mentalen und ökonomischen Durststrecken und die Demut davor und die Dankbarkeit
dafür, daß mir das Leben solche Freuden ermöglicht.
Geändert hat sich vor allem das Wie, weniger das Was.
Ich kann mit meinem stilistischen und technischen Repertoire
spielerisch frei und in einer gewissen Weise schmunzelnd umgehen."
Ist die Zeit der dunklen Bilder, der Kreuze und Mahnmale vorbei?
Die vielen dunklen Bilder, teilweise symbolüberfrachtet,
waren ein
mystifizierend monumentaler Aufschrei als eine Art von
Selbsttherapie das war wichtig und es war ganz ehrlich.
Mein Innenleben war eine Trümmerlandschaft und die habe ich in
Bildern gezeigt mit einer Prise Wehleidigkeit und Eitelkeit seht her, wie
ich leide."
Sind die neuen Bilder anders?
Die grüblerische grau-schwarze Düsternis, die ich in
bildnerischen Werken vermittle, ist ja auch ein Teil von mir, warum sollte sich plötzlich
alles in appolinische Heiterkeit verwandeln?
Ich weiß heute gar nicht, wie sich meine Arbeit weiterentwickeln
soll, ich will es gar nicht wissen,
ich lasse einfach den Fluß dessen zu, was gerade da ist
aus.
Mein Wollen ist endlich auf den Grad reduziert, der mir zusteht
und angemessen ist.
Die neuen Bilder entstehen aus einer Stimmung der Zuversicht und
inneren Helligkeit, das werden sie wohl auch ausstrahlen, selbst wenn sie objektiv keine
farblich hellen Bilder sind.
Wirklich verändert hat sich durch Naikan meine Sicht der Dinge
des Lebens, der Menschen, der Arbeit ich bin einfach viel gelassener geworden und
kann deswegen meine egozentrische Weltsicht relativieren und Selbstironie zulassen.
Vielleicht kann man das erst, wenn einmal so viel Ballast da war,
den man nach und nach weglassen kann, wenn man zusehends spürt, was man alles nicht braucht.
Mir fällt hier ein Ausspruch, ja das Motto eines scheinbar
betulich-lieblichen, jedoch großen weisen alten Mannes ein, Angelo Giuseppe Roncalli
(Papst Johannes XXIII):
Nimm dich nicht so wichtig, Johannes!"
War also Naikan für die künstlerische Arbeit eine Zäsur?
Daß ich als Spätberufener meine künstlerische
Lebensaufgabe entdecken durfte, war ja ein Geschenk.
Heute weiß ich, daß diese meine Arbeit mein Leben ist.
Alles was Naikan in mir bewirkt, wird sich in den Ergebnissen
meiner Arbeit niederschlagen.
Das Schöne dabei ist, daß ich das weiß und neugierig darauf
warten kann.
Zum Abschluß der Leitspruch einer Selbsthilfegruppe für
Süchtige, der ich angehöre:
Gott gebe mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht
ändern kann,
den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann und
die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden."
Wien, im Feber 2000 CHRYSOSTOMUS SAX
freier Kunst- und Kulturpublizist