Naikan ist eine einfache, aber sehr tiefgehende Selbsterfahrungs-Methode, um das eigene
Leben wieder in den Griff zu bekommen. Es werden dabei drei Elemente miteinander
kombiniert:
- Eine reizreduzierte, meditative Umgebung, die die Konzentration fördert
- Eine geordnete Analyse des bisherigen Beziehungsgeflechts
- Eine nicht-direktive Begleitung durch Naikan-LeiterIn
Naikan kann auf zwei Arten gemacht werden. Entweder hochkonzentriert innerhalb von 7
Tagen oder einmal monatlich einen ganzen Tag, wobei hier mindestens ein halbes Jahr im
Prozess geblieben werden sollte. Kernstück der Methode sind drei Fragen, die einerseits
eine Bilanz über Geben und Nehmen in einer Beziehung herstellen und zugleich konsequent
jede Opferhaltung vermeiden helfen.
- Die erste Frage lautet: Was hat der Mensch, in dessen Spiegel ich mich gerade betrachte,
für mich getan?
- Die zweite Frage untersucht das Gegenteil: Was habe ich für diesen Menschen getan?
- Die dritte Frage klingt für viele TeilnehmerInnen oft im ersten Moment schockierend
oder ungerecht, besonders wenn sie diffizile Beziehungen untersuchen. Sie führt uns aber
zu dem Bereich, aus dem unsere Anteile an der Problemsituation stammen. Sie lautet: Welche
Schwierigkeiten habe ich diesem Menschen gemacht?
In jedem Naikan wird empfohlen, zuallererst die grundlegenden Beziehungen unseres
Lebens anzusehen. Das sind Mutter, Vater oder jene Personen, die deren Aufgaben
wahrgenommen haben. Wenn wir in akut verletzenden Situationen stecken, wird das manchmal
als Umweg empfunden. Aber es gibt zwei Gründe, die für dieses Vorgehen sprechen.
Einerseits ziehen wir uns durch diese disziplinierte Vorgangsweise aus unserer aktuellen
Krise heraus, die meist unseren Blick sehr verengt. Wir entspannen uns wieder etwas und
sehen unser Leben in seiner Ganzheit, was Probleme oft relativiert. Vor kurzem kam eine
Frau ins Naikan, weil sie große Schwierigkeiten in ihrer Partnerschaft hatte. Der zweite
Grund für das strukturierte Vorgehen ist in der Tatsache gegeben, dass wir unsere
wesentlichen Handlungsmuster in den Basisbeziehungen zu Mutter, Vater, Geschwistern,
vielleicht auch Großeltern entwickelt haben. Verstehen wir unsere Handlungen, dann
verstehen wir, wie unsere Anteile ein Geschehen, in dem wir stecken, mit beeinflussen. Und
weil wir in unserem Leben nur unsere Handlungen und damit aus systemischer Sicht
sehr wohl auch die Gesamtsituation verändern können, konzentriert sich Naikan
darauf und nicht auf ein Beklagen der Situation oder auf end- und hilflose
Schuldzuweisungen.
Nach Naikan, das ist praktisch durchgehend das Ergebnis für alle, die den Prozess
durchlaufen haben, stellt sich eine entspannte Sicht auf die vorher dominierenden
Problematiken ein. Es ist immer wieder verblüffend, wie rasch sich Problemhaltungen mit
all ihren Konsequenzen wie Ängsten, psychosomatische Störungen, neurotische Fixierungen,
Zwangshaltungen und so weiter durch eine einfache, aber disziplinierte Betrachtung
auflösen.
Naikan führt uns aus solchen verhängnisvollen Vernetzungen heraus auf eine Ebene, auf
der wir unser Leben wieder gestalten können. Dann können wir auch, besonders wenn wir
Verantwortung für unsere Kinder haben, der Situation eine konstruktive Richtung geben,
die nicht weiter verletzend, sondern für alle Beteiligten fördernd ist. Allerdings, und
das ist Grundvoraussetzung, müssen wir bereit sein, wirklich einen Schlußstrich unter
die problematische Situation zu ziehen, in der wir jetzt leben. Naikan ist ein
Schlußstrich. Und ein Neubeginn.