Ishin Yoshimoto wollte mit Naikan eine Methode der
spirituellen Selbstentwicklung schaffen. Aber schon bald zeigte sich, daß die von ihm
geschaffene Form auch ausgezeichnete psychotherapeutische Wirkungen zeitigte.
Bereits 1953 wurde Naikan in japanischen Gefängnissen
als Sozialtherapie eingesetzt. In den 60er Jahren hatten bereits über 100.000 Gefangene
Naikan absolviert. Der Erfolg war mehr als überzeugend. Die Rückfallquote von
Rückfalltätern, also der schwierigsten Gruppe in der Resozialisierung, sank auf unter
50% (Bindzus, Ishii 1977).
In der Folge übernahmen eine Reihe von japanischen
Krankenhäusern und Therapieeinrichtungen Naikan in ihr Therapieprogramm. Die mehr als 40
japanischen Naikan-Zentren sind ein wichtiger Teil der psychotherapeutischen Versorgung
des Landes. Der im Vorjahr verstorbene japanische Psychologie-Professor Takao Murase, war
Präsident der International Naikan Association, und zugleich auch Vorsitzender des
japanischen Psychotherapie-Verbandes. Naikan ist ein Teil der Psychotherapie-Ausbildung in
Japan und die am weitesten verbreitete Methode japanischer Provinienz.
In Europa wurde das erste Naikan-Seminar 1980 unter der
Leitung von Prof. Akira Ishii abgehalten. Durch den Vergleich der Ergebnisse zeigte sich,
daß die Behandlungsweise kein Produkt der japanischen Mentalität ist, sondern eine
Methodik, die - wie viele westliche Methoden auch transkulturell einsetzbar ist.
Seit 1980 haben weit über 1.000 Europäer aus den
unterschiedlichsten Motiven Naikan gemacht. Eines der Hauptmotive ist jedoch, psychische
Störungen und Erkrankungen zu beseitigen.
Naikan wird als Wochenseminar, Tagesseminar in
monatlichem Rhythmus oder als Jahresgruppe angeboten. Die meisten Teilnehmer wählen die
Wochenform, weil sie kurz, kompakt und durch ihre Dichtheit am schnellsten zu den
gewünschten Ergebnissen führt.
Naikan ist in Österreich noch nicht als
Psychotherapie-Richtung anerkannt. Der Grund dafür ist, daß es gegenwärtig nicht
genügend Lehrtherapeuten mit entsprechend langer Ausbildungs- und Praxiszeit gibt. Der
Leiter des Neue Welt Instituts, Franz Ritter, ist als Psychotherapeut eingetragen. Der
Leiter des Naikan-Zentrums Salzburg, Roland Dick ist in Ausbildung zum Psychotherapeuten,
Richtung Existenzanalyse. In der Schweiz bietet Ruth Pewsner, Psychotherapeutin in Bern,
Naikan-Seminare an. Viele Psychotherapeuten nutzen Naikan zur Selbstreflexion über ihre
Arbeit und zur Psychohygiene, weil sie den anders gelagerten Blick, den Naikan
ermöglicht, als Ergänzung ihrer eigenen Ausrichtung schätzen.
Die Methode Naikan
Naikan als Psychotherapie ist eine multioptionale Methode
für die Behandlung vieler, sehr unterschiedlicher Störungen und Erkrankungsbilder.
Der Klient kann im Naikan selbst die Schwerpunkte seiner
Arbeit setzen und erhält durch das Setting Stütze und Sicherheit, sich mit seinen
inneren, verstörenden oder krankhaften Strukturen auseinanderzusetzen. Im Naikan werden
die Selbstheilungskräfte des Klienten aktiviert und in den Dienst des Therapieerfolges
gestellt. Der Naikan-Therapeut hat vor allem eine begleitende und fürsorgende Funktion.
Die Methode setzt je nach Verlagerung des Schwerpunktes
psychodynamische, systemische oder kognitive Akzente. Die Akzentverlagerung kann mehrmals
während der Behandlung wechseln und ermöglicht es somit, Störungs- oder
Krankheitsfelder von verschiedenen Perspektiven her anzusehen und zu bearbeiten. Keine
Akzente werden im medizinischen oder im verhaltenstherapeutischen Bereich gesetzt.
Die Methode ist mit einer milden Medikation gut
verträglich und kann so ausgezeichnet als Kombinationstherapie mit einer schul- oder
alternativmedizinischen Behandlung, etwa als Krisenintervention oder als kognitive
Absicherung der Ergebnisse, durchgeführt werden.
Der methodische Ansatz
Die Methode Naikan arbeitet mit drei wesentlichen
Elementen:
- Absonderung und Reizreduzierung
- Konkrete, direktive und disziplinierte Durcharbeit von
Problembeziehungen oder Problemthemen
- Regelmäßige, nichtwertende und nichtanalysierende
Interviews durch den Therapeuten
Element 1: Absonderung und
Reizreduzierung
Naikan ist eigentlich eine Einzeltherapie, wird aber aus
ökonomischen Gründen meistens in Seminarform gemacht. Die Gruppe selbst spielt aber eine
sehr untergeordnete Rolle. Jeder Teilnehmer erhält seinen eigenen Arbeitsraum und wird
angehalten, während des Seminars mit keinem anderen Teilnehmer Kontakt aufzunehmen oder
zu interagieren. Auch nonverbale Interaktionen sind untersagt. Einzige Gesprächspartner
ist der Naikan-Therapeut. Während der Woche sind auch sämtliche anderen Ablenkungen wie
Lesen, Schreiben, Konsum von Medien, Alkohol- oder Drogengenuß sowie Kontakte nach aussen
zu vermeiden. Durch dieses Setting wird die Arbeitsatmosphäre im Seminar äußerst dicht
und die gesamtheitliche Erinnerungsfähigkeit die beim überwiegenden Teil der
Menschheit in unserer rechten Gehirnhälfte (Sperry, Nobelpreis 1981) angesiedelt ist
enorm aktiviert. Dem konstruierten Selbstbild des Klienten über ein Ereignis wird
das Bild der konkreten, direkten Wiedererinnerung, dem aktiven Wiedererleben der
Ursituation gegenüber gestellt. In diesem Spannungsfeld passiert die konkrete
Heilungsarbeit des Naikan. Kognitive Fehlhaltungen werden aufgelöst, psychodynamische
Störfelder durch Verstehen oder Versöhnung beseitigt, die gegenseitige Verwobenheit der
Beziehung erkannt und damit systemisch aufgearbeitet.
Die tägliche Therapiearbeit dauert sehr lange. Die
Arbeitszeit beginnt im Wochennaikan um 7.00 Uhr morgens und endet abends gegen 22.00 Uhr.
Während des Tages kann spazieren gegangen werden, aber es ist keine offizielle Pause
zugelassen. Das Bewußtsein wird kontinuierlich in der Übung belassen, auch während
anderer Verrichtungen wie Körperpflege, Essen, Reinigung usw.
Der Tag wird durch die Interviews (siehe Punkt 3)
strukturiert. In der Zeit dazwischen arbeitet der Klient alleine an seinem Thema (siehe
Punkt 2).
Damit bietet Naikan täglich rund 15 Stunden
Therapiearbeit, in einer Woche um die 100 Stunden.
Element 2: Konkrete, direktive und
disziplinierte Durcharbeit von Problembeziehungen oder Problemthemen
Der Klient kann die zu bearbeitenden Themen selbst
wählen. Das ist das Sicherheitsmoment im Naikan, weil damit gewährleistet ist, daß der
Absolvent vom Material, das er bearbeitet, nicht überfordert wird. Widerstand gegen
bestimmte Themen oder Personen wird respektiert.
Damit ist aber auch zugleich sichergestellt, daß der
Klient jeden Heilungsschritt selbst voll integriert. Er kann ihn unmittelbar nach Ende der
Therapie umsetzen und muß sich nicht in problematischen Situationen an therapeutische
Ratschläge oder Verhaltensregeln erinnern. Die Reaktion wird damit sicher und
authentisch.
Als Gegenstück wird aber vom Klienten gefordert, eine
gewählte Beziehung oder ein gewähltes Thema konsequent durchzuarbeiten. Dies geschieht
immer vom Anfang der Beziehung an in Richtung ihres Endes bei einer aktuell
bestehenden ist damit der Tag der therapeutischen Bearbeitung gemeint, ansonsten der Tod
der Bezugsperson oder der Tag des Beziehungsabbruchs.
Die gesamte Beziehungsgeschichte wird in überschaubare
Abschnitte von etwa 3 bis 5 Jahren Länge geteilt. In jedem Abschnitt wird die
Beantwortung von drei Fragen gesucht. Jedes darüber hinausgehende Material wird nicht
weiter beachtet.
Die drei Fragen das einzigartige methodische
Werkzeug von Naikan - sind:
1. Was hat die Person, die ich betrachte,
in diesem Zeitraum für mich getan?
2. Was habe ich für diese Person getan?
3. Welche Schwierigkeiten habe ich ihr
gemacht?
Frage 1 und 2 schaffen eine Lebensbilanz über Nehmen und
Geben in einer Beziehung. Die dritte Frage legt störendes Verhalten, daß der Klient
selbst in die Beziehung einbringt, offen. Die vierte Frage, welche Schwierigkeiten die
betreffende Person dem Klienten gemacht hat, wird nicht beantwortet. Durch die
Ausschließung dieses Materials aus der therapeutischen Bearbeitung werden
Vorwurfshaltungen und negative Meinungen abgesondert und nicht weiter vertieft.
Bei der Bearbeitung von Themen gilt analog das gleiche
System. Die Fragestellung kann bei bestimmten Themen leicht adaptiert werden (also
zB:
Welche Schwierigkeiten haben sich durch die Drogen eingestellt?" und nicht
Welche Schwierigkeiten habe ich den Drogen gemacht")
Element 3: Regelmäßige, nichtwertende
und nichtanalysierende Interviews durch den Therapeuten
Die Aufgabe des Naikan-Therapeuten ist die einer nicht
wertenden, nicht analysierenden Begleitung des Klienten durch dessen Prozeß. Diese
Begleitung findet sehr respektvoll und klientenzentriert statt. Nicht der therapeutische
Ratschlag oder die therapeutische Deutung ist in Naikan gefragt, sondern die
unerschrockene, gleichmütige Begleitung des Naikan-Absolventen durch den Erkenntnis- und
Heilungsprozeß. Die regelmäßigen Interviews haben dabei mehrere Aufgaben:
- Sie strukturieren den Tag und signalisieren dem
Teilnehmer, von einer Aufgabe zur nächsten überzugehen
- Sie geben dem Naikan-Therapeuten die Möglichkeit, auf
methodische Fehler hinzuweisen und den Klienten zu bitten, diese zu korrigieren
- Dem Klienten schaffen sie eine Möglichkeit, Belastendes
auszusprechen und sich davon zu lösen
Anfänglich werden 10 Interviews am Tag durchgeführt.
Beim Wochennaikan sind es in der zweiten Hälfte dann nur mehr 8. Insgesamt werden im
Wochennaikan um die 60 Interviews gemacht. Damit schafft Naikan auch eine enge und
effizienzorientierte Führung, die Sicherheit gewährleistet und auch sicherstellt, daß
kein Klient für längere Zeit abschweift.
Ergebnisse der Naikan-Therapie
Alles, was der Klient in der Therapiearbeit für sich
gewinnt, kann er unmittelbar nach Abschuß für sich nutzen und wird in seinem Leben
wirksam. Symptome, die während der Therapie abklingen, kehren in den allermeisten Fällen
nicht mehr zurück und verschieben sich auch nicht auf andere Felder.
Naikan-Ergebnisse sind nachhaltig und auf der Stelle
nutzbringend. Durch die systematische Betrachtung der sozialen Bezüge werden auch keine
Insellösungen hervorgebracht, die nur unter bestimmten Gegebenheiten funktionieren. In
der Regel kehren die Klienten sozial tüchtiger aus der Übung in den Alltag zurück.
Fallbeschreibungen
Die Fallbeschreibungen sind selbstverständlich
verschlüsselt, aber die darin enthaltenden Fakten entsprechen den originären Zuständen.
Die Diagnose ist dem Fall entnommen.
Fall A/Hanna: Drogenabhängigkeit
Diagnose: 304.0 Morphintyp
Nebendiagnose: Unfruchtbarkeit wegen
Verwachsungen auf der Eileiter (war eigentlich kein Therapiethema)
Hanna ist ein früher Naikan-Fall aus der Drogentherapie.
Sie war eine Langzeitabhängige und kehrte immer wieder in die Therapiestation zurück,
weil sie nicht drogenabstinent sein konnte. Durch ihre erste Naikan-Woche 1986 bekam sie
eine klare Ausrichtung darauf, mit den schweren Drogen aufzuhören. Sie konsumierte
allerdings immer noch Haschisch, was die Türe zu einem weiteren Drogenmißbrauch offen
hielt. In der Folge absolvierte sie weitere drei Naikan-Wochen in jährlichen Abständen,
in denen sie allmählich erkannte, daß jede Form von Drogenkonsum sie gefährdet. Sie
hörte auf, Haschisch zu konsumieren und lebt bis heute drogenfrei.
Als Nebeneffekt reduzierten sich die
Eileiterverwachsungen und sie wurde im Sommer 1990 schwanger (obwohl sie über 10 Jahre
auf Grund ihrer Unfruchtbarkeitsdiagnose nicht verhütet hatte). Heute ist sie glückliche
Mutter von zwei Töchtern und arbeitet als Masseurin.
Fall B Josefine: Asthma
Diagnose: 316 (psychogenes Asthma)
Diese Frau kam 1990 ins Naikan. In ihrer
Krankengeschichte ist eine lange Asthma-Karriere verzeichnet, die etwa mit ihrem 9.
Lebensjahr begann. Als sie ins Naikan kam, war sie 24 Jahre alt. Jede Nacht hatte Josefine
einen mittelschweren bis schweren Asthma-Anfall, der mit extensiven Erstickungsängsten
kombiniert war. Dieses Asthma wurde sowohl medizinisch als auch psychiatrisch behandelt,
ohne damit länger anhaltende Erfolge zu erzielen.
Während der Naikan-Behandlung klangen die
Asthma-Symptome bereits nach 3 Tagen als, als die psychodynamische Urgeschichte an die
Oberfläche kam. Sie arbeitete diese Ursachen auf und ist bis heute frei von allen
Asthmasymptomen. Sie laborierte lediglich nach der Naikan-Therapie noch einige Zeit an
gereizten Schleimhäuten. Heute ist sie von auch von diesen Zuständen befreit.
Fall C Kurt: Depression
Diagnose: 309.1 (langanhaltende
depressive Reaktion)
Kurt kam auf Empfehlung seiner Schwester ins Naikan, die
bereits ein Seminar absolviert hatte. Auf Grund seiner langanhaltenden depressiven
Reaktion war er arbeitsunfähig und seit längerem krankgeschrieben. Er absolvierte eine
Woche Naikan, dann hörte wir längere Zeit nichts mehr von ihm. Exakt nach einem Jahr
schrieb er uns eine Karte, in der er uns mitteilte, daß er nun wieder arbeitsfähig ist
und die depressiven Zustände weitgehend abgeklungen sind. Er hat sich von seinem
Arbeitgeber an einen anderen, weniger belastenden Arbeitsort versetzen lassen und konnte
sich selbst wieder versorgen. Von seiner Schwester erfuhren wir später, daß er nach wie
vor arbeitsfähig ist und auch eine spätere Rückversetzung auf seinen alten Arbeitsplatz
bewältigte.
Depression ist eine Form psychischer
Störungen, die mit Naikan hervorragend behandelt werden kann. Diese Krankheitsgeschichte
steht für viele ähnliche Fälle, in denen durch Naikan rasch und nachhaltig geholfen
werden konnte.
Fall D Jutta: Migräne
Diagnose: 346 (Migräne)
Jutta war zum Zeitpunkt der Behandlung 15 Jahre alt und
seit zwei Jahren durch schwere Migräneanfälle gehandikapt. Die Anfälle traten
vorzugsweise in der Schule auf und führten zu einer kompletten Desorientierung der
Person, wodurch sie während eines Anfalls von Mitschülern nach Hause geführt werden
mußte.
Während der Naikan-Behandlung trat ebenfalls ein
Migräneanfall auf, klang aber bereits nach kurzem ab. Er gab die Ursache der Störung
frei, die daraufhin bearbeitet werden konnte. Nach der Naikan-Behandlung trat kein
weiterer Migräneanfall mehr auf. Zwei Jahre später allerdings hatte die Klientin eine
bulimistische Episode, die schulmedizinisch behandelt wurde. Ob ein ursächlicher
Zusammenhang mit der ersten Erkrankung und damit eine Symptomverschiebung eingetreten war,
konnte in den Gesprächen mit der Klientin nicht ausreichend geklärt werden.
Fall E Ahmed: Angstattacken
Diagnose: 301.0 (Paranoide
Persönlichkeit)
Ahmed war ein in seinem Beruf sehr gut ausgebildeter,
mehrsprachiger Spezialist. Er litt seit längerem an paranoiden Zuständen, die ihn
überall überfallen konnten und dann komplett seine Handlungsfähigkeit lähmten. Er
mußte dann zu Seite geführt und gelabt werden, bis der Zustand abklang. Nach einem
Jobverlust und einer folgenden Ablehnung als Ausländer auf einer anderen
Arbeitsstelle(trotz Arbeitsbewilligung) verschlechterte sich sein Zustand rapide und er
kam auf Empfehlung eines Bekannten ins Naikan. In der Behandlung trat ein milder Fall von
paranoidem Wahn auf, der es ihm ermöglichte, sich von diesem Komplex insgesamt zu lösen.
In diesem Fall hat sich das sanfte, nichtpushende Setting von Naikan besonders bewährt,
weil in jedem Moment die Kommunikation mit dem Klienten ausreichend war und der Zustand
durch eine Intervention mittels katathymen Bilderleben gelöst werden konnte.
Nach Naikan trat keine weitere Beeinträchtigung durch
paranoide Zustände mehr auf. Die Lebendigkeit, die der Klient nach der Übung
zurückerhalten hatte, half ihm auch, innerhalb von ganz kurzer Zeit einen anderen Job zu
finden. In späterer Folge konnte er eine Familie gründen und ist heute Vater von zwei
Kindern.
Fall F Klara: Essstörungen
Diagnose: 783.0 (Anorexie)
Klara litt seit ihrem 15. Lebensjahr an sehr
unterschiedlichen Eßstörungen, bei denen Freßsucht, Erbrechen und Anorexie sich
abwechselten. Als sie ins Naikan kam, war gerade die Anorexie im Vordergrund und sie wog
nur mehr 42 kg. Sie war damals 19 Jahre alt. Innerhalb der Woche (1996) begann sie
vorsichtig wieder zu essen und diese Tendenz hielt nach der Behandlung an. Vor allem aber
konnte sie ihre psychodynamischen und systemischen Anteile an der Krankheit erkennen und
sich erfolgreich von ihrer Familie lösen. Innerhalb eines halben Jahres nahm sie 9 kg zu
und begann auch wieder Sport zu betreiben. Nur wenige Monate später lief sie bereits
wieder in einer ausgezeichneten Zeit einen Halbmarathon. Heute studiert sie erfolgreich
und bereitet sich in ihrem Fachgebiet auf einen erfolgversprechenden Beruf vor.
Eßstörungen treten keine mehr auf, ebenso behält sie ein ihrer Körpergröße
entsprechendes Gewicht.
Weitere Behandlungsfelder von Naikan
Eßstörungen sind neben den Depressionen ein weiteres
Feld, in dem Naikan bisher schon sehr erfolgreich angewendet wurde. Naikan zeitige aber
auch bei anderen, schwerwiegenden Krankheitssymptomen sehr gute Heilungserfolge:
- Abbau von Persönlichkeitsstörungen oder psychogene
Reaktion auf Grund von sexuellem Mißbrauch
- Abbau der Folgeschäden auf Grund von
Medikamentenmißbrauch
- Überwindung von neurotischen Störungen wie
Angstneurosen, hypochondrische Neurosen oder Zwangsneurosen
- Abbau von Persönlichkeitsstörungen mit vorwiegend
soziopathischem oder asozialen Verhalten, asthenische Persönlichkeit
- Ablegung von sexuellen Fehlhaltungen wie zB. Fetischismus
- Heilung von Alkoholismus und anderen Suchterkrankungen (in
Kombination mit anderen therapeutischen Begleitungen)
- Heilung oder zumindest Linderung von psychosomatischen
Erkrankungen wie Bluthochdruck, Herzflimmern, Rückenschmerzen, aber auch Hauterkrankungen
(zB. Psoriasis)
- Beseitigung von Schlafstörungen
- Reduktion von Belastungsreaktionen (burn out)
Diese Anwendungen haben sich aus dem derzeitigen
Klientenbild als erfolgreich herausgestellt. Die tatsächliche therapeutische Bandbreite
der Anwendungen von Naikan dürfte noch viel weiter sein, vor allem, wenn die Methode mit
anderen therapeutischen Behandlungen kombiniert wird.
Dann könnte sich auch ein weites Behandlungsfeld im
Bereich der Herz-/Kreislauferkankungen und der psychosomatischen Erkrankung von inneren
Organen auftun, ebenso bei allen Formen des Mißbrauchs von Genußmitteln.
Therapieergebnisse in Japan
In Japan werden jedes Jahr einige wissenschaftliche
Untersuchungen über Naikan publiziert. Aus Kostengründen ist es uns bisher nicht
möglich gewesen mehr als rudimentäre Übersetzung machen zu lassen.
Eine japanische Untersuchung gibt uns aber einen guten
Überblick über die therapeutischen Möglichkeiten von Naikan. Sie wurde 1989 auf dem
Naikan-Kongreß in Toyama vorgestellt und behandelt schriftliches Naikan in einer
Privatklinik, also eine wesentlich leichteren Form von Naikan, die aber auch bereits sehr
beachtliche Ergebnisse zeigt. Autor der Untersuchung ist Dr. Matsunaga.
Therapieergebnisse durch schriftliches
Naikan
| Diagnose |
Gesamt |
sehr
wirksam |
wirksam |
eher
wirksam |
unver-
än-
dert |
eher
ver- schlech- tert |
ver-
schlech- tert |
sehr
ver- schlech- tert |
Ab-
bruch |
Magenge-
schwür |
13 |
9 |
3 |
1 |
|
|
|
|
|
Zwölffinger-
darm-
geschwür |
4 |
3 |
1 |
|
|
|
|
|
|
| Hoher
Blutdruck |
4 |
1 |
1 |
1 |
|
|
|
|
1 |
Störung
des veget. Nerven-
systems |
26 |
17 |
9 |
|
|
|
|
|
|
| Versch.
Neurosen |
17 |
5 |
7 |
4 |
1 |
|
|
|
|
| Depression |
47 |
15 |
25 |
4 |
1 |
|
|
1 |
1 |
Hypo-
chondrie |
12 |
6 |
6 |
|
|
|
|
|
|
Alkoholab-
hängigk. |
5 |
|
3 |
2 |
|
|
|
|
|
Schulver-
weigerung |
7 |
2 |
2 |
3 |
|
|
|
|
|
Persönlich-
keits-
störung |
4 |
1 |
2 |
|
1 |
|
|
|
|
Hüft-
schmerzen |
2 |
2 |
|
|
|
|
|
|
|
| Schlaganfall |
1 |
|
|
1 |
|
|
|
|
|
Herz-
infarkt? |
10 |
5 |
5 |
|
|
|
|
|
|
Schizo-
phrenie |
1 |
|
1 |
|
|
|
|
|
|
| Gesamt |
153 |
65 |
65 |
16 |
3 |
|
|
1 |
2 |
Naikanergebnisse in Europa
Diese positiven Ergebnisse werden auch von einer Umfrage
unter Naikan-Absolventen (1996) bestätigt. Allerdings war der Ansatz dieser Befragung
allgemein und nicht spezifisch therapeutisch angelegt.
| |
Grad der Veränderung nach Naikan
keine
starke |
| Grad |
0 |
1 |
2 |
3 |
4 |
5 |
6 |
7 |
8 |
9 |
| In Bezug auf
den Anlaß, der ins Naikan geführt hat |
|
1 |
2 |
3 |
6 |
9 |
9 |
12 |
15 |
16 |
| Persönliche
Veränderung nach Naikan |
|
1 |
|
4 |
5 |
7 |
9 |
20 |
14 |
11 |
| Persönliche
Wichtigkeit der Naikan-Erfahrung |
|
|
2 |
1 |
5 |
3 |
1 |
10 |
7 |
31 |
| |
Bewertung der persönlichen Veränderung nach Naikan
sehr negativ
sehr positiv |
| |
0 |
1 |
2 |
3 |
4 |
5 |
6 |
7 |
8 |
9 |
| |
|
|
|
|
1 |
4 |
10 |
17 |
10 |
28 |
Wo ist Naikan nicht angezeigt?
Nach den bisherigen Erfahrungen oder durch die
spezifische therapeutische Situation kann gesagt werden, daß Naikan bei den folgenden
Krankheitsbildern oder Leidenszuständen nicht angezeigt ist:
- akute Psychosen
- akute neurotische Zuständen, die die therapeutische
Arbeitsfähigkeit herabsetzen
- Drogen- oder Alkoholabhängigkeit vor dem Entzug
- traumatisierende Erfahrungen, die erst kurz zurückliegen
- soziopathische Zustände, die ein Einhalten der
Naikan-Regeln verunmöglichen
- akute aggressive Persönlichkeitstörungen
- Medikation in hohen Dosierungen, die eine Einschränkung
der Wahrnehmungsfunktion hervorrufen
- psychosomatische Erkrankungen, wenn keine medizinische
Versorgung der akuten Symptome (zB. Hauterkrankungen) durchgeführt wurde
- abnorme Trennungsangst
- Störungen nach Hirnschädigungen
- hochgradige Störungen der Wahrnehmungsfähigkeit
- Autistische Störungen
- Hyperaktivität
- Schwachsinn
- Erkrankungen, die die Erinnerungsfähigkeit des Klienten
herabsetzen
Texte:
M. Honore France, University of Victoria, Victoria, Canada
NAIKAN: A BUDDHIST APPROACH TO
PSYCHOTHERAPY
Atsuko Seto: Counseling and
Psychotherapy für Japanese clients
Detlev
Boelter: Sehen, was ich nicht
sehen wollte