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NAIKAN als Psychotherapie

Einführung

Ishin Yoshimoto wollte mit Naikan eine Methode der spirituellen Selbstentwicklung schaffen. Aber schon bald zeigte sich, daß die von ihm geschaffene Form auch ausgezeichnete psychotherapeutische Wirkungen zeitigte.

Bereits 1953 wurde Naikan in japanischen Gefängnissen als Sozialtherapie eingesetzt. In den 60er Jahren hatten bereits über 100.000 Gefangene Naikan absolviert. Der Erfolg war mehr als überzeugend. Die Rückfallquote von Rückfalltätern, also der schwierigsten Gruppe in der Resozialisierung, sank auf unter 50% (Bindzus, Ishii 1977).

In der Folge übernahmen eine Reihe von japanischen Krankenhäusern und Therapieeinrichtungen Naikan in ihr Therapieprogramm. Die mehr als 40 japanischen Naikan-Zentren sind ein wichtiger Teil der psychotherapeutischen Versorgung des Landes. Der im Vorjahr verstorbene japanische Psychologie-Professor Takao Murase, war Präsident der International Naikan Association, und zugleich auch Vorsitzender des japanischen Psychotherapie-Verbandes. Naikan ist ein Teil der Psychotherapie-Ausbildung in Japan und die am weitesten verbreitete Methode japanischer Provinienz.

In Europa wurde das erste Naikan-Seminar 1980 unter der Leitung von Prof. Akira Ishii abgehalten. Durch den Vergleich der Ergebnisse zeigte sich, daß die Behandlungsweise kein Produkt der japanischen Mentalität ist, sondern eine Methodik, die - wie viele westliche Methoden auch – transkulturell einsetzbar ist.

Seit 1980 haben weit über 1.000 Europäer aus den unterschiedlichsten Motiven Naikan gemacht. Eines der Hauptmotive ist jedoch, psychische Störungen und Erkrankungen zu beseitigen.

Naikan wird als Wochenseminar, Tagesseminar in monatlichem Rhythmus oder als Jahresgruppe angeboten. Die meisten Teilnehmer wählen die Wochenform, weil sie kurz, kompakt und durch ihre Dichtheit am schnellsten zu den gewünschten Ergebnissen führt.

Naikan ist in Österreich noch nicht als Psychotherapie-Richtung anerkannt. Der Grund dafür ist, daß es gegenwärtig nicht genügend Lehrtherapeuten mit entsprechend langer Ausbildungs- und Praxiszeit gibt. Der Leiter des Neue Welt Instituts, Franz Ritter, ist als Psychotherapeut eingetragen. Der Leiter des Naikan-Zentrums Salzburg, Roland Dick ist in Ausbildung zum Psychotherapeuten, Richtung Existenzanalyse. In der Schweiz bietet Ruth Pewsner, Psychotherapeutin in Bern, Naikan-Seminare an. Viele Psychotherapeuten nutzen Naikan zur Selbstreflexion über ihre Arbeit und zur Psychohygiene, weil sie den anders gelagerten Blick, den Naikan ermöglicht, als Ergänzung ihrer eigenen Ausrichtung schätzen.

 

Die Methode Naikan

Naikan als Psychotherapie ist eine multioptionale Methode für die Behandlung vieler, sehr unterschiedlicher Störungen und Erkrankungsbilder.

Der Klient kann im Naikan selbst die Schwerpunkte seiner Arbeit setzen und erhält durch das Setting Stütze und Sicherheit, sich mit seinen inneren, verstörenden oder krankhaften Strukturen auseinanderzusetzen. Im Naikan werden die Selbstheilungskräfte des Klienten aktiviert und in den Dienst des Therapieerfolges gestellt. Der Naikan-Therapeut hat vor allem eine begleitende und fürsorgende Funktion.

Die Methode setzt je nach Verlagerung des Schwerpunktes psychodynamische, systemische oder kognitive Akzente. Die Akzentverlagerung kann mehrmals während der Behandlung wechseln und ermöglicht es somit, Störungs- oder Krankheitsfelder von verschiedenen Perspektiven her anzusehen und zu bearbeiten. Keine Akzente werden im medizinischen oder im verhaltenstherapeutischen Bereich gesetzt.

Die Methode ist mit einer milden Medikation gut verträglich und kann so ausgezeichnet als Kombinationstherapie mit einer schul- oder alternativmedizinischen Behandlung, etwa als Krisenintervention oder als kognitive Absicherung der Ergebnisse, durchgeführt werden.

 

Der methodische Ansatz

Die Methode Naikan arbeitet mit drei wesentlichen Elementen:

  • Absonderung und Reizreduzierung
  • Konkrete, direktive und disziplinierte Durcharbeit von Problembeziehungen oder Problemthemen
  • Regelmäßige, nichtwertende und nichtanalysierende Interviews durch den Therapeuten

 

Element 1: Absonderung und Reizreduzierung

Naikan ist eigentlich eine Einzeltherapie, wird aber aus ökonomischen Gründen meistens in Seminarform gemacht. Die Gruppe selbst spielt aber eine sehr untergeordnete Rolle. Jeder Teilnehmer erhält seinen eigenen Arbeitsraum und wird angehalten, während des Seminars mit keinem anderen Teilnehmer Kontakt aufzunehmen oder zu interagieren. Auch nonverbale Interaktionen sind untersagt. Einzige Gesprächspartner ist der Naikan-Therapeut. Während der Woche sind auch sämtliche anderen Ablenkungen wie Lesen, Schreiben, Konsum von Medien, Alkohol- oder Drogengenuß sowie Kontakte nach aussen zu vermeiden. Durch dieses Setting wird die Arbeitsatmosphäre im Seminar äußerst dicht und die gesamtheitliche Erinnerungsfähigkeit – die beim überwiegenden Teil der Menschheit in unserer rechten Gehirnhälfte (Sperry, Nobelpreis 1981) angesiedelt ist – enorm aktiviert. Dem konstruierten Selbstbild des Klienten über ein Ereignis wird das Bild der konkreten, direkten Wiedererinnerung, dem aktiven Wiedererleben der Ursituation gegenüber gestellt. In diesem Spannungsfeld passiert die konkrete Heilungsarbeit des Naikan. Kognitive Fehlhaltungen werden aufgelöst, psychodynamische Störfelder durch Verstehen oder Versöhnung beseitigt, die gegenseitige Verwobenheit der Beziehung erkannt und damit systemisch aufgearbeitet.

Die tägliche Therapiearbeit dauert sehr lange. Die Arbeitszeit beginnt im Wochennaikan um 7.00 Uhr morgens und endet abends gegen 22.00 Uhr. Während des Tages kann spazieren gegangen werden, aber es ist keine offizielle Pause zugelassen. Das Bewußtsein wird kontinuierlich in der Übung belassen, auch während anderer Verrichtungen wie Körperpflege, Essen, Reinigung usw.

Der Tag wird durch die Interviews (siehe Punkt 3) strukturiert. In der Zeit dazwischen arbeitet der Klient alleine an seinem Thema (siehe Punkt 2).

Damit bietet Naikan täglich rund 15 Stunden Therapiearbeit, in einer Woche um die 100 Stunden.

 

Element 2: Konkrete, direktive und disziplinierte Durcharbeit von Problembeziehungen oder Problemthemen

Der Klient kann die zu bearbeitenden Themen selbst wählen. Das ist das Sicherheitsmoment im Naikan, weil damit gewährleistet ist, daß der Absolvent vom Material, das er bearbeitet, nicht überfordert wird. Widerstand gegen bestimmte Themen oder Personen wird respektiert.

Damit ist aber auch zugleich sichergestellt, daß der Klient jeden Heilungsschritt selbst voll integriert. Er kann ihn unmittelbar nach Ende der Therapie umsetzen und muß sich nicht in problematischen Situationen an therapeutische Ratschläge oder Verhaltensregeln erinnern. Die Reaktion wird damit sicher und authentisch.

Als Gegenstück wird aber vom Klienten gefordert, eine gewählte Beziehung oder ein gewähltes Thema konsequent durchzuarbeiten. Dies geschieht immer vom Anfang der Beziehung an in Richtung ihres Endes – bei einer aktuell bestehenden ist damit der Tag der therapeutischen Bearbeitung gemeint, ansonsten der Tod der Bezugsperson oder der Tag des Beziehungsabbruchs.

Die gesamte Beziehungsgeschichte wird in überschaubare Abschnitte von etwa 3 bis 5 Jahren Länge geteilt. In jedem Abschnitt wird die Beantwortung von drei Fragen gesucht. Jedes darüber hinausgehende Material wird nicht weiter beachtet.

Die drei Fragen – das einzigartige methodische Werkzeug von Naikan - sind:

1. Was hat die Person, die ich betrachte, in diesem Zeitraum für mich getan?

2. Was habe ich für diese Person getan?

3. Welche Schwierigkeiten habe ich ihr gemacht?

Frage 1 und 2 schaffen eine Lebensbilanz über Nehmen und Geben in einer Beziehung. Die dritte Frage legt störendes Verhalten, daß der Klient selbst in die Beziehung einbringt, offen. Die vierte Frage, welche Schwierigkeiten die betreffende Person dem Klienten gemacht hat, wird nicht beantwortet. Durch die Ausschließung dieses Materials aus der therapeutischen Bearbeitung werden Vorwurfshaltungen und negative Meinungen abgesondert und nicht weiter vertieft.

Bei der Bearbeitung von Themen gilt analog das gleiche System. Die Fragestellung kann bei bestimmten Themen leicht adaptiert werden (also zB: „Welche Schwierigkeiten haben sich durch die Drogen eingestellt?" und nicht „Welche Schwierigkeiten habe ich den Drogen gemacht")

 

Element 3: Regelmäßige, nichtwertende und nichtanalysierende Interviews durch den Therapeuten

Die Aufgabe des Naikan-Therapeuten ist die einer nicht wertenden, nicht analysierenden Begleitung des Klienten durch dessen Prozeß. Diese Begleitung findet sehr respektvoll und klientenzentriert statt. Nicht der therapeutische Ratschlag oder die therapeutische Deutung ist in Naikan gefragt, sondern die unerschrockene, gleichmütige Begleitung des Naikan-Absolventen durch den Erkenntnis- und Heilungsprozeß. Die regelmäßigen Interviews haben dabei mehrere Aufgaben:

  • Sie strukturieren den Tag und signalisieren dem Teilnehmer, von einer Aufgabe zur nächsten überzugehen
  • Sie geben dem Naikan-Therapeuten die Möglichkeit, auf methodische Fehler hinzuweisen und den Klienten zu bitten, diese zu korrigieren
  • Dem Klienten schaffen sie eine Möglichkeit, Belastendes auszusprechen und sich davon zu lösen

Anfänglich werden 10 Interviews am Tag durchgeführt. Beim Wochennaikan sind es in der zweiten Hälfte dann nur mehr 8. Insgesamt werden im Wochennaikan um die 60 Interviews gemacht. Damit schafft Naikan auch eine enge und effizienzorientierte Führung, die Sicherheit gewährleistet und auch sicherstellt, daß kein Klient für längere Zeit abschweift.

 

Ergebnisse der Naikan-Therapie

Alles, was der Klient in der Therapiearbeit für sich gewinnt, kann er unmittelbar nach Abschuß für sich nutzen und wird in seinem Leben wirksam. Symptome, die während der Therapie abklingen, kehren in den allermeisten Fällen nicht mehr zurück und verschieben sich auch nicht auf andere Felder.

Naikan-Ergebnisse sind nachhaltig und auf der Stelle nutzbringend. Durch die systematische Betrachtung der sozialen Bezüge werden auch keine Insellösungen hervorgebracht, die nur unter bestimmten Gegebenheiten funktionieren. In der Regel kehren die Klienten sozial tüchtiger aus der Übung in den Alltag zurück.

 

Fallbeschreibungen

Die Fallbeschreibungen sind selbstverständlich verschlüsselt, aber die darin enthaltenden Fakten entsprechen den originären Zuständen. Die Diagnose ist dem Fall entnommen.

 

Fall A/Hanna: Drogenabhängigkeit

Diagnose: 304.0 Morphintyp

Nebendiagnose: Unfruchtbarkeit wegen Verwachsungen auf der Eileiter (war eigentlich kein Therapiethema)

Hanna ist ein früher Naikan-Fall aus der Drogentherapie. Sie war eine Langzeitabhängige und kehrte immer wieder in die Therapiestation zurück, weil sie nicht drogenabstinent sein konnte. Durch ihre erste Naikan-Woche 1986 bekam sie eine klare Ausrichtung darauf, mit den schweren Drogen aufzuhören. Sie konsumierte allerdings immer noch Haschisch, was die Türe zu einem weiteren Drogenmißbrauch offen hielt. In der Folge absolvierte sie weitere drei Naikan-Wochen in jährlichen Abständen, in denen sie allmählich erkannte, daß jede Form von Drogenkonsum sie gefährdet. Sie hörte auf, Haschisch zu konsumieren und lebt bis heute drogenfrei.

Als Nebeneffekt reduzierten sich die Eileiterverwachsungen und sie wurde im Sommer 1990 schwanger (obwohl sie über 10 Jahre auf Grund ihrer Unfruchtbarkeitsdiagnose nicht verhütet hatte). Heute ist sie glückliche Mutter von zwei Töchtern und arbeitet als Masseurin.

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Fall B Josefine: Asthma

Diagnose: 316 (psychogenes Asthma)

Diese Frau kam 1990 ins Naikan. In ihrer Krankengeschichte ist eine lange Asthma-Karriere verzeichnet, die etwa mit ihrem 9. Lebensjahr begann. Als sie ins Naikan kam, war sie 24 Jahre alt. Jede Nacht hatte Josefine einen mittelschweren bis schweren Asthma-Anfall, der mit extensiven Erstickungsängsten kombiniert war. Dieses Asthma wurde sowohl medizinisch als auch psychiatrisch behandelt, ohne damit länger anhaltende Erfolge zu erzielen.

Während der Naikan-Behandlung klangen die Asthma-Symptome bereits nach 3 Tagen als, als die psychodynamische Urgeschichte an die Oberfläche kam. Sie arbeitete diese Ursachen auf und ist bis heute frei von allen Asthmasymptomen. Sie laborierte lediglich nach der Naikan-Therapie noch einige Zeit an gereizten Schleimhäuten. Heute ist sie von auch von diesen Zuständen befreit.

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Fall C Kurt: Depression

Diagnose: 309.1 (langanhaltende depressive Reaktion)

Kurt kam auf Empfehlung seiner Schwester ins Naikan, die bereits ein Seminar absolviert hatte. Auf Grund seiner langanhaltenden depressiven Reaktion war er arbeitsunfähig und seit längerem krankgeschrieben. Er absolvierte eine Woche Naikan, dann hörte wir längere Zeit nichts mehr von ihm. Exakt nach einem Jahr schrieb er uns eine Karte, in der er uns mitteilte, daß er nun wieder arbeitsfähig ist und die depressiven Zustände weitgehend abgeklungen sind. Er hat sich von seinem Arbeitgeber an einen anderen, weniger belastenden Arbeitsort versetzen lassen und konnte sich selbst wieder versorgen. Von seiner Schwester erfuhren wir später, daß er nach wie vor arbeitsfähig ist und auch eine spätere Rückversetzung auf seinen alten Arbeitsplatz bewältigte.

Depression ist eine Form psychischer Störungen, die mit Naikan hervorragend behandelt werden kann. Diese Krankheitsgeschichte steht für viele ähnliche Fälle, in denen durch Naikan rasch und nachhaltig geholfen werden konnte.

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Fall D Jutta: Migräne

Diagnose: 346 (Migräne)

Jutta war zum Zeitpunkt der Behandlung 15 Jahre alt und seit zwei Jahren durch schwere Migräneanfälle gehandikapt. Die Anfälle traten vorzugsweise in der Schule auf und führten zu einer kompletten Desorientierung der Person, wodurch sie während eines Anfalls von Mitschülern nach Hause geführt werden mußte.

Während der Naikan-Behandlung trat ebenfalls ein Migräneanfall auf, klang aber bereits nach kurzem ab. Er gab die Ursache der Störung frei, die daraufhin bearbeitet werden konnte. Nach der Naikan-Behandlung trat kein weiterer Migräneanfall mehr auf. Zwei Jahre später allerdings hatte die Klientin eine bulimistische Episode, die schulmedizinisch behandelt wurde. Ob ein ursächlicher Zusammenhang mit der ersten Erkrankung und damit eine Symptomverschiebung eingetreten war, konnte in den Gesprächen mit der Klientin nicht ausreichend geklärt werden.

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Fall E Ahmed: Angstattacken

Diagnose: 301.0 (Paranoide Persönlichkeit)

Ahmed war ein in seinem Beruf sehr gut ausgebildeter, mehrsprachiger Spezialist. Er litt seit längerem an paranoiden Zuständen, die ihn überall überfallen konnten und dann komplett seine Handlungsfähigkeit lähmten. Er mußte dann zu Seite geführt und gelabt werden, bis der Zustand abklang. Nach einem Jobverlust und einer folgenden Ablehnung als Ausländer auf einer anderen Arbeitsstelle(trotz Arbeitsbewilligung) verschlechterte sich sein Zustand rapide und er kam auf Empfehlung eines Bekannten ins Naikan. In der Behandlung trat ein milder Fall von paranoidem Wahn auf, der es ihm ermöglichte, sich von diesem Komplex insgesamt zu lösen. In diesem Fall hat sich das sanfte, nichtpushende Setting von Naikan besonders bewährt, weil in jedem Moment die Kommunikation mit dem Klienten ausreichend war und der Zustand durch eine Intervention mittels katathymen Bilderleben gelöst werden konnte.

Nach Naikan trat keine weitere Beeinträchtigung durch paranoide Zustände mehr auf. Die Lebendigkeit, die der Klient nach der Übung zurückerhalten hatte, half ihm auch, innerhalb von ganz kurzer Zeit einen anderen Job zu finden. In späterer Folge konnte er eine Familie gründen und ist heute Vater von zwei Kindern.

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Fall F Klara: Essstörungen

Diagnose: 783.0 (Anorexie)

Klara litt seit ihrem 15. Lebensjahr an sehr unterschiedlichen Eßstörungen, bei denen Freßsucht, Erbrechen und Anorexie sich abwechselten. Als sie ins Naikan kam, war gerade die Anorexie im Vordergrund und sie wog nur mehr 42 kg. Sie war damals 19 Jahre alt. Innerhalb der Woche (1996) begann sie vorsichtig wieder zu essen und diese Tendenz hielt nach der Behandlung an. Vor allem aber konnte sie ihre psychodynamischen und systemischen Anteile an der Krankheit erkennen und sich erfolgreich von ihrer Familie lösen. Innerhalb eines halben Jahres nahm sie 9 kg zu und begann auch wieder Sport zu betreiben. Nur wenige Monate später lief sie bereits wieder in einer ausgezeichneten Zeit einen Halbmarathon. Heute studiert sie erfolgreich und bereitet sich in ihrem Fachgebiet auf einen erfolgversprechenden Beruf vor. Eßstörungen treten keine mehr auf, ebenso behält sie ein ihrer Körpergröße entsprechendes Gewicht.

 

Weitere Behandlungsfelder von Naikan

Eßstörungen sind neben den Depressionen ein weiteres Feld, in dem Naikan bisher schon sehr erfolgreich angewendet wurde. Naikan zeitige aber auch bei anderen, schwerwiegenden Krankheitssymptomen sehr gute Heilungserfolge:

  • Abbau von Persönlichkeitsstörungen oder psychogene Reaktion auf Grund von sexuellem Mißbrauch
  • Abbau der Folgeschäden auf Grund von Medikamentenmißbrauch
  • Überwindung von neurotischen Störungen wie Angstneurosen, hypochondrische Neurosen oder Zwangsneurosen
  • Abbau von Persönlichkeitsstörungen mit vorwiegend soziopathischem oder asozialen Verhalten, asthenische Persönlichkeit
  • Ablegung von sexuellen Fehlhaltungen wie zB. Fetischismus
  • Heilung von Alkoholismus und anderen Suchterkrankungen (in Kombination mit anderen therapeutischen Begleitungen)
  • Heilung oder zumindest Linderung von psychosomatischen Erkrankungen wie Bluthochdruck, Herzflimmern, Rückenschmerzen, aber auch Hauterkrankungen (zB. Psoriasis)
  • Beseitigung von Schlafstörungen
  • Reduktion von Belastungsreaktionen (burn out)

Diese Anwendungen haben sich aus dem derzeitigen Klientenbild als erfolgreich herausgestellt. Die tatsächliche therapeutische Bandbreite der Anwendungen von Naikan dürfte noch viel weiter sein, vor allem, wenn die Methode mit anderen therapeutischen Behandlungen kombiniert wird.

Dann könnte sich auch ein weites Behandlungsfeld im Bereich der Herz-/Kreislauferkankungen und der psychosomatischen Erkrankung von inneren Organen auftun, ebenso bei allen Formen des Mißbrauchs von Genußmitteln.

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Therapieergebnisse in Japan

In Japan werden jedes Jahr einige wissenschaftliche Untersuchungen über Naikan publiziert. Aus Kostengründen ist es uns bisher nicht möglich gewesen mehr als rudimentäre Übersetzung machen zu lassen.

Eine japanische Untersuchung gibt uns aber einen guten Überblick über die therapeutischen Möglichkeiten von Naikan. Sie wurde 1989 auf dem Naikan-Kongreß in Toyama vorgestellt und behandelt schriftliches Naikan in einer Privatklinik, also eine wesentlich leichteren Form von Naikan, die aber auch bereits sehr beachtliche Ergebnisse zeigt. Autor der Untersuchung ist Dr. Matsunaga.

Therapieergebnisse durch schriftliches Naikan

Diagnose Gesamt sehr wirksam wirksam eher wirksam unver- än-
dert
eher ver- schlech- tert ver- schlech- tert sehr ver- schlech- tert Ab-
bruch
Magenge-
schwür

13

9

3

1

Zwölffinger-
darm-
geschwür

4

3

1

Hoher Blutdruck

4

1

1

1

1

Störung des veget. Nerven-
systems

26

17

9

Versch. Neurosen

17

5

7

4

1

Depression

47

15

25

4

1

1

1

Hypo-
chondrie

12

6

6

Alkoholab-
hängigk.

5

3

2

Schulver-
weigerung

7

2

2

3

Persönlich-
keits-
störung

4

1

2

1

Hüft-
schmerzen

2

2

Schlaganfall

1

1

Herz-
infarkt?

10

5

5

Schizo-
phrenie

1

1

Gesamt

153

65

65

16

3

1

2

 

Naikanergebnisse in Europa

Diese positiven Ergebnisse werden auch von einer Umfrage unter Naikan-Absolventen (1996) bestätigt. Allerdings war der Ansatz dieser Befragung allgemein und nicht spezifisch therapeutisch angelegt.

 

Grad der Veränderung nach Naikan

keine                                                          starke

Grad

0

1

2

3

4

5

6

7

8

9

In Bezug auf den Anlaß, der ins Naikan geführt hat  

1

2

3

6

9

9

12

15

16

Persönliche Veränderung nach Naikan  

1

 

4

5

7

9

20

14

11

Persönliche Wichtigkeit der Naikan-Erfahrung    

2

1

5

3

1

10

7

31

 

 

Bewertung der persönlichen Veränderung nach Naikan

sehr negativ                                                                           sehr positiv

 

0

1

2

3

4

5

6

7

8

9

         

1

4

10

17

10

28

 

Wo ist Naikan nicht angezeigt?

Nach den bisherigen Erfahrungen oder durch die spezifische therapeutische Situation kann gesagt werden, daß Naikan bei den folgenden Krankheitsbildern oder Leidenszuständen nicht angezeigt ist:

  • akute Psychosen
  • akute neurotische Zuständen, die die therapeutische Arbeitsfähigkeit herabsetzen
  • Drogen- oder Alkoholabhängigkeit vor dem Entzug
  • traumatisierende Erfahrungen, die erst kurz zurückliegen
  • soziopathische Zustände, die ein Einhalten der Naikan-Regeln verunmöglichen
  • akute aggressive Persönlichkeitstörungen
  • Medikation in hohen Dosierungen, die eine Einschränkung der Wahrnehmungsfunktion hervorrufen
  • psychosomatische Erkrankungen, wenn keine medizinische Versorgung der akuten Symptome (zB. Hauterkrankungen) durchgeführt wurde
  • abnorme Trennungsangst
  • Störungen nach Hirnschädigungen
  • hochgradige Störungen der Wahrnehmungsfähigkeit
  • Autistische Störungen
  • Hyperaktivität
  • Schwachsinn
  • Erkrankungen, die die Erinnerungsfähigkeit des Klienten herabsetzen

Texte:

M. Honore France, University of Victoria, Victoria, Canada
NAIKAN: A BUDDHIST APPROACH TO PSYCHOTHERAPY

Atsuko Seto: Counseling and Psychotherapy für Japanese clients

Detlev Boelter: Sehen, was ich nicht sehen wollte

 

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