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Franz Ritter
Die Methode Naikan
Die Methode Naikan wurde Anfang der 40er
Jahre vom japanischen Geschäftsmann Ishin Yoshimoto begründet. Auf Grund seines hohen
sozialen und geistigen Interesses suchte er nach einer Möglichkeit, Menschen aus den
Zwängen ihrer anerzogenen und selbsterworbenen Verstrickungen zu befreien, um ihr volles
Potential als Menschen zu erschließen.
Yoshimoto experimentierte etwa 25 Jahre
mit einer Mischung aus meditativer Innenschau (Naikan = Innen-Schau) und modernen
psychologischen Ansätzen. Um 1965 war die Methode in der heutigen Form fertig. Aber der
Begründer selbst forderte auf, immer weiter über Verbesserungen und Ergänzungen
nachzudenken. Daher ist die Entwicklung von Naikan noch lange nicht abgeschlossen, sondern
befindet sich nach wie vor in einem dynamischen Prozess, der allerdings durch die Arbeit
von Ishin Yoshimoto auf einem soliden Sockel ruht.
In den 40er und 50er Jahren arbeitete
Yoshimoto neben seiner Tätigkeit als Chef eines Lederwaren-Großhandels ständig als
Naikan-Leiter. Er ließ alle seine Angestellten an Naikan-Prozessen teilhaben. Dies
verhalf dem Unternehmen zu einer derartigen Durchschlagskraft, dass es zum größten
Lederwaren-Handelsunternehmen Japans mit Filialen in vielen japanischen Städten aufstieg.
Um 1960 entschloss sich Yoshimoto, das Unternehmen zu verlassen und nur mehr als
Naikan-Leiter tätig zu sein. Die hierfür nötigen Mittel entnahm er dem Firmenvermögen
und schenkte danach das Unternehmen seinen Mitarbeitern.
1953 gelang es Yoshimoto außerdem,
erstmals Naikan in einem japanischen Gefängnis anzubieten. Damit begann eine weitere
Erfolgsgeschichte, die im japanischen Strafvollzug ein sehr wirkungsvolles
Resozialisierungswerkzeug etablierte. Bereits in den 70er Jahren hatten über 100.000
Strafgefangene Naikan gemacht. Eine Untersuchung an 10.000 Häftlingen zeigte,
dass durch
die Behandlung mit Naikan die Rückfallquote von gefährlichen Rückfalltäter um über
50% sank. Damit wurde die Wirksamkeit der Methode Naikan in einem äußerst schwierigen
Sozialbereich eindrucksvoll bestätigt.
Die Entwicklung von
Naikan
Naikan ist heute in unterschiedlichsten
Bereichen verbreitet. Ein breiter Strang sind die Selbsterfahrungs- und
Selbstentwicklungs-Seminare, die vor allem von den Naikan-Zentren angeboten werden. Naikan
ist aber auch eine höchst wirkungsvolle Psychotherapie, die in der Suchttherapie, in der
Resozialisierung und in den psychosomatischen Heilbereichen Eingang gefunden hat. Hier
arbeiten Therapieeinrichtungen, Einzeltherapeuten und Spitäler mit diesem Werkzeug.
In Japan und zunehmend auch in Europa findet die Methode
Naikan aber auch im wirtschaftlichen Bereich Anklang. Viele japanische Unternehmen machen
Naikan zu einem Teil ihres Personalentwicklungsprogramms und haben enormen Erfolg damit.
Kleine und mittlere Unternehmen streben danach, mehr als 50% der Mitarbeiter diese
Erfahrung zukommen zu lassen. Es zeigt sich, dass dann vor allem auf der
Kommunikationsebene Reibungen weitgehendst beseitigt werden und die Mitarbeiter viel
unmittelbarer und ohne Vorbehalte am innerbetrieblichen Geschehen partizipieren. Auch die
Kundenorientierung - die in Japan sowieso schon sehr hoch entwickelt ist - nimmt noch
weiter zu.
Großunternehmen setzen Naikan vor allem
in zwei Bereichen ein: Erstens bei der Vorbereitung und Begleitung von Karriereschritten,
weil in Japan die soziale Kompetenz als wichtigste Eigenschaft einer Führungskraft
angesehen wird, die es zu entwickeln und auszubauen gilt. Zweitens in Problembereichen, wo
ein Mitarbeiter unmittelbar vor der Kündigung steht und ihm noch einmal eine Chance
gegeben werden soll. Untersuchungen zeigen, dass nach einer Woche Naikan 9 von 10
angedrohten Kündigungen nicht ausgesprochen werden müssen.
Träger der Entwicklung
die Naikanzentren
Neben dem Yoshimoto-Zentrum in Nara
wurden seit 1970 in Japan über 40 Naikan-Zentren und 6 Zentren in Europa und am
nordamerikanischen Kontinent gegründet. Jedes dieser Zentren ist selbstverantwortlich
organisiert und arbeitet mit den anderen Zentren oder Naikan-Organisationen in
partnerschaftlicher Weise zusammen. Es gibt im Naikan keinerlei hierarchischen Strukturen.
Damit ist Naikan das Musterbeispiel einer global tätigen, selbstverwalteten und
eigenverantwortlichen Organisationsform.
Naikan in Mitteleuropa
Österreich spielt in der Entwicklung von
Naikan außerhalb von Japan eine führende Rolle. 1980 wurde hier das erste Naikan-Seminar
außerhalb von Japan veranstaltet und heute gibt es hier allein 3 Naikan-Zentren (NÖ,
Salzburg und Wien) und auch die weitaus höchste Zahl (geschätzt über 600) der
bisherigen westlichen Naikan-Absolventen.
Seit 1986 wird Naikan von der
Therapiestation Erlenhof (OÖ) als wesentlicher Teil des therapeutischen Settings
eingesetzt. Praktisch alle Klienten, die den Gesamtprozess durchlaufen, machen zur
Abrundung und Vertiefung ihrer Therapie mindestens eine Woche Naikan.
1995 gelang es auch, Naikan erstmals in
einem westlichen Gefängnis zu etablieren. In der Jugendanstalt Gerasdorf in NÖ wird die
Methode seither regelmäßig angeboten und von den Strafgefangenen gut angenommen. Die
begleitenden Untersuchungen weisen auf eine sehr gute Wirksamkeit hin, allerdings ist es
natürlich hier noch viel zu früh, um Aussagen über die Wirksamkeit zu treffen. Auch in
der Sonderanstalt Favoriten ist Naikan ein Teil des therapeutischen Angebots. In dieser
Anstalt dient es vor allem dazu, Freigänger auf ihrem Weg in die Entlassung zu begleiten.
Naikan wird auch in Deutschland am Naikan
Institut für Innenschau, in Italien und in der Schweiz angeboten.
DIE METHODIK VON NAIKAN
Der meditative Ansatz
Wie schon erwähnt, vereinigte Ishin
Yoshimoto in seinem Ansatz die meditative Erfahrung des Ostens mit modernen
psychologischen Erkenntnissen. Meditation wurde im ostasiatischen Raum immer schon zur
Selbstbeobachtung und Selbstentwicklung eingesetzt. Auch in unseren Breiten waren
meditative Methoden durchaus ein Teil der Selbstfindungsprozesse - etwa bei den Kelten und
Germanen, später natürlich in den christlichen Kirchen -, sie wurden jedoch irgendwie
vom Lauf der Geschichte überrollt. Heute besinnen sich wieder mehr Menschen unseres
meditativen Menschheitserbes, das, wie viele wissenschaftliche Untersuchungen zB. jene aus
den frühen 80er Jahren an der psychiatrischen Universitätsklinik in München zeigen, in
jedem von uns genetisch angelegt und daher auch jedem zugänglich ist.
Der psychologische Ansatz
Die Wissenschaft der menschlichen Seele
seit Freud besagt, dass die Art, wie wir das Leben bisher gelernt haben, Ursache unserer
charakteristischen Haltungen, aber auch unserer Verstörungen ist. Die Haltungen und
Verstörungen determinieren unsere Reaktionen auf die Reize, die das Leben uns zuspielt.
Sie bestimmen die Art, wie wir unser Leben leben. Werden die Haltungen nie oder nicht
ausreichend hinterfragt und die störenden Elemente der Lebensführung nicht bearbeitet,
so gestaltet sich daraus eine Lebensform, die vor allem durch die Einschränkung der
sozialen Fähigkeiten gekennzeichnet ist. Das Leben wird nach wenigen, stark ausgeprägten
Mustern gelebt und es wird erwartet, dass das Schicksal" in einer mit den
Mustern kompatiblen Art auf den Einzelnen zukommt. Geschieht dies nicht, so ist der Crash
perfekt: Wir rennen auf die immer gleiche Art in das immer gleiche Problem und erfahren
(besser gesagt: erzeugen) den immer gleichen Ausgang - meist negativer Art.
Der neue Ansatz von
Naikan - Selbsteinsicht
Naikan stellt nun - wie die westliche
Psychotherapie auch - diese Grundprägung in Frage. Dabei geht es allerdings nicht den Weg
der Interaktion in therapeutischer Begleitung oder in einer therapeutischen
Gruppensitzung, sondern aktiviert unmittelbar die Selbsteinsicht des Betroffenen. Dafür
muss dem Klient eine selbstbetrachtende, sprich meditative (meditare = betrachten)
Grundstimmung ermöglicht werden. Die Meditation öffnet auf eine leise Art die Speicher
unserer Erinnerungen und arbeitet mit niedriger Energie. Deshalb ist auch unsere
Widerstandsenergie eher gering und die Ergebnisse dieser Betrachtung äußerst
wirkungsvoll für die zukünftige Lebensgestaltung.
Der Strom der Erinnerungen, der dann
meist nach relativ kurzer Zeit automatisch einsetzt (wir kennen das von stillen, einsamen
Spaziergängen oder Abenden), wird selektiv gelenkt. Zum Unterschied zur Psychoanalyse
wird im Naikan nicht mit der freien Assoziation gearbeitet, sondern mit einer
disziplinierten Grundausrichtung der Erinnerungsarbeit und Fragen nach der sozialen
Interaktion.
Beziehung als Spiegel
Für die Betrachtung wählt der/die
TeilnehmerIn anfänglich jeweils die Beziehung zu einer wichtigen Person in seinem Leben,
also Mutter, Vater (oder Menschen, die deren Stelle einnahmen), Geschwister, Großeltern,
Lehrer, Mitarbeiter, Chefs usw. Es wird immer die ganze Beziehung in überschaubaren
Abschnitten (in der Regel 3 bis 5 Jahre) von Anfang bis zum Ende betrachtet, was meist
jeweils einen dreiviertel Tag in Anspruch nimmt.
Aus den Erinnerungen an die jeweilige
Beziehung werden jene herausgeholt und näher betrachtet, die den folgenden Kriterien
entsprechen:
A)
Beziehungsbilanz
1. Was hat dieser
Mensch in dieser Zeit für mich getan?
2. Was habe ich in
dieser Zeit für diesen Menschen getan?
B) Beziehungsstörung
3) Welche
Schwierigkeiten habe ich diesem Menschen in dieser Zeit gemacht?
Die vierte Frage, welche Schwierigkeiten
dieser Mensch mir gemacht hat, wird deshalb nicht betrachtet, weil sie
einerseits sowieso in unserem Denken
eine Hauptrolle spielt, aber
andererseits bisher noch keine Lösung
der Lebensprobleme herbei geführt hat (sonst wäre ja dieser Mensch nicht im Naikan).
Aus dieser Betrachtung ergibt sich
eine Lebensbilanz über Geben und
Nehmen in einer Beziehung und
ein vertieftes Verständnis für die
Position des anderen, weil ich erkenne, womit ich ihn kränke oder ihm Sorgen mache.
Auf diese Art wird nun Beziehung für
Beziehung betrachtet. In einer späteren Phase des Seminars kann der/die TeilnehmerIn auch
auf wichtige Themen seines Leben übergehen, also seine Beziehung zu Arbeit, Geld,
Suchtmittel, zu seinen Talenten und Neigungen usw.
Natürlich findet der/die TeilnehmerIn in
Naikan nichts Neues". Was sich erneuert, ist die Art, das Leben wahrzunehmen.
Ich räume als Naikan-TeilnehmerIn meine Verdrängungen zur Seite, die darauf beruhen,
dass ich eine Beziehung nicht so sehen und damit anerkennen will, wie sie wirklich war.
Wenn ich auf meine Mutter böse sein will (weil ich mich von ihr enttäuscht glaube), dann
muss ich alles verdrängen, was sie mir Gutes getan hat. Den Verdrängungsmechanismus hat
Sigmund Freud bestens beschrieben, auch seine Folgen von Rationalisierung und Verhärtung
bis hin zu neurotischer Verstörung und psychosomatischer Erkrankung.
Betrachtung von wichtigen
Lebensbereichen
Abgeleitet von unseren Grundhaltungen zu
den Basisbeziehungen ergeben sich dann Folgehaltungen zu wichtigen Themen wie zB. unserem
Verhältnis zu Eigenverantwortung oder Arbeit:
Versuche ich immer noch, endlich
ausreichend" von meiner Mutter versorgt zu werden (weil ich mich permanent zu
kurz gekommen fühlte), dann werde ich diese Haltung auch auf die Gesellschaft ausdehnen
und erwarten, dass sie mich versorgt. Geschieht das nicht oder wie im Falle von
Arbeitslosigkeit nicht ausreichend, dann sind manche Menschen skurrilerweise eher bereit,
lebenslang im Schmollwinkel zu verschwinden als eine neue Haltung in Bezug auf
Eigenverantwortung aufzubauen.
Bin ich im Laufe meiner Sozialisation
mit verstörenden Ansichten über Leistung malträtiert worden, so kann es leicht
passieren, dass ich eher im Trotz als in einer konstruktiven Grundhaltung zu Arbeit und
Selbstverwirklichung über Tätigkeit lande. Hier wiederum müssen Introjekte in Form von
überzogenen Einflüssen überwunden werden - in dem das Konstruktive in einem
Sozialisationseinfluss erkannt und das Überzogene, selbst Verstörte ausgeschieden wird.
Dies sind nur zwei Beispiele für die
mannigfache Art, wie Selbstarbeit geschehen kann. Naikan bietet dafür einen idealen
Rahmen, aber es gibt inhaltlich keine anzustrebenden Ergebnisse vor. Jeder/jede
TeilnehmerIn macht seine eigenen Reise - und darum ist das, was er im Seminar erreicht und
erkennt, wirklich sein Eigentum, selbst erarbeitet und selbst verwirklicht.
Darauf beruht die größte Wirksamkeit
der Methode Naikan. Alles, was in dieser Woche erfahren wird, ist unmittelbar vom
folgenden Tag an lebenswirksam. Nach dem Seminar beginnt eine intensive Zeit der
Lebensumstellung, in der sich die neuen, offeneren Haltungen in den einzelnen Begegnungen
und Situationen zeigen und wirksam werden. Diese Phase erreicht in den meisten Fälle erst
etwa nach einem Jahr ihren Höhepunkt und die darauf folgende abflachende Entwicklung hat
einen eher sanften Radius.
Denn natürlich ist Naikan nicht die
Heilung all unserer Probleme für alle Zeit. Aber es ist eine solide Basis dafür, das
Leben neu anzusehen und neu anzupacken. Eine Basis, die auch gepflegt und ausgeübt werden
will, die aber auch viel tiefer in uns verankert ist, als unsere Gedanken und
Willensanstrengungen. Und das ist es, was Naikan so wirksam macht.
Der methodische Rahmen
Naikan findet immer in einer
reizreduzierten Umgebung statt. Wir suchen uns - wenn möglich - schöne, ruhige Plätze
mit guter Atmosphäre, um Naikan zu üben. Von Außen dürfen nicht allzuviele aggressive
Geräusche zu hören sein. Natur in der Umgebung unterstützt den inneren Prozess. In den
Übungsräumen sollte genug Licht, Luft und Abstand sein, um möglichst ungestört bei
sich selbst sein zu können.
Die Abgeschiedenheit im Naikan wird durch
das Sitzen in Einzelzimmern oder die Verwendung von Wandschirmen unterstützt. Jeder
Übende erhält seinen eigenen, abgeschirmten Platz, an dem er ohne äußere Einflüsse
durch andere Teilnehmer üben kann. Der Wandschirm vermittelt auch ein bisschen das
Gefühl, wieder wie ein Embryo im Mutterbauch zu sein und wir fühlen uns zufrieden und
geborgen.
Körperhaltung
Wie der Teilnehmer während der Übung
sitzt, ist ganz allein ihm überlassen - die Empfehlung ist nur, keine Haltung
einzunehmen, die das Einschlafen allzusehr fördert. Aber sonst gibt es für Naikan keine
besondere Körperhaltung. Meine Empfehlung ist, wie im autogenen Training mit lockeren
Schultern entspannt zu sitzen. Selbstverständlich darf auch ein gemütlicher Stuhl
benutzt werden.
Keine Interaktion
Der größte Reiz, dem wir im Leben
ausgesetzt sind, ist der Anblick und die Begegnung mit anderen Menschen. Darum wird Naikan
ohne jede Interaktion mit anderen Teilnehmern geübt. Das bedeutet nicht nur Schweigen bei
den zufälligen Begegnungen am Weg zur Toilette, ins Freie oder zum Bad, sondern darüber
hinaus, dass auch nonverbale Interaktion, ja sogar jeder Augenkontakt vermieden werden
soll. Am Anfang unterstützt uns dieses Verhalten darin, uns rasch zu konzentrieren und
unsere Aufmerksamkeit auf uns selbst zu reduzieren. In tieferen Phasen des Prozesses aber
wird es ein gegenseitiger Schutz, der überaus notwendig ist.
Denn der Weg in die Tiefe unseres eigenen
Geistes ist immer auch mit einer psychischen Öffnung verbunden. Öffnung bedeutet aber
auch Verletzlichkeit - und in dieser Phase des Naikan-Prozesses kann ein unrechtes Wort
einen tiefen Schock auslösen, der dann für Stunden die Chemie unseres Körpers
beschäftigt. Daher gibt es die Bitte an jeden Übenden, wirklich ganz auf sich selbst
reduziert zu sein und den anderen nicht zu stören.
Keine Ablenkung
Während der Naikan-Übung gibt es
(außer in Notfällen) keinen Kontakt nach außen. Deshalb wird empfohlen, alle
offenen Geschäfte" (im Gestaltsinne) vor dem Antritt der Naikan-Übung zu
erledigen, um keine Störung während dieser Zeit zu erleben.
Weiters wird empfohlen, während des
Naikans nichts zu lesen, das Schreiben auf das Notieren von Stichworten zu reduzieren
(manche Naikan-Leiter untersagen es auch ganz) und sich nicht durch Medien oder Musik
abzulenken. Bei Spaziergängen ist darauf zu achten, dass weiter Naikan geübt wird.
Der Genuss von bewusstseinsverändernden
Mitteln wie Alkohol, Drogen oder Medikamente soll vermieden werden. Müssen Medikamente,
die das klare Bewusstsein beeinträchtigen, während der Naikan-Übung weiter eingenommen
werden, so sollte die Dosis vor dem Naikan mit Hilfe des Arztes so niedrig wie möglich
gesenkt werden.
Meditation als Basis der
Arbeit
In der Naikan-Übung stellt sich nach
relativer kurzer Zeit der oben beschriebene meditativer Bewusstseinszustand ein.
Meditation ist eine besondere Formation unseres Geistes, der sich in EEGs eindrucksvoll
dokumentiert und in dem unser Gehirn auf eine andere Art reagiert als in anderen
Bewusstseinszuständen. Immer ist mit diesem Zustand eine tiefe Entspannung verbunden. Es
wird darüber hinaus in der Meditation eine Art vorgelagerte Konzentration geweckt, die es
uns leichter macht, die gestellten Aufgaben zu erfüllen. Das heißt jetzt nicht,
dass wir
automatisch in eine Geistesverfassung fallen, in der wir gar nichts mehr zu tun haben und
uns alles in den Schoss fällt. Die wichtigste Aufgabe des/der Naikan-TeilnehmerIn
während der Übung bleibt, immer wieder das Abgleiten der Gedanken zu bemerken und seine
Aufmerksamkeit sanft zurück auf das gewählte Thema zu leiten. Der meditative
Grundzustand unterstützt jedoch die Aufgabe, weil er hilft, länger und leichter beim
Betrachtungsobjekt zu verweilen.
Manchmal entfaltet sich daraus unsere
ganze Erinnerungsfähigkeit und füllt uns vollständig aus. Wenn wir mit unserer
Vergangenheit völlig eins sind und doch das Ganze mit unseren heutigen Augen anschauen
können, dann wird dieses Erleben oft als beglückendste oder bewegendste Momente der
Naikan-Betrachtung wahrgenommen.
Timelap - überlappendes
Zeiterleben
In diesem Spannungsfeld zwischen Erleben
des damaligen Ereignisses und unserem heutigen Verstehen findet auch die meiste
Erkenntnisarbeit im Naikan statt. Wir können einerseits das Vergangene noch einmal
erleben, weil unser Gehirn es vollständig, mit allen Sinneseindrücken, unserer damaligen
Gemütsverfassung und Stimmungslage, mit unseren damaligen Gedanken und unseren
muskulären Reaktionen aufgezeichnet hat. Aber wir sind diesem Erleben nicht hilflos
ausgeliefert, sondern wir durchleben es erstens der geschützten Umgebung des
Naikan-Zentrums und zweitens mit unserem heutigen Wissen, unserem heutigen Verstehen,
unserer heutigen Einsicht. Darum können wir die Schlüsse, die wir damals aus dem Erleben
gezogen haben kritisch hinterfragen und gegebenenfalls revidieren.
Daraus wiederum lernen wir nicht nur für
diese Situation, die sich ja so kaum wiederholen wird, sondern nehmen uns selbst als
Menschen, mit all unseren Begrenzungen und Unfertigkeiten, klar und durchdringend wahr.
Durch diese Rückkoppelung wiederum vertieft sich unser Verstehen vom Wesen des Menschen,
vom Wesen, das wir selber sind.
In den Augen des Anderen
das eigene Selbst spiegeln
Naikan arbeitet mit dem besten Spiegel
der uns zur Verfügung steht - unser Verhalten in der Beziehung zu einem anderen Menschen.
Nur weil es einen anderen Menschen gibt, gibt es auch mich. Jeder Mensch hat Vater und
Mutter und eine eigene, besondere Geschichte mit ihnen. Das ist ein Aspekt. Ein anderer
ist, dass ich mich nur als eigenes Wesen wahrnehmen kann, weil es einen anderen Menschen
gibt, auf den ich reagiere. Alles, was mich ausmacht, verdanke ich anderen Menschen (und
anderen Wesen). Alles, was ich bin, kann ich nur aus meinem Verhalten zu anderen Menschen
sowie zu Tieren und Pflanzen erkennen.
Naikan ist an keinen theoretischen
Gedankenspielen á lá was wäre, wenn..." interessiert, sondern nur an klaren
und gesicherten Fakten. Im Naikan betrachten wir keine Meinungen über Ereignisse oder
Interpretationen von Situationen, sondern nur Tatsachen. Die Betrachtungsebene bildet, was
geschehen ist, nicht, wie wir das Geschehen aufgenommen oder interpretiert haben. Das
macht anfangs den meisten Menschen Mühe, weil wir ständig die Wirklichkeit und unsere
Meinung über diese Wirklichkeit verwechseln. Doch mit Hilfe von Naikan können wir
langsam erkennen, dass wir nicht von unserer Meinung über eine Speise satt werden,
sondern davon, dass sie jemand kocht und uns gibt.
Darum arbeitet Naikan sehr konkret nur
mit dem, was wir in Beziehungen bekommen und geben, was getan wird. Die Wirklichkeit einer
Beziehung besteht nach der Naikanerfahrung lediglich aus vier konkreten Bereichen:
1. Was tut der andere
für mich?
2. Was tue ich für den
anderen?
3. Welche Probleme
bereite ich ihm?
4. Welche Probleme
bereitet er mir?
Wir können also die ganze
Beziehungswirklichkeit als viergeteilten Raum verstehen:
Wenn wir uns während eines beliebigen Tages selbst
beobachten, dann werden wir feststellen, dass wir uns in einem Raum ganz besonders gut
auskennen: Im vierten, in den Schwierigkeiten, die andere uns bereiten.
Unsere Beziehung sieht also oft so aus:
| 1. Was tut der
andere für mich?
|
2. Was mache
ich für den anderen?
|
| 3. Welche
Schwierigkeiten mache ich dem anderen? |
4.
Welche Schwierigkeiten macht der andere mir? |
Manchmal nehmen wir sogar den Inhalt der
ersten drei Kästchen überhaupt nicht wahr, weil wir so mit dem vierten beschäftigt
sind.
Weil wir uns normalerweise so sehr auf
diesen Bereich fixieren und den schon sehr gut kennen (und noch immer keine Lösung für
unsere Lebensprobleme gefunden haben), ist die Einladung im Naikan, sich einmal die
anderen Bereiche genauer anzuschauen. Der vierte Bereich bleibt für die Zeit der Übung
unbeachtet. Nicht weil er keine Berechtigung hat, sondern weil die einseitige Fixierung
auf diesen Bereich weit mehr Leiden in meinem Leben schafft als alle Schwierigkeiten, die
andere mir je bereitet haben.........
Im Naikan sieht die Betrachtung also so aus:
1. Was tut
der andere
für mich? |
2. Was mache
ich
für den anderen? |
3. Welche Schwierigkeiten
mache ich
dem anderen?
|
Dieses Feld
bleibt unbeachtet |
Die drei Naikan-Fragen sind das
Herzstück der Naikan-Übung. Mit Hilfe dieser drei einfachen Fragen können wir in
ungeahnte Tiefen unseres eigenen Geistes vordringen. Dabei spielen moralische Intentionen
keine Rolle. Diese drei Fragen halten uns einfach einen Spiegel vor, in dem wir uns selbst
als Mensch wahrnehmen können. In welchem wir unsere Stärken und unsere Versagen, unsere
Ängste, Träume, Erwartungen, unsere Liebe, unsere Verhärtungen, unsere
Nachlässigkeiten und Fürsorgen, unser ganzes Sein erkennen.
Stück für Stück tragen wir im Naikan
mit Hilfe der drei Fragen ein Mosaik unserer Person zusammen. Ist ein Bild fertig, so
können wir darin ein zweites, feiner gesponnenes erkennen, darin ein noch feineres und so
weiter. Und in ganz hellen Augenblicken erkennen wir im ganzen Gewebe das ursprüngliche
Wesen, das sich in all diesen Gesichtern, in diesen Personen auszudrücken sucht und
nichts anderes will, als erkannt und gelebt zu werden.
Betrachtung in
Abschnitten
Unser Geist speichert vermutlich jeden
Moment unseres Lebens. Genau wissen wir das nicht, weil wir unser Gehirn selbst nur sehr
schwer untersuchen können. Aber die Ergebnisse bisheriger Forschungen haben nichts
ergeben, was dagegen spricht. Und wenn wir eine Struktur der Erinnerung erkennen können,
dann die eines Archivs. Zuerst wird die Erinnerung an das erste Ereignis unter einem
Stichwort (sagen wir Mama") abgespeichert, dann die nächste usw.
Dieser Logik folgt auch Naikan. Wir
beginnen die Betrachtung mit der Konzentration auf eine Beziehung - zB. die Mutter (oder
die Person, die ihre Stelle eingenommen hat). Das Grund-Prinzip dabei ist das eines
sorgfältigen Forschers in einem Archiv: Wir sehen uns - um nichts zu verpassen - Schritt
für Schritt die ganze Beziehung an, von Anfang (bei der Mutter ist das die Geburt) bis
Ende (ihr Tod oder der heutige Tag).
Die Beziehungsgeschichte wird dabei in
überschaubare Abschnitte eingeteilt. Wie der Inhalt eines Archivs nur dann überschaubar
und die Sichtung reich wird, wenn wir dessen Zeitstruktur in Schritten folgen, so wird
auch unser inneres Archiv nur dann seine Inhalte in Fülle freigeben, wenn wir uns auf
einzelne, aufeinander folgende Abschnitte konzentrieren. In der Regel sind diese
Abschnitte 3 bis 6 Jahre lang, aber die jeweilige Länge der nächsten Betrachtungseinheit
wird während der Übung individuell festgelegt. Manchmal kann es sinnvoll sein, ganz
kurze Zeitabschnitte anzusehen, manchmal dünnen die Begegnungen zweier Menschen so aus,
dass es Sinn macht, einen längeren Zeitraum zu betrachten.
Durch die Folge der Betrachtung können
wir die roten Fäden in unserem Leben erkennen, wo sie begannen und wohin sie führten.
Wir sehen Tendenzen, Vorlieben und Abneigungen kommen und gehen, erkennen die Motive
unserer Handlungen, ihre Ausführung und deren Folgen.
Wenn wir eine Person bis zum Ende
betrachtet haben, wählen wir die nächste. Die Auswahl der Person ist völlig frei. Es
gibt zwar aus der Praxis von Naikan einige Empfehlungen, aber das sind Empfehlungen, nicht
mehr. Der Übende ist frei in der Gestaltung seines Prozesses. Der Naikan-Leiter begleitet
ihn verantwortungsvoll und wird nur Einwände haben, wenn der Übende den Rahmen von
Naikan verlässt.
Naikan-Interviews
Während eines Naikan-Tages gibt es
zwischen dem Naikan-Leiter und dem Teilnehmer in regelmäßigen Abständen Interviews, um
den Prozess zu gliedern und zu steuern. Im Interview wird mitgeteilt, was dem Übenden zu
den drei Fragen eingefallen ist. Es genügt, wenn der/die Naikan-TeilnehmerIn ein, zwei
Beispiele für jede Frage aufzählt, mehr ist für das Verständnis des Prozesses von
Seiten des/der Naikan-LeiterIn nicht nötig. Es teilt sich ja die ganze Person mit und mir
persönlich genügt oft schon der erste Eindruck, nachdem ich den Schirm geöffnet habe,
um zu wissen, wo der Teilnehmer in seinem Prozess gerade steht.
Die Interviews sollen kurz und prägnant
sein, um die Betrachtung nicht auf die verbale, analysierende oder intellektualisierende
Ebene zu führen. Alles, was über 5 Minuten Gesprächszeit hinausgeht, erweist sich in
der Praxis als Störung. Das Interview kann sogar problemlos ausfallen, wenn es dem
Teilnehmer schwer fällt, das Erlebte zu berichten. Wichtig ist nur, dass der Teilnehmer
im Prozess bleibt.
Der/die Naikan-LeiterIn
Die Funktion eines Naikan-Leiters, einer
Naikan-Leiterin ist eine grundsätzlich andere als in allen anderen Therapie- und
Selbsterkenntnis-Prozessen. In den Interviews, die den Prozess begleiten, ist seine
Hauptfunktion zuzuhören und darauf zu achten, dass der Übende in den
Naikan-Prozess
findet. Dabei müssen anfänglich manchmal noch offene Fragen geklärt oder auf
Fehlinterpretationen hingewiesen werden. Im Laufe der Übung aber rückt die Bedeutung des
Leiters immer mehr in den Hintergrund.
Er interpretiert die Ergebnisse des
Naikan-Teilnehmers nicht und urteilt auch nicht über sie. Es ist auch nicht seine
Aufgabe, sie zu deuten. Er nimmt die Worte des Teilnehmers still entgegen und leitet in
den nächsten Abschnitt über. Dann zieht er sich wieder zurück, um den Naikan-Übenden
bei der wichtigsten Aufgabe im Seminar nicht weiter zu stören - bei der stillen
Betrachtung des nächsten Lebensabschnittes.
Weiterführung des
Prozesses
Mit der Naikan-Übung beginnt oder
vertieft sich der Prozess einer permanenten Selbsterkenntnis. Naikan zielt darauf ab, eine
lebensbegleitende Instanz zu etablieren, die unser Verhalten laufend beobachtet und
optimiert. Deshalb kann die Übung einerseits leicht eigenständig weitergeführt,
andererseits aber auch immer wieder einmal gemacht werden. Damit etabliert sich dann diese
Innere Beobachtung als ständige Selbstentwicklungsebene, die es uns erlaubt, mehr und
mehr über uns selbst zu erfahren und uns zugleich ein immer glücklicheres - weil
geglückteres - Leben führen lässt.
Die Selbstentwicklungsspirale, die den
Naikan-Prozess
kennzeichnet, hat eine selbstverstärkende Tendenz und wird daher relativ bald unabhängig
von der Frage nach Disziplin oder stetiger Bemühung.

Natürlich braucht es die Bereitschaft, sich
ständig und weiterführend mit den auftauchenden Themen zu beschäftigen und der
Verführung von Projektion und Schuldzuweisungen an andere zu entziehen. Doch mit
zunehmenden Erfolg", d.h. mit der Erkenntnis, dass ein glückliches Leben nur
dann gegeben ist, wenn wir zunehmend in der Lage sind, uns mit jeder Erfahrung selbst zu
vertiefen und zu entwickeln. Dann können wir unsere wirklichen Aufgaben im Leben,
nämlich Selbstentfaltung und Selbstverwirklichung, akzeptieren und verrichten.
Naikan-Formen
Naikan kann in unterschiedlichen Formen
geübt werden. Die klassische Form ist die einwöchige Klausurübung in einem
Naikan-Zentrum. Dort gibt es auch Angebote zum Tages-Naikan, einem mehrmonatigen
Prozess, bei dem einmal im Monat ein Tag Naikan absolviert wird. Weiters gibt es
Jahres-Naikan
(Kodo-Naikan), bei dem dreitägige Seminare (3 x im Jahr) mit einem selbstgewählten
Verhaltensplan zu einem Jahres-Prozess vereinigt werden. 1 x im Monat wird dabei mit dem
Naikan-Leiter ein Coaching-Gespräch geführt. Tägliches Naikan entweder
als Weiterführung des Naikan-Prozesses oder als Tages-Bilanz über das eigene Verhalten,
vertieft die Naikan-Einsicht und ermöglicht, den ganzen Tag in einem anderen Licht zu
erleben.
Naikan ist ein trotz seiner einfachen
Grundstruktur ein sehr vielgestaltiger Prozess, der sich nicht standardisieren
lässt und
dies auch gar nicht möchte. Unser Geist weiß eigentlich am allerbesten, was wir in einer
bestimmten Situation brauchen. Er braucht dafür nur Ruhe und eine liebevolle Begleitung
dann führt er uns selbst zu unserem ursprünglichen Ziel im Leben, nämlich
glücklich zu sein und in gelassener Heiterkeit die Dinge zu erleben.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.
Der
Autor: Franz
Ritter ist seit 1985 als Naikan-Leiter tätig und
Generalsekretär der Internationalen Naikan Assoziation
I.N.A.
Er führt gemeinsam mit seiner Frau Martha das Neue Welt Institut
in Lanzenkirchen in der Nähe von Wiener Neustadt südlich von Wien.
e-mail: franz.ritter@naikan.com
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