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Franz Ritter
Die spirituelle Seite von Naikan
Vortragsmanuskript für den
4. Internationalen Naikan-Kongress
Tokyo, September 2000
Ich danke für die Möglichkeit, hier und heute über Spiritualität an der Seite von
zwei solchen erfahrenen Meistern und Lehrern sprechen zu können. Natürlich werde ich
nicht versuchen, mein Wissen besonders in den Vordergrund zu stellen, dafür ist es viel
zu bescheiden und klein.Was ich möchte, ist ein wenig das Universelle der spirituellen
Erfahrung, aber auch der Methode Naikan heraus zu arbeiten. Dazu möchte ich westliche und
östliche Erfahrung zusammenführen und den Platz definieren, den Naikan im spirituellen
Bereich haben könnte soweit eben meine Erfahrung reicht, um die richtigen Worte zu
finden.
Naikan wurde, wie wir alle wissen, auf Grund einer tiefen spirituellen Erfahrung geboren.
Herr und Frau Yoshimoto konnten also bei der Vermittlung von Naikan immer auf ihre eigene
tiefe Wesensschau zurück greifen, um die richtige Form der Begleitung zu finden und
manchmal auch, wie wir wissen, die Struktur von Naikan brechen, um das Wesen von Naikan
besser sichtbar zu machen.
Die spirituelle Erfahrung selbst ist etwas, was allen Menschen grundsätzlich
zugänglich ist. Das es nicht leicht ist, das Offensichtliche zu erkennen, wie es der
Meister Wei Wu Wie, eigentlich ein englischer Metaphysiker namens T. J. Gray ausdrückt,
liegt einerseits an unserer genetischen Ausstattung, die zuerst einmal dafür geschaffen
wurde, unser Überleben zu sichern. Die moderne Biologie sagt uns, dass alle
weiterführenden religiösen oder spirituellen Erfahrungsschritte des Menschen nicht im
genetischen Evolutionsplan vorgesehen, sondern Zufallsprodukte sind. Nun, dass kann so
sein. Aber weil wir irgendwie die Fähigkeit entwickelten, über den Tellerrand des
Überlebens hinaus zu blicken, haben wir Menschen transzententale, unsere kleine Existenz
überschreitende Erfahrungen machen können. Vielleicht werden sie eines Tages sogar über
den genetischen Code zur Grundausstattung des Menschen gehören. Aber das ist Spekulation
und als solche für unser Leben hier und jetzt nutzlos.
Wir haben gelernt, unsere grenzüberschreitenden Erfahrungen für uns zu nutzen. Der
Blick über das hinaus, was uns zum Überleben beschäftigt, ermöglicht uns sogar, unsere
Alltagsprobleme besser zu lösen und ein gesünderes Leben zu leben. Wir wüßten
zumindest in den meisten Fällen, wie wir ein gesünderes Leben leben könnten. Gestern
wurde sehr intensiv über die heilende Seite von Naikan geredet und es ist zugleich die
heilende Seite der spirituellen Erfahrung so verdünnt und unklar sie der einzelne
im Naikan auch machen kann die dem Menschen in Kontakt mit seinen höheren,
gesünderen Anteilen bringt.
Warum rede ich hier von Naikan und der spirituellen Erfahrung wie von zwei Seiten einer
Münze? Nun, jede Zeit hat ihre eigenen Methoden entwickelt, sich der Ur-Erfahrung und dem
Ur-Wissen, wie einer der neueren westlichen Mystiker, Prof. Ernst Schönwiese, das genannt
hat, zu nähern. Wir brauchen offensichtlich so etwas wie eine Leiter, um in diesen
Bereich hineinzusteigen. Der Buddhismus nennt diese Hilfsmittel Upaya, Werkzeuge, und die
Geschichte der Mystik und der Spiritualität ist voll mit den Versuchen, neuere, bessere,
funktionierendere Werkzeuge zur Überwindung unserer Unfähigkeit, das Offensichtliche zu
sehen, zu entwickeln. Zen, Vipassana, Amida-Rezitation, Yoga, das Gebet, die stille
Versenkung, die Atembetrachtung, alles und tausend mehr Versuche, sich etwas anzunähern,
was sich im Alttag unseren Sinnen entzieht.
Über diese Werkzeuge zu streiten, - welches nun besser und welches weniger geeignet
ist, ist müßig. Sie müssen ihre Tauglichkeit im Einzelfall beweisen. Ein Werkzeug, dass
für den einen paßt, kann für den anderen genau das falsche sein. Die einzige Frage ist,
wie weit ein Upaya, ein Hilfsmittel nicht nur für einen Einzelnen, sondern für mehr
Menschen, vielleicht sogar für viele, hilfreich wirkt. Eine andere Frage ist, inwieweit
es flexibel genug ist, bei einer multiplen Problemsituation, also etwa die Verknüpfung
tiefster spiritueller Sehnsucht mit anderem Suchtverhalten wie Alkoholismus oder auch mit
einem übersteigerten Selbstgefühl, das zu messianischem Gehaben führt, zu helfen.
Diese Fragestellungen war der Ausgangsimpuls für die Entwicklung von
Naikan.
Yoshimoto-Sensei wollte die Erfahrung, die er durch Mishirabe für sich gewonnen hat,
allen Menschen durch eine einfachere Methode zugänglich machen. Er hat Naikan immer mehr
verbessert, bis es etwa vor 35 Jahren seine heutige Gestalt bekommen hat
Reizreduzierung durch Schweigen und Abschirmung, Konzentration auf die eigene
Lebensgeschichte und auf die drei Fragen, nicht-direktive Begleitung durch die
Naikan-Leiter. Naikan hat eine sehr spezifische Ausprägung erfahren und sich doch als ein
universelles Werkzeug bewiesen. Nicht nur im heilenden Bereich, der sicher enorm wichtig
ist, weil so viele Menschen an ihrem Dasein leiden und Krankheiten entwickeln, sondern
auch im geistigen Bereich.
Ist es nun Yoshimoto-Sensei gelungen, seinen eigenen Anspruch, eine Methode für die
Hervorbringung der spirituellen Erfahrung zu schaffen, zu erfüllen? Wir können das heute
beurteilen, weil wir Erfahrung der Begleitung von vielen zehn- vielleicht hunderttausenden
Naikan-Teilnehmern zusammen führen und sie miteinander vergleichen können. Was zeigt
sich da?
Als erstes zeigt sich, dass Naikan vor allem als Heilmethode genutzt wird. In unser
Neue Welt Institut kommen sicher mehr als 90% Menschen, die entweder unter psychischen
Störungen oder psychosomatischen Erkrankungen leiden. Das ist auch so denke ich -
bei den meisten anderen Naikan-Zentren so. Wenn wir österreichischen Naikan-Leiter
zusammensitzen, dann wird praktisch immer auch über schwierige Krankheitsfälle, die ins
Naikan kamen, geredet.
Über wirkliche spirituelle Erfahrungen reden wir kaum. Gibt es die nicht? Doch, die
gibt es sehr wohl. Aber die Menschen, die ins Naikan kommen, sind auf der einen Seite auch
ein Spiegel der Gesellschaft. Und Spiritualität, wirkliche Spiritualität ist nur ein
Minderheitenprogramm. Nur etwa 5% der Menschen, so sagen uns die Soziologen, entwickeln
tiefe religiöse Bedürfnisse. Die meisten von diesen 5% geben sich darüber hinaus mit
religiösen Offenbarungen und Erklärungen zufrieden und suchen gar nicht einen eigenen
Zugang zu ihrer Spiritualität. Aber heißt das, dass Naikan versagt hat? Nein, ganz im
Gegenteil.
Denn die wenigen, die kommen, finden in Naikan einen ganzheitlichen Zugang.
Was meine ich damit?
Nur wenige Upayas, Hilfsmittel, die heute angeboten werden, können sowohl eine
psychische Störung beseitigen als auch durch die tiefste Wesensschau begleiten und dort
einen Anker bieten. Wir wissen, dass viele sehr ausgefeilte Meditationsmethoden, wie Zazen
oder Vipassana, Probleme damit haben, etwa Neurosen zu beseitigen. Da gibt es in
westlichen Meditationskreisen schon Witze darüber, dass dann eben ein erleuchteter
Neurotiker am Polster sitzt, vielleicht durch die Meditation vorübergehend stillgelegt.
Aber kaum ist die Meditationszeit vorüber, meldet sich seine Neurose lautstark wieder und
schnattert alles in seiner Umgebung an. Aus eigener Erfahrung weiss ich auch, dass
Meditationslehrer wie fortgeschritten sie auch sein mögen mit psychogenen
oder psychosomatischen Störungen oft nicht adäquat umgehen können, weil ihnen in ihrer
Methodik schlicht das Werkzeug dafür fehlt.
Naikan kann eine heilende Situation schaffen, in der der spirituelle Suchende sich zu
allererst von jenen Fehlhaltungen befreien kann, die sich vielleicht nur in stillem
Unbehagen oder Unzufriedenheiten oder bereits in tieferen Verstörungen und Erkrankungen
manifestieren.
Wenn andererseits aber in einem Naikan eine Erleuchtungserfahrung auftritt, dann denke
ich, dass der Betroffene kaum einen besseren Ort für sein Erleben wählen konnte. Die
stille, nicht-direktive Begleitung, die die Naikan-LeiterInnen geben können, sichern ihn
in seinem personalen Auflösungsprozess und geben ihm einfach Schutz, während er durch
seine Erfahrung wandert. Hier in Japan ist es vielleicht nicht ein so großes Problem,
weil das Verständnis für religiöses Erleben möglicherweise noch vorhanden ist. Aber
bei uns im Westen würde jeder, der während einer Erleuchtungserfahrung aufgegriffen
wird, unweigerlich in einer psychiatrischen Klinik landen. Und ich bin ziemlich sicher,
dass das schon vielen Menschen so ergangen ist.
Die eigentlich wichtigste Domäne sehe ich für Naikan aber in der Stufe nach der
Erleuchtung. Hier fehlt in der modernen Gesellschaft völlig jenes Netz, das alte, noch
mit mystischen Erlebnissen vertrauten Kulturen bieten können. Die Tempel hier in Japan
können vorausgesetzt der Priester hat selbst eine intensive Schulung in
religiöser Erfahrung hinter sich Verständnis und Begleitung bieten. Bei uns im
Westen ist die spirituelle Erfahrung teilweise zu einem Kuriosum geworden. Aber vor allem
haben wir kaum Menschen, die mit ihr aus eigener Erfahrung konstruktiv umgehen können.
Seit mehr als einem Jahr etwa begleite ich einen jungen Mann, der vor vielen Jahren durch
eine tiefe spirituelle Erkenntnis gegangen ist. Seine Umwelt hat ihn natürlich überhaupt
nicht mehr verstanden. Er selbst hat mehr und mehr den Kontakt zur Gesellschaft reduziert
und sich in religiös-soziale Fantasien hinein gesteigert, in denen er ein Konzept zur
Rettung der Welt vor der Umwelt- und Hungerbedrohung entwickelte. Die psychotherapeutische
Behandlung, die er sinnvollerweise aufsuchte, konnte mit seinem Zustand überhaupt nichts
anfangen und hat nur versucht, ihm die Wahngebilde" auszureden.
Aber es war ja eine neue Identität, die sich durch diese Erfahrung in ihm bildete und
sich über seine Vision meldete. Er ist durch seine Erfahrung den Schritt vom kleinen
Ich" zum großen Ich" gegangen, der im Zen und auch in anderen
Systemen beschrieben wird. Nur war da niemand, der ihn verstand und so wurde er letztlich
so verunsichert, dass er sogar Selbstmordfantasien entwickelte. Am Leben hielt ihn nur die
Tatsache, so sagte er, dass das Umbringen weh tut.
In der Begleitung zuerst im Kodo-Naikan und dann im Tages-Naikan hat er sich sehr
langsam wieder dem ursprünglichen Erleben angenähert. Über ein Jahr hat er nicht davon
gesprochen und es auch nicht angeschaut. Aber dann brach es aus ihm heraus und er konnte
mit Hilfe der drei Naikan-Fragen seine Erfahrung überprüfen. Er fand auch endlich
jemanden, der sein Erlebnis ernst nahm. Und er fand durch die Arbeit mit den drei Fragen
wieder auf den Boden zurück, weil er sein Erleben und sein ganz alltägliches Sein
allmählich miteinander verbinden konnte.
Bei uns im Westen wäre er unter die Kategorie hypochondrischer Paranoiker"
gefallen. Durch Naikan konnte er seine Verwirrung und Verstörung aufarbeiten und zu
sich selbst" zurückfinden. Das heißt, er konnte sich annehmen, wie er war und von
da ausgehend für sich die nächsten Schritte der Entwicklung überlegen. Natürlich ist
er nach wie vor unsicher und leicht störbar. Aber wer ist das nicht, der eine so tiefe
Erfahrung gemacht hat, ohne durch seine Umwelt, durch spirituelle Begleitung und ein
schützendes Umfeld durch solch ein Erleben durchgeleitet worden zu sein?
Auf der ganzen Welt entwickeln sich heute mit rasender Geschwindigkeit neue spirituelle
Systeme. Manche deformieren sich auf ganz schreckliche Weise wie hier in Japan die
Aum-Sekte. Manche versuchen nur alte, längst nicht mehr wirklich brauchbare Werkzeuge in
exotischen Riten am Leben zu halten. Manche auch überspitzen ihre Praxis" auf
arrogante, vielleicht sogar gefährliche Weise.
Naikan kann bei dieser gesellschaftlichen Entwicklung eine wichtige Stützfunktion
einnehmen. Denn einerseits können die Naikan-Zentren Stille und Geborgenheit geben, die
dann ganz besonders gebraucht werden, wenn uns spirituelle Ereignisse zutiefst
verunsichern. Andererseits verzichten die meisten Naikan-Zentren und Gruppen darauf,
selbst religiöse Strukturen zu entwickeln und bieten einfach nur den methodischen Halt
der Methode für die eigene Entwicklung. Wichtig ist aber dabei aus meiner Sicht, dass die
Naikan-LeiterInnen selbst sich mit der spirituellen Dimension auseinandersetzen und Naikan
nicht zu einer rein therapeutischen Methode verkommt. Denn dann würde es seinen
ursprünglichen Auftrag verraten, nämlich tiefste spirituelle Erfahrung in einem Rahmen,
der für jeden Menschen nutzbar ist, zu ermöglichen. Die heilende Kraft von Naikan speist
sich aus meinem Verständnis auch nur aus dem spirituellen Bereich und nicht aus einem
biologisch oder neurologisch fundierten wissenschaftlichen System. Gerade deshalb hat
Naikan seine ganz besondere Kraft entwickelt. Und diese Wurzel darf Naikan nie verlieren.
Zum Schluß möchte ich Ihnen ein Halb-Gedicht (für ein wirkliches Gedicht fehlen
einfach die Reim-Strukturen) vorlesen, dass mir in der Vorbereitung zu diesem Vortrag
eingefallen ist. Es handelt vom Wesen von Naikan und ich hoffe, es transportiert dieses
Wesen auf poetische Art:
Das Wesen von Naikan hat keine besondere Gestalt.
Es hat aber drei Tore. Das sind die drei Fragen.
Wenn Du eintrittst, dann bist Du auf der Strasse des Lebens selbst.
Es ist eine breite Strasse, mit viel freiem Raum.
Alles, was lebt, findet auf ihr Platz.
Weil das Wesen von Naikan eins ist mit dem Urwesen des Lebens, kann
Naikan alles bewirken.
Wenn Du Heilung brauchst, findest du sie in Naikan.
Wenn Du Trost brauchst, findest Du ihn in Naikan.
Wenn Du Rat brauchst, findest Du ihn in Naikan.
Wenn Du Sinn brauchst, findest Du ihn in Naikan.
Wenn Du Ruhe brauchst, findest Du sie in Naikan.
Wenn Du Einsicht brauchst, findest Du sie in Naikan.
Wenn Du Vollendung brauchst, findest Du sie in Naikan.
Wenn Du Gründe dafür brauchst, zu leben, findest Du sie in Naikan.
Wenn Du in Frieden sterben willst, kannst Du das durch Naikan.
Doch Vorsicht nicht Naikan macht es, dass Du alles findest.
Naikan ist nur das Tor.
Es ist alles längst in Dir.
Weil das Wesen von Naikan ident ist mit Deinem Urwesen,
ist Naikan-Machen wie heim kommen.
Alles, was Du hinzufügen willst, ist zu viel.
Was willst Du dem Urwesen hinzufügen? Es ist komplett.
Alles was Du weglassen willst, fügt sich von selbst wieder hinzu.
Wie willst Du das Letzte, das Vollkommene noch reduzieren?
Also wird alles, was Du mit Naikan tust, in sich perfekt sein.
Es braucht nichts von außen.
Es braucht nichts von innen.
Weil es Innen und Außen ist.
Also alles, was es braucht, ist, Naikan zu machen.
Fangen wir an. Jeden Moment neu.
Das Tor steht immer offen.
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