Was ist Selbst?
Eine Empfehlung für
Naikan
Aus dem Japanischen
übertragen von Akira Ishii und Franz Ritter
Wenn wir etwas sehen, dann nehmen wir es
normalerweise durch unsere eigenen Interessen gefiltert wahr. Weil die Wahrnehmung durch
unsere Interessen verändert wird, erkennen wir manchmal die Realität nicht so an, so wie
sie ist, sondern versuchen sie unseren Erwartungen anzupassen. Wenn ich meine Studenten
bitte, ihre Augen zu schließen und sie frage, was die Farbe der Wandtafel ist, dann sagen
viele Studenten, daß sie schwarz sei. Tatsächlich ist die Farbe grün. In einer Klasse
ist die Tafel sogar blau. Trotzdem können nur zwei von hundert Studenten die richtige
Farbe nennen. Wir erwarten meist, daß eine Wandtafel (in japanisch Blackboard) schwarz
ist und versehen sie darum mit einem Vorurteil, nämlich dem, daß alle Wandtafeln schwarz
sind. So wird die Realität durch unsere Erwartungen verändert.
Wenn Jugendliche eine Verfehlung begehen,
versehen wir diese jungen Menschen sofort mit einem Vorurteil. Dann werden diese
Jugendlich oft so, wie es dem Etikett, mit dem wir sie versehen haben, entspricht.
Manchmal sagen wir, obwohl sie meine eigene Mutter ist, sorgt sie nicht gut für die
Familie". Oder obwohl er mein Lehrer oder mein Chef ist, verhält er sich nicht
wie ein Lehrer oder ein Chef". Dann sehen wir nicht die Person, sondern nur die
Rolle, die dieser Mensch spielen sollte.
Es ist auch nicht immer eine Tatsache,
daß der blaue" Himmel blau ist. Der Himmel ist nur an manchen Tagen blau. In
der Nacht ist er überhaupt schwarz. Zum Sonnenaufgang oder Untergang spielt er in vielen
Farben. Oft ist er auch grau gefärbt von Regenwolken.
Wenn eine Frau schwanger ist oder die
eigene Partnerin ein Kind erwartet, dann stechen einem viele schwangere Frauen in die
Augen. Wenn die eigenen Kinder drei Jahre alt sind, dann sehen wir viele Dreijährige in
Parks oder auf der Straße.
Vor kurzem haben wir in unserem Haus die
Tapeten erneuert. In dieser Zeit sah ich in Kaffeehäusern nur die Farbe der
Wandverkleidungen. Nachdem wir entschieden haben, welche Tapeten wir kaufen werden, habe
ich anderswo nicht mehr auf die Wände geachtet. Wenn man den Führerschein machen
möchte, dann fallen einem plötzlich alle Fahrschulautos auf. Hat man den Führerschein
geschafft, dann sieht man plötzlich kaum mehr eines. So sehen wir nur die Einzelheiten,
die zu uns passen und auch die nur von der Seite, die unserem Interesse entspricht.
Wenn wir einmal beschließen, daß wir
eine Person nicht mögen, dann können wir nicht mehr die Wahrnehmung zulassen, daß
dieser Mensch auch etwas für uns getan hat. Wenn man sich nur daran erinnert, daß einen
der Vater einmal geschlagen hat, dann vergißt man alle netten Worte und Gesten, die auch
vom Vater kamen.
Einmal schrieb ein Student, warum er
nicht Naikan machen konnte: Ich rede nur einmal oder zweimal pro Jahr mit meinem
Vater. Wenn ich mit ihm rede, dann geht es nur um Geld, das er mir geben soll. Deswegen
gibt es nichts, was ich für ihn gemacht habe und was er für mich gemacht hat."
Dieser Student sieht die Sache wirklich nur von seiner Seite. Wenn wir unser Verhalten nur
von dieser Seite sehen, dann sind wir die einzigen Menschen auf der Erde, die das so
wahrnehmen. Alle anderen sehen uns von einer ganz anderen Seite, nämlich der, die sich
nach außen zeigt. Und ich bin der Einzige, der sich nicht von dieser Außenseite
wahrnehmen kann. Um aber wirklich zu wissen, wer ich bin, ist es notwendig, mich von der
Außenseite her anzusehen. Wenn wir kritisieren, daß unsere Reisetasche schon alt und
schäbig ist, dann vergessen wir, uns die Sache von der Seite der Tasche her anzusehen.
Die Gestalttherapie zum Beispiel lädt uns ähnlich wie Naikan ein, die Sache mit den
Augen der Tasche zu betrachten. Sie würde in diesem Fall sagen: Ich habe Dich viele
Jahre begleitet. Ohne mich hättest Du alle Sachen unterwegs verloren. Du hast mich
schmutzig gemacht und mich nie gereinigt. Und jetzt sagst Du, ich bin schmutzig."
So ähnlich könnten sich auch unsere
Eltern über uns äußern. Kinder beklagen sich manchmal darüber, daß ihre Mutter nicht
mehr so jung und hübsch ist. Aber sie vergessen, daß die Mutter jung und hübsch war,
bevor sie geboren wurden. Die Geburt hat die Figur der Mutter verändert und die Sorgen
ihr Gesicht. Während sich die Mutter um die kleinen Kinder kümmert, hat sie kaum mehr
Zeit, sich mit ihrer Schönheitspflege zu beschäftigen. Und wenn sie Geld hat, kauft sie
eher hübsche Kinderkleidung als sich selbst ein neues Stück.
Wir können die Sache natürlich auch wie
im Psychodrama mit Hilfe eines Rollenspiels ansehen. Der Klient läßt dabei einen anderen
die eigene Rolle spielen und übernimmt selbst die Rolle dessen, den er kritisiert. Dann
würde der Junge, der sich über den Vater beklagt, selber den Satz sagen: Du muß
fleißig lernen, damit Du etwas im Leben erreichst."
Vielleicht fängt das Rollenspiel so an:
Es ist zehn Uhr abends und der Junge kommt nach Hause zurück. Der Vater liest gerade die
Zeitung. Dann würde er als Vater sagen: Warum kommst Du so spät zurück? Hast Du
schon Deine Hausaufgaben gemacht?" Dadurch, daß er selbst diesen Satz sagt, versteht
er plötzlich den Standpunkt des Vaters. Und er versteht, wie er selber von seinem Vaters
gesehen wird.
In einer guppendynamischen Sitzung
würden andere das Verhalten des Teilnehmers beurteilen und vielleicht sagen: Du
bist zu stolz" oder Du wirkst depressiv auf mich." Es ist hart, wenn wir
von außen ungefiltertes Feedback bekommen. Manchmal wird das Selbstbild zerstört und es
dauert dann lange, bis wir uns von diesem Schlag erholen und ein neues Selbstbild
aufbauen. Durch diese Methoden lernen wir, uns von unterschiedlichen Standpunkten her zu
sehen.
Ich bin an der juristischen Fakultät
tätig. Studenten lernen an dieser Fakultät von Anfang an, einen Fall mit juristischer
Denkweise (legal mind) zu betrachten. Das heißt, daß man die Angelegenheit auch vom
Standpunkt anderer Beteiligter sehen lernt. In einem Streitfall versteht man dann auch die
Behauptung der Gegenseite von deren Standpunkt aus. Mit diesem Verständnis lernt man,
eine Causa zu klären und zu interpretieren. Wenn man das schafft, dann hat man legal mind
verwirklicht.
Durch diese Sichtweisen erkennen wir uns
selbst und unsere Vergangenheit von einer ganz anderen Seite. Insofern ist Naikan ein Teil
der vielen Methoden, die uns dies lehren wollen. Was Naikan von all diesen Methoden
unterscheidet, ist die Arbeit mit den drei Fragen:
1. Was hat die Person, die ich gerade
betrachte, für mich getan?
2. Was habe ich für diese Person getan?
3. Welche Schwierigkeiten habe ich dieser
Person verursacht?
Mit diesen drei Fragen prüfen wir uns
von der Kindheit bis zur Gegenwart. Das sind eigentlich Fragen, die wir uns normalerweise
nicht stellen.
Die erste Naikan-Frage
Wir denken nicht daran, was zum Beispiel
unsere Mutter für uns getan hat, weil wir das als selbstverständlich ansehen. Dagegen
erinnern wir uns sehr leicht daran, was unsere Mutter nicht für uns gemacht hat. Wenn uns
ein Onkel ein kleines Geldgeschenk macht, dann freuen wir uns sehr darüber. Andererseits
ist das Taschengeld der Eltern eine Selbstverständlichkeit, die wir aber nur dann
wirklich wahrnehmen und kritisieren, wenn es niedriger ist als das Taschengeld unseres
besten Freundes. Dieser Umstand kann zu Unzufriedenheit und sogar zu Haßgefühlen
gegenüber den Eltern führen. Oft kaufen Mütter ein Kleidungsstück in einer größeren
Größe, damit es einige Zeit getragen werden kann. Das Kind empfindet aber nur die
Unförmigkeit beim ersten Anziehen und ist enttäuscht. Daß diese Kleidung später gut
paßt, wird nicht registriert. Man sieht auch nicht, daß die Mutter einige Stunden ihrer
knappen Zeit dafür geopfert hat, dieses Kleidungsstück auszusuchen.
Wir erkennen oft nicht, wenn ein Mensch
etwas für uns macht. Spielende Kinder in einem Sandkasten bemerken nicht, daß die Mutter
die ganze Zeit nebenan auf der Bank sitzt und sie beobachtet. Ein Kind denkt in dieser
Situation niemals daran, daß die Mutter etwas für es tut. Aber die Mutter sitzt auf der
Bank, damit sie sofort eingreifen kann, wenn etwas passiert. Weil meist nichts passiert,
sieht es so aus, als ob die Mutter nur einfach dagesessen hat. Den Zusammenhang zwischen
sitzen und achtgeben registriert man als Kind nicht, sondern nur, wenn man sich später an
diese Situation erinnert.
Oft denken wir auch nicht daran, was wir
bekommen haben, weil es uns nicht angenehm war. Ein Seminarist von mir erinnerte sich
daran, daß sein Vater vor seinem Eintrittsexamen zur Universität zum Schrein beten
gegangen ist. Damals hat er seinen Vater verachtet, weil er persönlich das Beten für
nutzlos hielt. In seinem Naikan hat er aber bemerkt, daß dies die einzige Möglichkeit
für seinen Vater war, etwas für ihn zu tun.
Zu sehen, was die Mutter oder der Vater
für uns gemacht hat, bedeutet, daß wir die Mutter oder den Vater als einen
eigenständigen Menschen begreifen. Durch die erste Frage im Naikan separieren wir uns
innerlich von dieser Frau oder diesem Mann. Dadurch fallen sie aus unserer Rollenerwartung
an eine Mutter oder einen Vater und wir können erkennen, was sie als Menschen für uns
getan haben.
Ein Teilnehmer hat in einem Bericht über
seine Naikan-Erfahrung beschrieben, daß er als Kind dachte, daß seine Mutter einer Rasse
angehörte, die Mutter-Rasse" hieß. Er konnte sich nicht vorstellen, daß sie
auch eine andere Rolle einnehmen könnte.
Wenn wir älter werden, bedeutet das
nicht unbedingt, daß wir von unseren Erwartungen als Kinder Abschied genommen haben. Auch
wenn wir heute älter sind als unsere Mutter damals in unserer Kindheit, empfinden wir
noch immer, daß sie ausschließlich Mutter" zu sein hat. Daraus entstehen oft
nachträglich noch Haßgefühle gegenüber dem Verhalten der Mutter in der Kindheit. Darum
ist es notwendig, im Naikan die Situation noch einmal zu prüfen, um sie als die junge
Frau mit vielen unterschiedlichen Aufgaben und Rollen zu begreifen, die sie damals war.
Dadurch, daß wir verstehen, was unsere
Eltern für uns konkret getan haben, beginnen wir innerlich unabhängig von ihnen zu
werden. Bevor wir das nicht tief verstehen, haben wir immer noch das Gefühl, zu wenig von
ihnen bekommen zu haben. Ein japanischer Naikan-Leiter nennt solche Menschen
Nach-Liebe-Jagende". Wenn uns dieses Denken noch beherrscht, sind wir immer
noch in einer Eltern-Kind-Beziehung fixiert. Das ist unabhängig davon, wie alt wir sind
oder ob die Eltern noch leben wir bleiben ein Kind in dieser Beziehung. Auch wenn
wir Naikan machen, können wir uns nur an ein Millionstel von dem erinnern, was wir
bekommen haben. Trotzdem ist es enorm wichtig, danach intensiv zu suchen.
Einige Leute sagen, daß es doch
selbstverständlich ist, was die Eltern für ein Kind machen. Aber es ist nicht
selbstverständlich. Denn es gibt durchaus Mütter, die ihre Kinder weggeben. Andererseits
behält eine Mutter ihr Kind 10 Monate im Bauch, schützt und nährt es und bringt es
unter Lebensgefahr zur Welt. Ob man wenn man das ansieht - immer noch sagen kann,
daß die Leistungen einer Mutter selbstverständlich sind? Die Naikan-Fragen haben in
keinem Fall etwas damit zu tun, ob eine Handlung selbstverständlich ist oder nicht. Auch
wenn es selbstverständlich ist, lautet die Frage, was meine Mutter für mich getan hat.
Ob es selbstverständlich ist oder nicht, hat nur mit unserer eigenen Betrachtung der
Angelegenheit zu tun. Was wir im Naikan gefragt werden, ist ausschließlich der eine
Punkt, was wir von den Eltern oder anderen Menschen gemacht bekommen haben.
Wenn ein Mensch von einem Wolf aufgezogen
wird, dann wird er wie ein Wolf sein. Wenn niemand ein Baby anredet, wird es nicht reden
lernen. Wenn niemand in seiner Umgebung aufrecht geht, wird es nie aufrecht gehen lernen.
Daß wir gehen und sprechen können, heißt, daß es jemand gab, der es uns beigebracht
hat.
Die zweite Naikan-Frage
Die nächste Frage ist, was wir für den
anderen Menschen konkret gemacht haben. Das ist für die meisten Menschen eine sehr harte
Frage. Als ich das erste Mal bei Yoshimoto-Sensei in Nara Naikan gemacht habe, konnte ich
bis zum dritten Tage nichts finden, was ich für meine Mutter getan habe, obwohl ich mich
intensiv prüfte. Dann habe ich etwas wichtiges bemerkt: Ich hatte vorher nie die Idee,
etwas für meine Mutter zu tun. Als ich Student war, konnte ich mit ihrer finanziellen
Unterstützung eine Gruppenreise nach Europa mitmachen. Meine Mutter hat mir ein Dutzend
kleiner japanischer Puppen mitgegeben, damit ich denjenigen, die mir halfen, ein kleines
Geschenk überreichen konnte. Ich habe den Menschen, die mir den Weg erklärten und auch
anderen jeweils eine Puppe geschenkt. Die letzte Puppe brachte ich wieder nach Japan
zurück. Das war mein Souvenir aus Europa für meine Mutter. Meine Mutter stellte diese
Puppe in den Glaskasten, in dem sie ihre Erinnerungsstücke aufbewahrte. Das war bei mir
immer so ähnlich.
In solchen Fällen ist es sehr hart, sich
zu prüfen, was man für den anderen getan hat. Diese Frage erzählt selbst etwas. Auch
wenn wir beim Abwaschen geholfen haben, so können wir durch diese Frage vielleicht
entdecken, daß wir ausschließlich unser eigenes Geschirr gereinigt haben. Auch wenn wir
sagen, daß wir Betten gemacht haben, dann zeigt sich möglicherweise, daß wir gerade nur
unser eigenes Bett geordnet haben. Oder vielleicht habe ich in Erinnerung, daß ich in der
Schule fleißig gelernt habe. Anfänglich beantworten wir die Frage, als ob wir für die
Mutter oder den Vater gelernt hätten. Aber nur wir selbst haben etwas davon, wenn wir
fleißig lernen. Unsere Eltern freuen sich natürlich über unseren Erfolg. Das machen sie
aber eigentlich für uns, weil wir es dann leichter haben werden im Leben. Oder jemand
schenkt seiner Mutter Blumen zum Muttertag, doch entdeckt er, daß dies einfach ist, weil
man nur zum Blumengeschäft gehen muß und dort einkauft. Vor meinem ersten Schultag hat
meine Mutter auf all meine Schulsachen, auch auf jeden einzelnen Bleistift, meinen Namen
geschrieben. Das ist viel anstrengender als nur einen Blumenstrauß zu kaufen. Vielleicht
erinnern wir uns auch, daß wir am Muttertag etwas für die Mutter gekocht haben. Wir
werden aber herausfinden, daß wir nur einmal im Jahr gekocht haben, die Mutter aber an
allen anderen 364 Tagen.
Die dritte Naikan-Frage
Die dritte Naikan-Frage ist, welche
Schwierigkeiten wir anderen Menschen verursacht haben. Oft erinnern wir uns aber nur
daran, welche Schwierigkeiten andere uns gemacht haben. Wir wünschen uns heftig, daß die
Eltern unsere Erwartungen erfüllen und wenn sie das nicht tun, hassen wir sie. Ich habe
auch bemerkt, daß ich oft, wenn ich meine Mutter anrief, sagte, daß ich Geld brauche.
Wenn meine Mutter mich anrief, dann fragte sie auch jedesmal, ob ich noch genug Geld habe.
Trotzdem fühlte ich mich durch ihr Telefonat belästigt, weil ich eigentlich nicht
wollte, daß sie mich anruft.
Einige Leute behaupten, daß sie
weil sie getrennt von ihren Eltern wohnten nichts von ihnen bekommen haben. Wenn
sie feststellen, daß sie getrennt von ihren Eltern leben und nichts finden, was sie sich
gegenseitig gegeben haben, so könnte das aber auch bedeuten, daß diese Trennung
schwierig für die Eltern war. Wir stellen manchmal fest, unzufrieden zu sein, ohne zu
beachten, daß wir die unbefriedigende Situation selbst mit verursacht haben. Man ist
vielleicht unglücklich, weil der Vater auswärts arbeiten muß und nicht daheim ist. Die
Eltern überlegen in so einer Situation, ob es gut für das Kind ist, wenn es jetzt die
Schule wechselt. Damit die Schule nicht zu geändert zu werden braucht, beschließen die
Eltern, daß die Mutter allein beim Kind bleibt. Das bedeutet aber für den Vater,
woanders zu arbeiten und während der Woche nicht daheim sein zu können.
Andere sagen wiederum, daß ihre Mutter
nicht jung und hübsch ist. Wenn eine Frau ein Kind bekommen hat und es aufzieht, hat sie
wenig Zeit, ihre Attraktivität als Frau zu pflegen. Die Kinder beschweren sich dann
vielleicht, daß ihre Mutter mit unordentlichen Haaren herumläuft, wenn sie frühmorgens
die Schulbrote vorbereitet.
Oder einige sagen, daß sich die Mutter
in der Welt gar nicht mehr auskennt, weil sie kaum mehr auf die Straße geht. Warum geht
sie nicht mehr auf die Straße? Weil sie ein Kind hat und sich um dieses Kind kümmert. Es
ist notwendig für die eigene Entwicklung, solche Zusammenhänge zu bemerken.
Besonders viele Schwierigkeiten
verursachen wir, wenn wir unter etwas leiden. Wenn wir uns auf unser Examen vorbereiten,
dann erwarten wir oft, daß die Mutter noch mitten in der Nacht etwas zu essen bringt. Wir
denken, daß es selbstverständlich ist, versorgt zu werden, wenn wir uns so fleißig
bemühen. Wenn wir später in Ruhe an diese Zeit zurückdenken, dann können wir
vielleicht bemerken, daß sie auch eine schwierige Periode für die eigene Mutter war.
Auch wenn man etwas mit voller Kraft tut, verursacht man Schwierigkeiten in seiner
Umgebung. Wenn ich zum Beispiel einen Kongreß organisiere, dann nehmen meine Seminaristen
verschiedene Aufgaben wahr. Auch meine Familie unterstützt mein Vorhaben. Besonders meine
Frau ist da eine große Hilfe. Wenn ich aber nicht genau hinsehe, entsteht die Gefahr,
daß ich denke, daß ich keine Schwierigkeit mache, weil ich etwas Gutes tue. Aber ich
mache Schwierigkeiten und muß mir das immer bewußt sein.
Es gibt Leute, die vor Naikan und sogar
noch während der Übung behaupten, daß sie keine Schwierigkeiten verursacht haben. Es
hat keinen Sinn, stolz zu behaupten, daß man keine Probleme verursacht hat. Vernünftiger
ist es, statt dessen sich noch intensiver zu prüfen. Denn die Behauptung, daß man
sowieso richtig gehandelt hat, ist bloße Rechtfertigung. Die Fähigkeit, sich selbst
gründlich zu prüfen, ist viel wichtiger als die Überzeugung, daß das Leben, das man
bisher gelebt hat, ein vorbildliches war.
Es gibt Leute, die von sich behaupten,
daß sie nicht Naikan machen wollen, weil eigentlich andere Menschen ihnen sehr viel
Probleme gemacht haben. Auch wenn der Anteil an Schwierigkeiten in einer Beziehung 90 zu
10 ist, dann ist es wichtig, die eigenen 10% zu prüfen. Denn was die anderen an
Schwierigkeiten verursacht haben, ist die Angelegenheit der anderen. Wir brauchen aus
Naikan-Sicht nicht die Aufgabe der anderen für die anderen zu lösen. Das heißt, wir
müssen nicht für andere Naikan machen, sondern nur für uns selbst.
Genauer betrachtet, ist es auch eine
Schwierigkeit, wenn man nicht macht, was man machen hätte können. In einem
Naikan-Bericht findet sich die Stelle: Ich habe meiner Mutter nie gesagt, daß mir
ihr Jausenbrot sehr gut geschmeckt hat. Bei meinem Vater habe ich mich nie dafür bedankt,
daß er für die Familie hart gearbeitet hat. Das war die Schwierigkeit, die ich
verursacht habe."
Wann macht man Naikan?
Es gibt Menschen, die sagen, daß sie
sowieso viel Selbstreflexion üben und daher kein Naikan machen müssen. Normalerweise
fühlen wir uns aber nur dann bemüßigt, über eine Situation zu reflektieren, wenn wir
mit unserem Verhalten keinen Erfolg hatten. Naikan hat nichts damit zu tun, ob der Erfolg
gut oder schlecht war. Naikan hat auch nichts damit zu tun, ob ich ein guter oder ein
schlechter Mensch war. Naikan fragt nur, was für ein Mensch ich war.
Es gibt auch andere, die fragen, was man
in einer Woche schon viel erfahren kann. Wenn man von morgens bis abends nur Naikan macht,
dann arbeitet man in dieser Woche fast 100 Stunden an sich selbst. Man kann es natürlich
nicht so einfach vergleichen, aber wenn man zum Beispiel einmal pro Woche zu einem
Therapeut gehen würde, dann wäre das eine Behandlungszeit von fast zwei Jahren. Deswegen
kann man nicht sagen, daß eine Woche zu kurz ist.
Andere wieder behaupten, daß eine Woche
zu lange ist. Aber wenn wir uns über unser Leben ernsthaft als Ganzes prüfen möchten,
kann man wirklich nicht sagen, daß eine Woche zu lange ist. Die Naikan-Übung ist eine
Woche Auseinandersetzung mit sich selbst. Das Naikan geht natürlich im Alltag dann noch
weiter, aber das konzentrierte Naikan ist nach einer Woche zu Ende. So betrachtet ist es
eigentlich sehr kurz.
Viele Menschen fürchten sich auch, sich
selbst zu erkennen. Aber eigentlich ist es noch fürchterlicher, den Rest des Lebens
unterwegs zu sein, ohne zu wissen, wer man wirklich ist. Es ist auch wichtig, hinzusehen,
warum man sich vor der Selbsterkenntnis fürchtet. Was würde das denn bedeuten, wenn man
sich auf etwas verläßt und das ganze Leben mit sich trägt, das man in nur einer Woche
Naikan zerstören könnte? Das wäre, wie wenn wir einen Palast auf Sand erbauen würden.
Die Frage ist einfach, ob man mit dieser Illusion weiter leben möchte.
Es ist auch nie zu spät, sich selbst zu
erkennen. Nach Naikan sieht man, wie man war und löst damit das bisherige Selbstbild auf.
Wenn dieses Selbstbild aufgelöst ist, finden wir dahinter bereits ein neues. Deswegen ist
es nicht so schrecklich, Naikan zu machen. Wie wir gesehen haben, wird in der
Gruppendynamik das Selbstbild von anderen zerstört. Es dauert dann manchmal bis zu einem
halben Jahr, bis man sich selbst wieder in die Augen sehen kann. Es hat in manchen
Lebenssituationen durchaus einen Sinn, sich diesen Erfahrungen auszusetzen, aber Naikan
ist lange nicht so aggressiv in seiner Wirkung. Es ist eher mit der Entwicklung eines
Schmetterlings vergleichbar, der von innen her seine Raupengestalt aufgibt und nicht von
außen dazu genötigt wird.
Wieder andere Leute haben Angst, sich zu
ändern und gehen deshalb nicht ins Naikan. Sich vor Veränderung zu fürchten, bedeutet,
kein Selbstvertrauen zu besitzen. Dadurch, daß man im Naikan erkennen kann, wie viele
Menschen bisher einen unterstützt und akzeptiert haben, wächst das innere
Selbstvertrauen. Wenn man einmal Selbstvertrauen entwickelt hat, dann ist man auch bereit,
seine Schwächen anzunehmen und sich in diesen Bereichen weiter zu entwickeln.
Es gibt auch Leute, die sagen, daß ihr
aktuelles Leiden so groß ist, daß Naikan für sie nicht so wichtig ist. Aber man leidet
hauptsächlich deswegen, weil sich die Sichtweise sehr verengt hat. In Japan zum Beispiel
gibt es Menschen, die sich selbst töten, weil sie das Eintrittsexamen in die Senior High
School nicht geschafft haben. Für solche Menschen existiert nur die Wahlmöglichkeit,
entweder die Prüfung zu bestehen oder zu sterben. Dieses Sichtweise ist sehr eng. Wenn
man die Prüfung nicht bestanden hat, ist es sehr sinnvoll sich selbst zu prüfen. Was hat
die eigene Mutter für einen in der Zeit, bevor man in die Volksschule eingetreten ist,
gemacht? Wenn man sich so intensiv geprüft hat, dann kann man das aktuelle Problem,
nämlich die Prüfung, die man nicht schaffte, einfach als aktuelles Problem sehen, daß
man lösen muß. Aber man wird nicht mehr unter dieser Situation leiden.
Es gibt auch Leute, die sich nicht mehr
an ihre Vergangenheit zurückerinnern möchten. In der Meditation zum Beispiel versuchen
Menschen sich ganz auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren. Beim Essen nimmt man die
Schwere und die Kühle des Bestecks wahr, man merkt, wie hart das Fleisch beim Schneiden
ist, man spürt auch die Konsistenz des Fleisches im Mund und empfindet seinen Geschmack.
Viele Menschen, die in ein Meditations-Zentrum kommen, um dort die Gegenwart zu erleben,
haben etwas, das sie vergessen möchten - auch wenn sie das manchmal selbst nicht
bemerken. Sie bemühen sich, auf das Hier und Jetzt konzentriert zu sein, um sich nicht
mit dieser Angelegenheit zu konfrontieren. Die Ursache dafür ist oft, daß man sein
Problem nur von einer einseitigen Sichtweise aus ansieht und nicht gelernt hat, es von
verschiedenen Seiten her zu betrachten. Dann kann man das vergangene Geschehen nicht
akzeptieren. Um es zu akzeptieren, braucht man Naikan. Wenn man Naikan macht, dann
konfrontiert man sich direkt mit dem Geschehen. Insofern ist es eine harte Arbeit. Wenn
man aber mutig das Geschehen als Realität akzeptiert hat, dann wird man davon frei.
Naikan machen heißt, sich von den Verflechtungen der Vergangenheit zu befreien und das
gegenwärtige Selbst völlig zu akzeptieren. Wenn man das geschafft hat, dann hat man sich
von den selbstgeschaffenen Verflechtungen befreit und kann wirklich im Hier und Jetzt
leben. Wenn man sich nur bemüht im Hier und Jetzt zu sein, ohne sich von der
Vergangenheit befreit zu haben, dann ist man auf eine sehr eingeschränkte Art in der
Gegenwart. Wenn man dagegen von der eigenen Vergangenheit befreit ist, dann kann man die
Gegenwart voll genießen, das gute Essen oder die Musik. Wenn man nicht befreit ist, dann
bemüht man sich nur, das Hier und Jetzt wahrzunehmen, ohne wirklich zu erfahren, was das
ist.
Eine andere Gefahr dieser Haltung ist
übrigens, daß man alles ohne Überlegung macht. Man macht alles nur aus dem "Hier
und Jetzt" und verstrickt sich dadurch immer tiefer in die Verflechtungen der
Vergangenheit.
Es gibt auch viele Leute die sagen, daß
dieser oder jeder Mensch Naikan machen sollte. Daß man selbst vielleicht Naikan brauchen
würde, auf diese Idee kommt man dabei nicht. Aber wir können andere Menschen nicht
beurteilen. Das müssen diese Menschen für sich selbst tun. Wir können nur uns selbst
prüfen. Hinter dieser Haltung, bei anderen die Notwendigkeit" für Naikan
festzustellen, versteckt sich oft der Vorwurf, daß dieser Mensch daran schuld ist, daß
ich Schwierigkeiten mit ihm habe. Im Naikan entdecken wir aber unseren Anteil an einer
Situation. Wenn wir unser Leben nicht als unsere Verantwortung betrachten, sondern alles
auf andere schieben, leben wir nicht unser eigenes Leben.
Selbstverantwortung und neues Leben
Wenn man seine Eltern haßt, dann zieht
einen dieser Haß selbst zu Boden. Auch wenn man sagt, daß man recht hat, löst das
dieses Problem nicht. Eine Maus, die man in einer Laborssituation trainiert, indem man ihr
Käse auf einem bestimmten Platz gibt, wird sehr schnell lernen, wo der Käse liegt. Wird
nach einiger Zeit der Platz, auf dem der Käse liegt, verändert, dann wird die Maus am
Anfang kurz verwirrt sein. Aber sie wird auch recht bald lernen, die neue Stelle zu
finden. Der Mensch jedoch hat die Neigung, in einer ähnlichen Situation den Käse gar
nicht mehr zu suchen. Er entwickelt vielmehr den Anspruch, daß der Käse auf dem alten
Platz zu liegen hat und wird sich möglicherweise nicht mehr auf die Suche nach dem neuen
Ort machen. Wenn man darunter leidet, daß man seinen Vater haßt, dann ist es oft
wichtiger, daß der Vater dafür Gründe geliefert und man daher mit seiner Sicht recht
hat, ihn zu hassen, als daß man sich von diesem Leiden befreit. Dann lebt dieser Mensch
nur, um seine Gedanken zu bestätigen.
Derjenige, der zum Beispiel behauptet,
daß seine Mutter an seinem Unglück schuld ist, kann nicht glücklich werden. Denn würde
er glücklich, wäre das der Beweis, daß er mit seinen Gedanken nicht recht hatte. Für
ihn ist es wichtiger, daß er recht hat. Deswegen kann dieser Mensch nie glücklich
werden.
Manchmal kommt das ablehnende Gefühl
gegenüber den Eltern aus Erinnerungen, die man nur einseitig durch seine eigene Brille
betrachtet. Ein Naikan-Teilnehmer hat sich einmal erinnert, daß seine Mutter oft
Knödelsuppe kochte, obwohl er lieber Gemüsesuppe wollte. Er bekam auch immer die
abgelegenen Kleidungsstücke seiner Geschwister. Nur an seinem ersten Schultag erhielt er
ein neues Gewand. Dieses mochte er jedoch auch nicht, weil er damit nicht spielen durfte.
Das heißt, er mochte keine Knödelsuppe, und er mochte das alte Gewand seiner Geschwister
nicht, aber die neue Kleidung an seinem ersten Schultag mochte er auch nicht. Erst im
Naikan registrierte er, daß ihm seine Mutter gar keine Gemüsesuppe kochen konnte, weil
er diesen Wunsch niemals äußerte. Er hat auch bemerkt, daß es seinen Eltern finanziell
nicht möglich war, für 5 Geschwister ständig neue Kleider zu kaufen. Und er konnte auch
das erste Mal verstehen, daß es ein tiefer Wunsch seine Mutter war, ihn am ersten
Schultag mit neuer Kleidung in die Schule zu schicken. Dadurch hatte er verstanden, daß
seine Unzufriedenheit nur sein eigenes Problem ist.
Ein Naikan-Teilnehmer in der
Drogentherapie berichtete, daß er mit 3 oder 4 Jahren in die Isolationsabteilung eines
Krankenhauses eingeliefert wurde. Durch diese Einlieferung, so sagte er, habe er den
Kontakt zu seiner Mutter verloren. Im Naikan wurde ihm das erste Mal bewußt, daß er
seine Mutter eigentlich haßt. Dadurch bekam er Schuldgefühle und wollte das Naikan
abbrechen. Aber Schuldgefühle sind nur ein Gefühl und so habe ich ihn gefragt, ob er
seine Mutter haßt. Das bestätigte er. Dadurch verschwand plötzlich sein Schuldgefühl,
weil er erkannte, daß er seine Mutter wirklich haßte, dies aber bisher nicht akzeptieren
konnte. Er haßte seine Mutter, weil sie ihn in dieses Krankenhaus gebracht hatte.
Als nächstes habe ich ihn gefragt, was
passiert wäre, wenn ihn seine Mutter nicht ins Krankenhaus gebracht hätte. Er sagte, er
wäre gestorben. Ich stellte daraufhin fest, daß er eigentlich einen Menschen haßt, der
ihn auf die Welt gebracht und in dieser Situation das Leben gerettet hat. Diese
Feststellung hat ihn sehr schockiert und er begann zu weinen. Danach konnte er sich
erinnern, daß ihn seine Mutter jeden Tag im Krankenhaus besuchte und jedesmal vor der
Isolationsscheibe stehend weinte. Durch die Erinnerung an diese Situation konnte er
verstehen, daß sein Kranksein auch für seine Mutter sehr schwierig war. Diese Erkenntnis
brachte einen tiefen Durchbruch in seinem Verständnis. Wenn man alle vergangenen
Ereignissen auf eine solche Art akzeptiert, dann kann man sich selbst ganz akzeptieren.
Dieser Teilnehmer hatte verstanden, daß alle seine bisherigen Drogenexzesse und die
anderen Probleme, die er verursachte, eine Art Racheakt an seiner Mutter war. Nachdem er
diese Zusammenhänge erkannt hatte, hatte er keinen Grund mehr, Rache zu nehmen und konnte
ein völlig neues Leben beginnen.
Wenn man jemanden haßt, dann ist das
Problem in einem selbst und es ist wichtig, daß man das löst. Im Drogentherapie-Zentrum
gab es eine Teilnehmerin, die von ihrem Bruder sexuell mißbraucht wurde. Ihr Leben wurde
von der Frage, ob sie ihrem Bruder verzeihen konnte oder nicht, tief beeinflußt. Aber das
war nicht die Schwierigkeit ihres Bruders, sondern ihr eigenes wichtigstes Problem. Auch
diese Teilnehmerin konnte durch Naikan ihrem Bruder verzeihen, weil sie erkannte, daß er
andererseits schon von klein auf sehr viel Gutes für sie getan hat. Dadurch, daß sie
ihrem Bruder verzeihen konnte, konnte sie auch ihr Leben ändern.
Wenn man die Vergangenheit im Naikan von
verschiedenen Seiten her ansieht, sieht man sie als Ganzes. Erst wenn man die
Vergangenheit als Ganzes gesehen hat, kann man sie ganz akzeptieren. Erst wenn man sie
ganz akzeptiert hat, wird die Vergangenheit wirklich Vergangenheit und man kann sich von
ihr verabschieden. Wenn wir nur versuchen die Vergangenheit zu vergessen, dann verdrängen
wir sie ins Unbewußte und können uns nicht von ihr trennen. Dann ist es, als ob wir auf
unseren Schultern eine große Last immer weiter tragen. Weil man die Vergangenheit nicht
mehr ändern kann, ist es vollständig unser eigenes Problem, ob wir sie akzeptieren oder
nicht. Dafür ist Naikan eine außerordentlich große Hilfe. In einer Naikan-Woche in
Deutschland saß einmal ein Mann, der erst am Ende des Seminars wirklich realisieren
konnte, daß seine Mutter eine Alkoholikerin war. Er wußte dies natürlich schon vor
seinem Naikan-Besuch, hat aber diese Tatsache nie anerkannt. Erst durch Naikan konnte er
akzeptieren, daß seine Mutter krank war. Und trotz ihrer Alkohol-Krankheit hatte sie ihn
großgezogen. Es ist wichtig, solche Tatsachen zu erkennen. Wenn man das nicht vollzieht,
dann stoppt die eigene Entwicklung an dieser Stelle.
Tatsachen und Gefühle
Minderwertigkeitsgefühle, Selbsthaß und
Schuldgefühle bekommt man nur, weil man die Tatsachen nicht so wahrnimmt, wie sie waren.
Minderwertigkeitsgefühle stehen in einem inneren Zusammenhang mit dem Gefühl von
Selbstüberschätzung. Selbsthaß ist die größte Eitelkeit. In Naikan lernt man
Tatsachen nur als Tatsachen wahrzunehmen und trennt diese von den eigenen
gefühlsmäßigen Reaktionen. Wenn die Diskrepanz zwischen dem real gelebten Ich und der
Selbstvorstellung groß ist, dann ist auch das Leiden groß. Wenn man die Tatsachen als
Tatsachen annehmen kann, wird man vom Leiden befreit. Dafür ist es notwendig, die
Tatsachen von verschiedenen Seiten her anzusehen. Wenn man eine egozentrische Personen
dafür kritisiert, daß sie sich rücksichtslos verhält, ist das ein Widerspruch in sich.
Wer diese Kritik ausspricht, erkennt nicht, daß das zu 100 % seine eigene Angelegenheit
ist. Das ist, als ob man die graue Farbe dafür kritisiert, daß sie nicht weiß ist. Wenn
man einen körperlich behinderten Menschen trifft, dann versucht man automatisch
Rücksicht auf ihn zu nehmen. Wenn man aber auf eine Personen trifft, die von ihrer
Egozentrik behindert wird, kritisiert man meist ebenso automatisch, ohne zu helfen.
Naikan macht man nicht, um sich zu
ändern, sondern um sich zu erkennen. Es ist aber andererseits auch eine Tatsache, daß
man sich nicht ändern kann, wenn man sich nicht vorher erkennt. Deswegen ist es oft das
Ergebnis einer Naikan Übung, daß man sich geändert hat. Trotzdem ist der wichtigere
Aspekte der, daß man sich selbst erkannt hat.
Wenn ich die Naikanerfahrenen in meine
Umgebung beobachte, dann kann ich sehen, daß das Ausmaß ihrer Entwicklung seit ihrem
ersten Naikan-Besuch enorm zugenommen hat. Nach 3 Jahren ist der Unterschied bei den
meisten schon außerordentlich beeindruckend. Das kommt daher, daß man nach Naikan das,
was man sieht oder hört, viel intensiver wahrnimmt. Auch in diesem Sinne ist Naikan sehr
wichtig.
Über die Empfehlung hinaus
Wenn Sie jetzt schon denken, daß Sie
Naikan machen sollten, dann brauchen Sie nicht mehr weiterlesen. Was nun kommt, geht über
die reine Empfehlung für Naikan hinaus. Ich möchte nun den Faktor Glück darlegen.
Glücksempfinden ist sehr subjektiv. Wenn man den Eindruck hat, in seinem Leben zuwenig
Liebe empfangen zu haben, dann kann dieses Gefühl sich entweder nach innen richten oder
nach außen. Richtet sich dieses Mangelgefühl nach innen, wird man depressiv und bringt
sich im schlimmsten Falle um. Richtet sich dieses Gefühl nach außen, dann wird man
aggressiv, in manchen Fällen sogar kriminell. Das Mangelgefühl ist jedoch eine
subjektive Wahrnehmung.
Ich kenne eine Frau, die ihren Vater sehr
haßt. Als Folge davon bekommt sie jedesmal, wenn ihr ein Mann zu nah kommt, eine
Gänsehaut. Wenn eine Tochter ihre Mutter haßt, dann kann sie selbst keine warmherzige
Mutter sein. Wenn ein Sohn seinen Vater haßt, dann kann er selbst kein menschlicher Vater
sein. Wenn ein Sohn mit seiner Mutter unzufrieden ist, versucht er das, was er an seine
Mutter vermißt, von anderen Frauen zu bekommen. Deswegen kann er die Frauen nicht im
richtigen Sinne des Wortes lieben. Denn der andere wird zu einem Instrument und man selbst
wird von diesem Instrument abhängig.
Wenn diese Einstellungen und Komplexe
unverändert bleiben, so entwickeln diese Haltungen auch eine große Wirkung auf die
nächste Generation. Denn diese Geisteshaltungen haben einen gewaltigen Einfluß auf die
Art der Kindererziehung. Um sich die Größe dieses Einflusses zu veranschaulichen, muß
man sich nur einmal eine normale Familiensituation vor Augen halten. Wenn man 2 Kinder hat
und diese wiederum zwei Kinder in die Welt setzen und so weiter, dann sind das in der 3.
Generation bereits 8 Menschen, in der nächsten 16 usw. und so fort. Dann ist der Einfluß
bereits sehr erheblich. Das konnte ich in Drogentherapie sehe klar beobachten. Eine
Klientin war nicht bei ihrer Mutter aufgewachsen, weil diese psychisch krank war. Deshalb
erzog ihre Großmutter sie. Sie selbst ist nun in der Drogentherapiestation und ihre
Tochter wird von ihrer eigenen, inzwischen gesundeten Mutter betreut. Ihr Mangelgefühl
gegenüber ihrer Mutter war für sie der Grund, Drogen zu nehmen. Und durch ihre
Drogenabhängigkeit hat sie wiederum dafür gesorgt, daß sich das Muster
"Großmutter erzieht Enkelin" in ihrer Familie wiederholt. Auch weiß man, daß
Kinder, die in ihrer Kindheit viel geschlagen wurden, als Eltern oft selbst dazu neigen,
ihre Kinder zu schlagen. Fast bei jedem Klienten in der Drogentherapie konnte ich diese
unheilvolle, aber zum Glück nicht unheilbare Kette beobachten. Wenn also ein Mensch
Naikan macht, so hat dies auch eine große Bedeutung für die kommenden Generationen.
Bei uns in Japan kommen oft Mütter,
deren Kinder den Besuch der Schule verweigern, mit diesen Kindern ins Naikan. Sie beklagen
sich meist darüber, daß ihre Kinder nicht verstehen, wie viele Sorgen sie verursachen
und wieviel diese Mutter für ihr Kind tut. Wenn ich aber eine dieser Mütter frage, was
sie selbst von ihren Eltern bekommen hat, so antwortet sie oft sehr ausweichend und kann
nichts Konkretes nennen. Manche von ihnen behaupten sogar, daß sie nichts Besonderes
bekommen haben. Sie haben auch häufig selbst keine Idee davon, welche Schwierigkeiten sie
ihren Eltern verursacht haben. Die Wahrnehmung der Kinder von ihrer Mutter gleicht also
exakt der Wahrnehmung der Mutter von ihren eigenen Eltern.
Die Wahrnehmung der Liebe, die man
erhalten hat, ist subjektiv. Man muß nur, und das tut man in Naikan, die Beweise für
diese Liebe sammeln. Das nennt der japanische Naikanleiter Yanagida-Sensei das Sammeln der
verlorenen Ähren. Früher gingen hinter den Erntewagen Menschen her, welche die Halme
sammelten, die während der Fahrt herab fielen. In Naikan sammelt man also über Beweise
dafür, daß man geliebt wurde und befreit sich selbst vom Gefühl des Mangels. Dann kann
man spüren, daß man glücklich ist. Denn ob wir Glück überhaupt erleben können,
hängt ganz von unserer Fähigkeit ab, Glück wahrzunehmen. Dafür ist es notwendig,
Beweise zu sammeln. Wenn man genügend Beweise gefunden hat, wird man automatisch fähig,
etwas für andere zu tun. Wenn ein Mensch diese Beweise für die Liebe in seinem Leben
noch nicht gesammelt hat und er trotzdem jemand ist, der viel für andere Menschen tut,
dann bekommt es dieses Tun etwas aufopfernd Tragisches. Dieser Mensch denkt vielleicht,
daß er nur für die andern tätig ist. Trotzdem ist immer auch die Gefahr gegeben, daß
es letztendlich nur Selbstgefälligkeit ist, die ihn antreibt. Um dieser Gefahr zu
entgehen, ist es entscheidend, die Beweise dafür, daß man geliebt wurde, zu sammeln.
Abschließend wünsche ich mir einfach,
daß Sie bald Naikan machen und dabei die Realität als Realität anerkennen. Dann können
Sie nämlich die Belastungen aus Ihrer Vergangenheit zu Seite stellen und ein frisches,
neues Leben beginnen. Ein weiterer Wunsch von mir ist, daß Sie viele Beweise für Ihr
Glück sammeln, damit Sie, so wie Sie sind, glücklich sein können. Es muß uns gelingen,
den Eindruck, daß wir zuwenig im Leben bekommen haben, in die Erkenntnis zu wandeln, daß
wir genug erhielten. Dann nämlich wandelt sich unser Leben von einem, in dem unser
ausschließliches Interesse ist, an uns zu raffen, in eines, in dem wir auch geben. Und
das gebende Leben ist ein viel glücklicheres als das, in dem wir nur nehmen.
Naikan ist für sehr viele Menschen der
Anlaß, diese Wende zu vollziehen, weil man in Naikan intensiv die Gründe für eine
solche Umkehr sammelt. Indem man sich in Naikan mit Hilfe der drei Fragen aus Perspektiven
betrachtet, die man bisher noch nicht oder zumindest nicht in dieser Tiefe wahrgenommen
hat, sieht man sich selbst als Ganzes und akzeptiert seine Vergangenheit. Damit ist man
von dieser Vergangenheit befreit. Ein solches glückliches Leben wünsche ich Ihnen aus
ganzem Herzen.
Yoshimoto Sensei hat gesagt, daß er
diese tiefe Freude an die Menschen der ganzen Welt weitergeben möchte. Auch ich möchte
mich an dem Platz, auf dem ich stehe, darum bemühen, daß alle Menschen der Welt Naikan
machen und eine solche Freude empfinden können.