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Selbstverwirklichung

Selbstverwirklichung im Sinne von Naikan ist keine anstrengende Reise zu imaginierten Zielen. Es ist vielmehr ein Sichten und Verbinden mit dem, was in uns bereits lebt und wirkt. Unser Lebensdilemma besteht oft nicht so sehr darin, gesteckte Ziele nicht zu erreichen. Es besteht eher in der dunklen Ahnung, dass wir uns ständig selbst verpassen. Alles, was wir tun, scheint uns von dem abzuhalten, was wirklich wesentlich für uns wäre. Je länger dieser Zustand anhält, desto unzufriedener werden wir mit unserem Dasein und versuchen verzweifelt, das Steuer herumzureissen. Da uns aber nicht klar ist, in welche Richtung wir segeln sollen, begleitet uns das Gefühl weiter und weiter in jede neue Tätigkeit hinein. Am Ende sind wir so verunsichert, dass wir resignieren und akzeptieren, „es in diesem Leben nicht mehr zu schaffen."

Der amerikanische Psychologe Abraham Maslow schätzte, dass nur etwa 5% der Menschen Selbstverwirklichung erreichen können. Trotz unseres hohen Lebensstandards, trotz unserer sozialen Sicherheiten und unserer materiellen Möglichkeiten verfehlen wir uns selbst und leben ein Leben, dass nicht das unsere zu sein scheint. Die Entfremdung wird mit jedem Jahr stärker uns. Zuletzt fühlen wir uns wie eine Laborratte in einem Käfig ohne Ausgang – voll versorgt, aber ohne Richtung und Ziel.

Was genau unsere Selbstverwirklichung ist, kann uns niemand sagen. Nur wir selbst haben tief in uns einen sehr klaren Eindruck davon, wofür wir unterwegs sind. Viktor Frankl, der Begründer der Logotherapie, hat auf Grund seiner eigenen KZ-Erfahrung sagen können, dass nur Menschen mit einem klaren Wissen um ihren Wert auch den schlimmsten Erfahrungen trotzen können und aus ihnen Gewinn ziehen. Genau das meint auch Ishin Yoshimoto, der Begründer von Naikan, wenn er sagt: „Ziel des Naikans ist die Verwandlung des Gemüts. Damit wir, egal wie schlimm die äußeren Umstände sind, voll Dankbarkeit und dem Wunsch, zurückzuerstatten, leben können."

Für viele Menschen mag diese Aussage sehr übertrieben wirken. Aber die, die wirklich zu sich selbst unterwegs sind, finden am Weg tatsächlich alles, was sie für ihr Leben brauchen. Und mehr noch, sie finden in jedem Geschehen eine Möglichkeit, über ihr kleines, beschränktes Ich hinaus zu wachsen in jene größere Gestalt, die sie wirklich sind. Das sind dann auch jene Menschen, die in ihrem Sein andere beeindrucken, in deren Nähe man sich wohl fühlt, mit denen man gerne ein Stück des Weges unterwegs sein möchte.

Naikan läßt uns in dieses größere Selbst hinein wachsen, weil wir durch die Naikan-Erfahrung sehr genau wissen (und nicht nur dumpf spüren), wofür wir leben und was wir zu tun haben, um diesen Lebenssinn zu erfüllen. Jeder Lebenssinn ist so einzigartig wie jede einzelne Existenz an sich. Daher müssen wir uns die Zeit nehmen, zu uns selbst zu finden und kennen zu lernen, wer wir wirklich sind.

Denn nur so finden wir zu jenem Leben, dass uns auch glücklich macht. 

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