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Franz Ritter

Naikan – Eine Methode der Selbstverwirklichung für unsere Zeit

Vor mehr als 50 Jahren hat Ishin Yoshimoto, ein japanischer Geschäftsmann, mit der Entwicklung der Methode Naikan begonnen. Naikan verbindet die traditionelle japanische Meditationskultur mit modernen Elementen der Selbsterfahrung. Die Kultur der Stille, die in Japan immer schon gepflegt wurde, wird in Naikan dazu benützt, sich selbst näher zu kommen.

Yoshimoto suchte Anfang der 40er Jahre einen neuen Weg der Selbstentwicklung. Etwa 25 Jahre lang hat er an der Vervollkommnung seines Verfahrens gearbeitet. Anfänglich trainierte er vor allem die Mitarbeiter seiner eigenen Firma. Mit Hilfe seiner neuen Methode stieg seine Firma zum größten Lederwarenhandelsunternehmen Japans auf. Zugleich revolutionierte Herr Yoshimoto in den frühen 50er Jahren das japanische Resozialisierungswesen in den Gefängnissen. Durch Naikan gelang es, die Rückfallquote der schwierigsten Fälle, die der Wiederholungstäter, um mehr als 50 Prozent zu senken. In etwa 2/3 der japanischen Gefängnisse wird heute Naikan angewandt.

Naikan heißt Innenschau und meint, den Blick von der Außenwelt weg nach innen zu wenden. Normalerweise ist unser Blick sehr in der Außenwelt engagiert und achtet viel zuwenig darauf, wie wir auf die Ereignisse reagieren. Dabei aber ist unsere eigene Lebensqualität hauptsächlich von unseren Gedanken und Reaktionen auf Außenereignisse abhängig. Schon Epiktet, der alte griechische Philosoph, meinte: "Die Menschen werden nicht durch Ereignisse beunruhigt, sondern durch ihre Gedanken über diese Ereignisse."

Naikan sucht nun, die Meinungen und Überzeugungen, die wir im Laufe unseres Lebens gesammelt haben, im Spiegel der tatsächlichen Ereignisse zu überprüfen. Dabei kommt Naikan zu Hilfe, daß wir offensichtlich jeden Moment unseres Lebens in unserem Gehirn abspeichern. Nicht die Speicherung ist also das Problem, sondern mehr, daß wir bestimmte Zugänge zu unseren Erinnerungen versperrt halten, weil diese Erinnerungen unserem Selbstbild widersprechen würden.

Hier verbindet sich Naikan nahtlos mit den Arbeiten von Sigmund Freud und seinen Nachfolgern. Freud hat unser gegenwärtiges Sein als Produkt unserer Vergangenheit definiert. Wenn wir mit dieser Vergangenheit in Unfrieden sind, dann drückt sich das unmittelbar in unsere Gegenwart aus. Im Naikan betrachtet der Teilnehmer Stück für Stück seine Herkunft. Er wählt wichtige Beziehungen aus, in deren Spiegel er sein eigenes Verhalten überprüft. Dazu benützt er drei Fragen:

  1. Was hat dieser Mensch, gegenüber dem ich mich prüfe, für mich getan?

  2. Was habe ich für diesen Menschen getan?

  3. Welche Schwierigkeiten habe ich diesem Menschen gemacht?

Jede Fragestellung, die alte Vorwurfshaltungen aktivieren könnte, wird vermieden. Der Begründung dafür ist, daß wir meist schon lange in solche Vorwurfshaltungen engagiert sind. Hätte sich aus dieser Betrachtung eine Lösung für uns ergeben, dann hätten wir diese Vorwurfshaltung auch schon lange aufgeben können. Darum lädt Naikan ein, sich für eine Woche dem Bereich zu widmen, der unser Leben wirklich erleichtern wird.

Mit Hilfe der ersten beiden Fragen ziehen wir Bilanz über Geben und Nehmen in einer Beziehung. Herr Yoshimoto war Geschäftsmann und wußte deshalb den Wert einer Bilanz zu schätzen. Wenn die Bilanz von Geben und Nehmen in einer Beziehung unausgeglichen ist, dann wird mit der Zeit auch die beste Verbindung darunter leiden. Andererseits können wir durch diese Fragestellung erfahren, wieviel wir bereits von anderen Menschen erhalten haben. Damit erleben wir ganz direkt, daß wir nur dann wirklich gut leben können, wenn wir die Integration in unser soziales System pflegen.

Mit Hilfe der dritten Frage können wir unser künftiges Verhalten optimieren. Wir untersuchen leidenschaftslos die Punkte, durch die wir das Zusammenleben oder die gemeinsame Arbeit mit anderen Menschen stören. Auch hier hilft uns wieder ein Zitat von Epiktet, das Ziel dieser Arbeit zu verstehen: "Anderen an seinem Unglück die Schuld geben ist ein Zeichen von Dummheit. Sich selbst die Schuld geben ist der erste Schritt zur Einsicht. Weder anderen noch sich selbst die Schuld geben ist ein Zeichen von Weisheit!"Es geht also darum, sich von der Schuldfrage zu lösen und statt dessen eine Haltung aufzubauen, die versucht, die eigenen Störungsquellen zu minimieren. Diese Haltung basiert auf der Einsicht, daß der einzige Mensch, den wir wirklich ändern können, wir selber sind.

Nach Naikan beginnen wir die Welt anders zu sehen. Wir haben in dieser Woche entdeckt, was wirklich wesentlich für uns selbst ist. Und wir haben erkannt, daß wir nur dann glücklich leben können, wenn wir mit der Welt rund um uns in Frieden sind. Das, was wir Naikan entdeckt haben, haben wir selbst entdeckt. Der Naikan-Leiter/die Naikan-Leiterin ist nur ein stiller Begleiter auf diesem Weg. Darum bleiben die Ergebnisse einer Naikan-Woche für sehr lange Zeit wirksam. Und wenn Sie einmal als ehemaliger Naikan Teilnehmer entdecken sollten, daß sich alte Muster wieder einschleichen, dann wird es einfach wieder Zeit für eine weitere Woche Naikan. Wir freuen uns schon auf Ihren Besuch.

Franz Ritter ist westlich geschulter Psychotherapeut und seit 1985 selbständiger Naikan-Leiter in Europa. Er wurde von Prof. Akira Ishii in der Methode Naikan ausgebildet und hat schon mehr als 1.000 Europäer in Naikan-Prozessen begleitet. Gemeinsam mit seiner Frau Martha leitet er das Neue Welt Institut in der Nähe von Wien.

 

NAIKAN IST EINE EINZIGARTIGE FORM, SICH SELBST ZU BEGEGNEN.

ES NUTZT DIE KRAFT DER STILLE, UM DIE POTENTIALE, DIE WIR IM LAUFE UNSERES LEBENS ANGESAMMELT HABEN, NUTZBAR ZU MACHEN.

NAIKAN KANN JEDER MACHEN – ES IST VÖLLIG UNABHÄNGIG VON KULTURELLEN UNTERSCHIEDEN.

 

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