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Franz Ritter

„Du sollst werden, der Du bist!"

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Vortrag vor dem Naikan-Forum Tokyo, 16. Juli 1999

Die westliche Psychotherapie mißt ihre Ergebnisse an 2 Faktoren. Der eine Faktor ist die Fähigkeit zur Integration, der andere ist die Fähigkeit zur Differenzierung. Die Differenzierung soll dem Absolventen die Möglichkeit eröffnen, sich selbst besser wahrzunehmen. Die Integration soll ermöglichen, sich innerhalb des sozialen Systems besser bewegen zu können, weniger Probleme mit anderen Menschen zu haben und besser mit anderen zusammenzuarbeiten und kommunizieren zu können.

Aus meiner Sicht gibt es aber keine bessere Methode, diese beiden Ergebnisse zu erzielen, als Naikan. In Japan gibt es das Problem der Kinder, die sich weigern, in die Schule zu gehen. Das überharte Schulsystem bringt dieses Phänomen hervor. Solche Kinder werden oft in ein Naikan-Zentrum gebracht, in der Hoffnung, daß sie anschließend problemlos in die Schule gehen werden. Sehr oft endet aber dieser Besuch mit einer Enttäuschung für die Eltern, weil das Kind nicht so angepaßt zurückkommt, wie sie es sich erwarten. Im Naikan hat das Kind für sich entdeckt, was es wirklich braucht. Das ist nicht in einem egoistischen, sondern in einem sehr existentiellen Sinne zu verstehen. Das Kind lernt, was es für sein innerstes Selbst wirklich braucht. Damit wird es nach Naikan, und das ist das Ergebnis für jeden Naikan-Teilnehmer, über sich als Person und deren Bedürfnisse ein sehr viel klareres Verständnis haben. In der Regel werden solche Kinder natürlich wieder zur Schule gehen, aber auch sinnlose Auswüchse des Systems nicht mehr mitmachen.

Im Westen wird sehr oft die Verwirklichung der eigenen Ideen in den Vordergrund gestellt. Die Individualität wird sehr hervorgehoben. Aus dieser Haltung heraus wird sehr leicht vergessen, daß wir mit allem, was wir tun, von anderen abhängig sind. Im Naikan entdecken wir, daß wir ohne das Rundherum um uns nicht existieren könnten. Wenn die Pflanzen aufhören würden, Sauerstoff zu produzieren, würden wir vielleicht noch ein paar Minuten leben. Wenn in den Elektrizitätswerken nicht Menschen für uns arbeiten würden, würden wir hier im Dunkeln sitzen. Nach Naikan sehe ich sehr klar meine Vernetzung mit der Welt, mit anderen Menschen und daß diese Vernetzung für mich absolut lebensnotwendig ist. Vor allem der westliche Mensch mit seiner Überbetonung der Individualität kann durch Naikan lernen, diese Vernetzung viel besser wahrzunehmen. Andererseits kann für japanische Menschen, die durch ihre Erziehung viel mehr gelernt haben, auf die Gruppe um sich herum zu achten, die Herausarbeitung der Individualität ein sehr interessantes Ergebnis sein. Insofern gesehen ist Naikan eine wirklich globale Methode, weil sie jeweils dem Menschen, der ins Naikan kommt, das Resultat bringt, das er braucht.

Aus dieser Betrachtungsweise gesehen, ist es sehr schwierig, Naikan an einer bestimmten Erwartung fest zu machen. Naikan ist ein Instrument, das wir für uns nutzen können. Der Geist betrachtet sich im Naikan selbst. Daher ist Naikan für den einen eine Art Selbsterziehung, für den anderen Ethik oder Moral, für den dritten tiefste religiöse Erfahrung. Auch Herr Yoshimoto, der Begründer von Naikan, konnte letztendlich nichts anderes feststellen, als das Naikan eben Naikan ist. Wenn ich auf meine eigenen Naikan-Erfahrungen zurückblicke oder an jene Menschen denke, die ich als Leiter einige Male während eines Intensiv-Naikans begleiten konnte, so bin ich nach wie vor sehr erstaunt, wie unterschiedlich der Verlauf verschiedener Naikan-Teilnahmen bei ein und demselben Menschen sein kann.

Daraus können wir erkennen, daß Naikan eine Methode ist, die sich den unterschiedlichsten Entwicklungsstufen und Entwicklungsbedürfnissen des Teilnehmers anpaßt. Wenn wir nun sehen, daß der Mensch durch Naikan in seiner individuellen Entwicklung gefördert wird, stellt sich die Frage, ob es nicht insgesamt Zweck unseres Daseins ist, in Entwicklung zu sein. Ein amerikanischer Psychologe, Mihaly Czikszentmihaly, untersuchte vor etwa 10 Jahren den Unterschied zwischen glücklichen und unglücklichen Menschen. Zwischen 5000 und 6000 Menschen auf der ganzen Welt wurden befragt, was Glück für sie bedeutet. Er hat festgestellt, daß die allermeisten Menschen als Glück jenen Zustand beschreiben, in dem sie „fließen". Er hat das das Flow-Prinzip genannt. Die Menschen beschreiben diesen Zustand als einen, in dem Anforderungen und Probleme auf sie zukommen und sie diese Aufgaben lösen und die Ergebnisse weiter fließen lassen. Dann kommt das nächste Problem und wird erledigt und kann auch wieder weiter fließen. Ihr Geist macht nirgends fest, klammert sich nirgends an und darum verzweifeln sie auch nicht an einem Problem. Dieser Zustand wird oft mit dem eines Surfers verglichen, der von einer Welle vorwärts getragen wird. Er kann sich nirgends festhalten und wird doch immer weiter bewegt. Das einzige, was er beitragen muß, ist, die Balance zu halten und das Vertrauen zu entwickeln, daß die Welle ihn trägt. In dem Moment aber, in dem dieses Urvertrauen verloren geht, stürzt der Surfer vom Brett. Ebenso ist es mit uns. Wenn sich ein Problem im Geist eines Menschen festhakt, nicht gelöst und mitgetragen wird, wird dieser Mensch unglücklich. Er stürzt aus dem ursprünglichen Glück.

Die Beschreibungen dieses fließenden Zustandes in diesem Buch haben mich stark an jene Zustände erinnert, die man auch im Zen erleben kann. Dort finden wir Berichte von Zen-Meistern darüber, was für ein großes Glück es z. B. sein kann, eine Tasse Tee zu trinken. Dabei geht es nur darum, das Trinken zu sein, ohne irgend etwas anderes sein zu wollen. In der Zwischenzeit gibt es schon unbeschreiblich viele Bücher, die diesen Zustand beschreiben. Aber natürlich geht es darum, ihn selbst zu erleben. Auch dafür ist meiner Ansicht nach die beste Methode Naikan. Als ich vor vielen Jahren bei Yanagida-Sensei Naikan machte, erlebte ich diesen Zustand auf eine phantastische Art. In dem Wald, der das Naikan-Zentrum umgibt, fließt ein Bach, der etwa eineinhalb Meter breit ist. Ein paar Meter von diesem Bach entfernt lag ein etwa 2 Meter langer und ca. 30 cm dicker Baumstamm. In einer sehr großen inneren Klarheit gelang es mir, diesen schweren Baum hoch zu hebeln und genau über den Bach zu wuchten. Ich habe Yanagida Sensei danach um Verzeihung gebeten, weil ich ihn nicht um Erlaubnis gefragt habe, diese Brücke zu errichten. Er sagte, er hätte sich sowieso gewundert, wie King Kong in seinem Garten gekommen sei. In diesem Moment hat einfach alles gestimmt, und der Baumstamm fiel auch genauso, daß er exakt über den Bach lag. Man konnte danach sehr einfach den Bach überqueren.

Die nächste Frage ist, was der Zweck des Fließens ist. Immanuel Kant hat einmal gesagt, der Mensch sei ein Zweck für sich. Wir sind also nicht auf der Welt, um irgend etwas zu erledigen, sondern wir selbst sind der Zweck unseres Daseins. Die meisten Menschen heute sind auf der Welt, damit ihre Firma erfolgreich ist, sie selbst viel Geld besitzen, damit die Kinder groß werden oder ihr Land stark ist, damit sie schön Musik machen können oder viele Theaterstücke gesehen haben, damit sie klug sind oder auf einen 8000 Meter hohen Berg steigen. Die Frage ist, was macht der Mensch dann, wenn er all diese Ziele erreicht hat? Das spricht keineswegs gegen diese Ziele, doch können wir durch Naikan eine Einsicht davon bekommen, was hinter diesen Zielen sein könnte. Frau Ishii meinte einmal, wenn man zehnmal Naikan gemacht hat, dann können wir ein bißchen ahnen, wer wir wirklich sind und wofür Naikan da ist. Mit jedem Tag, an dem wir Naikan üben, nähern wir uns ein wenig unserem wirklichen Wesen an. Dies ist keineswegs in einem religiösen oder kirchlichen Sinn zu verstehen. In den meisten Fällen erzählt uns eine Religion oder kirchlichen Lehren nur etwas über diesen Zustand. Aber es gibt nur sehr wenige Methoden, um in diesen Zustand selbst hineinzugehen, um wirklich zu spüren, wofür wir da sind, was unser Zweck ist. Das können wir nur selbst herausfinden, das kann uns niemand erzählen. Interessant dabei ist, daß Menschen, die wirklich begonnen haben, sich selbst zu entdecken, einander in der Regel sehr gut verstehen.

1978 praktizierte ich in Japan Zen bei Seki Juho Roshi. Er hatte einen Freund in Deutschland, Karlfried Graf Dürckheim. Dürckheim war ein Psychologe und sehr interessiert an der Lehre von C.G. Jung. Er hat sein Leben lang probiert, Zen und die Lehre von C.G. Jung zusammenzubringen. Es wird erzählt, daß, wenn die beiden alten Männer einander trafen, sie stundenlang nebeneinander auf einer Bank saßen, ohne ein Wort zu wechseln. Viele Leute gingen in einiger Entfernung vorbei, nur um zu beobachten, wie glücklich die beiden aussahen.

Es scheint also so zu sein, als ob unser Lebenszweck ist, zu diesem Selbst unterwegs zu sein. Friedrich Nietzsche sagte einmal: " Du sollst der werden, der du bist ". Bei dieser Entwicklung ist Naikan für uns in jeder Stufe das geeignete Werkzeug. Sehr oft beginnt eine solche Entwicklung deshalb, weil wir unter etwas leiden. Sehr viele Menschen greifen in einer solchen Situation zu erst einmal zu einer Medizin, die die Schmerzen betäubt. Sie denken, daß damit das Leiden beseitigt ist. Wenn wir aber etwas tiefer hinschauen, können wir bemerken, daß die Ursache des Leidens oft darin zu suchen ist, daß wir uns von uns selbst entfernt haben. Karl Marx diesen Zustand die Entfremdung genannt. Wir können das auch so interpretieren, daß wir uns selbst ein Fremder geworden sind. Unser Geist und unser Körper reagieren auf einen solchen Zustand mit Verwirrung und oft auch mit einer Erkrankung. Wenn wir Naikan machen, minimieren wir diese Entfremdung und lernen zu leben, was wir sind. Deshalb glauben wir auch oft, wenn wir das erstemal Naikan machen, daß Naikan eine Psychotherapie sei. Denn es ist eine oft bewiesene Tatsache, daß viele psychische Störungen und psychosomatische Erkrankungen durch Naikan geheilt wurden. Wenn ich aber Naikan nur als Psychotherapie verstehe und nach dem Verschwinden dieser Phänomene innerlich stehen bleibe, dann ist die Gefahr gegeben, wieder zurückzufallen und andere Störungssymptome zu entwickeln. Es ist vielmehr so, daß ich mir danach die Frage stellen muß, wer bin ich wirklich? Dann beginnt die eigentliche Arbeit im Naikan. Ich suche in meiner Erinnerung danach, was die Menschen mir mein ganzes Leben lang über mich erzählt haben. Was bin ich denn für ein Mensch für meinen Vater, für meine Mutter, meinen Lebenspartner, meine Kinder? Natürlich ist jede dieser Sichtweisen nicht die ganze Wahrheit. Es ist nur eine Spiegelung von einer bestimmten Seite. Aber wenn ich genügend solcher Spiegelungen angesehen habe, dann bekomme ich eine Ahnung davon, wer ich sein könnte.

Geh ich aber noch tiefer hinein in diese Frage, wer ich bin, dann stellt sich die nächste Frage. Und die lautet: "Was ist ein Ich?". Wenn ich da noch genauer hinschaue, dann werde ich entdecken, daß sich alles, was ich bisher für mein "Ich" gehalten habe, auflöst. Und ich werde entdecken, daß hinter den Phänomenen etwas ist, das viel größer ist als alles, was ich bisher für mein Ich gehalten habe. Im Zen wird das Satori genannt, eine Schauung von dem, was wirklich ist. Um es aber noch einmal zu wiederholen, im Naikan geht es nicht um eine Religion oder um theologische Aussagen. Im Naikan geht es darum, es selbst zu finden. Es ist in jedem von uns als eine Möglichkeit angelegt, aber verwirklichen können wir es nur selbst. Dabei kann uns keine Religion oder kirchlichen Lehre wirklich helfen. Naikan ist eine Methode, um es zu verwirklichen. Es ist zu hoffen, daß aus der Naikan-Methode nie eine Religion entstehen wird.

Wenn mir diese Wesenschau zugänglich geworden ist, dann zerfallen alle bisherigen Verhaltensmuster und alles, an dem ich mich bisher orientiert habe. Alles, was ich glaube, daß ich bin, löst sich auf. Das ist der Grund, warum Menschen, die diese Erfahrung gemacht haben, oft recht seltsam wirken. Sie haben den Satz: "Form ist Leere und Leere ist Form" an sich selbst erfahren. Damit ist jedoch noch nicht verbunden, neue Verhaltensformen für das Leben mit anderen Menschen zu entwickeln. Darum sammelt der eine Rolls Royce Autos, während der andere Mädchenlisten für sein Bett zusammenstellen läßt. Der dritte möchte der reichste Guru der Welt werden, und der vierte braucht 10 Millionen Anhänger, um glücklich zu sein. Da gibt es viele alberne Ausprägungen und Yoshimoto Sensei war zu Recht entsetzt, wie sich manche "Erleuchtete" im täglichen Leben benommen haben.

Für diese Menschen wäre es auch sehr gut gewesen, und das sage ich nun ohne Hochmut, wenn sie Naikan kennengelernt hätten. Dann hätten sie nämlich lernen können, mit dem Zustand der Erleuchtung umzugehen. Sie würden dann vielleicht entdecken, daß sie nicht eine Sekunde erleuchtet wären, wenn es diese Welt nicht gäbe. Und das es daher ihre wirkliche Pflicht ist, an diese Welt zurückzugeben, ohne für sich Leistungen wie etwa Autos, Mädchen oder Reichtum zu fordern. Also auch für den Zustand nach der Erleuchtung ist Naikan die richtige Methode, um damit umzugehen.

Es gibt natürlich auch sehr viele andere sehr gute Methoden, die in diesen einzelnen Phasen der Entwicklung sehr hilfreich sind. Das psychotherapeutische Instrumentarium hat sich in den letzten 90 Jahren enorm entwickelt und hilft heute bei vielen sehr unterschiedlichen Störungen. Eine breite Selbsterfahrungs-Bewegung hat viele Möglichkeiten der Selbst-Entdeckung geschaffen. Viele religiöse Übungen zielen dahin, den Menschen näher zu der Erfahrung der Erleuchtung zu bringen. Für den Zustand danach allerdings ist noch wenig entwickelt worden, da kann oft nur das Verhältnis zu einem hoch entwickelten Meister oder einer hoch entwickelten Meisterin genügend Anhaltspunkte für das richtige Verhalten liefern.

Der Vorzug von Naikan ist es, daß ich die Methode während der gesamten Entwicklung nicht wechseln muß. Denn die meisten anderen Methoden versagen in den Bereichen, für die sie nicht geschaffen wurden. Psychotherapeutische Methoden sind nicht dafür kompetent, spirituelle Fragen zu lösen. Selbsterfahrungsmethoden können weder psychische Probleme lösen noch wirklich die Existenzfragen lösen. Religiöse Techniken versagen, wenn im Übenden neurotische oder psychotische Zustände auftauchen. Naikan hingegen läßt den, der es anwendet, alle Möglichkeiten in sich selbst entdecken. Da im Naikan der Geist sich selbst betrachtet, wird jenes Problem bearbeitet, das derzeit die Entwicklung hemmt. Oder jene Aufgabe erledigt, die der Weiterentwicklung am förderlichsten ist. Was das ist, kann aber in den meisten Fällen nur vom jeweiligen Menschen selbst herausgefunden werden. Meisterworte oder weise Lehren können bestenfalls Hinweise seien, wie es uns auch das Zengleichnis vom Finger und vom Mond erzählt. Die Verwirklichung findet immer nur in uns selbst statt. Darum brauchen wir eine Methode, die direkt mit diesem Selbst kommuniziert.

Naikan ist ein Werkzeug, das uns den ganzen Weg begleiten und durch seine ständige Übung immer feiner angewendet werden kann. Dadurch wird uns der Umgang damit immer vertrauter und wir entdecken ständig neue Möglichkeiten, die sich aus der Naikan-Betrachtung ergeben. Die Geschichte jener Frau, die seit 40 Jahren tägliches Naikan macht und jede Woche eine Karte an das Yoshimoto-Zentrum schickt, um ihre Einsichten mitzuteilen, vermittelt eine Ahnung davon, was das heißen kann. Denn obwohl Herr Yoshimoto gestorben ist und Frau Yoshimoto seit 2 Jahren mit einem Schlaganfall regungslos im Bett liegt, kommt nach wie vor jede Woche eine Karte in das Zentrum. Für diese Frau ist es nicht wichtig, daß jemand ihre Karten liest. Wichtig ist lediglich, daß sie täglich Naikan macht und das, was sie findet, auf eine Karte schreibt...

Dieses Verhalten ist nicht mehr in einer Dimension zu messen, die wir rational verstehen können. Aber nach Naikan können wir von unseren Herzen her wissen, was es meint.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

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