Du
sollst werden, der Du bist!"
Vortrag vor dem Naikan-Forum Tokyo, 16.
Juli 1999
Die westliche Psychotherapie mißt ihre Ergebnisse an 2
Faktoren. Der eine Faktor ist die Fähigkeit zur Integration, der andere ist die
Fähigkeit zur Differenzierung. Die Differenzierung soll dem Absolventen die Möglichkeit
eröffnen, sich selbst besser wahrzunehmen. Die Integration soll ermöglichen, sich
innerhalb des sozialen Systems besser bewegen zu können, weniger Probleme mit anderen
Menschen zu haben und besser mit anderen zusammenzuarbeiten und kommunizieren zu können.
Aus meiner Sicht gibt es aber keine bessere Methode,
diese beiden Ergebnisse zu erzielen, als Naikan. In Japan gibt es das Problem der Kinder,
die sich weigern, in die Schule zu gehen. Das überharte Schulsystem bringt dieses
Phänomen hervor. Solche Kinder werden oft in ein Naikan-Zentrum gebracht, in der
Hoffnung, daß sie anschließend problemlos in die Schule gehen werden. Sehr oft endet
aber dieser Besuch mit einer Enttäuschung für die Eltern, weil das Kind nicht so
angepaßt zurückkommt, wie sie es sich erwarten. Im Naikan hat das Kind für sich
entdeckt, was es wirklich braucht. Das ist nicht in einem egoistischen, sondern in einem
sehr existentiellen Sinne zu verstehen. Das Kind lernt, was es für sein innerstes Selbst
wirklich braucht. Damit wird es nach Naikan, und das ist das Ergebnis für jeden
Naikan-Teilnehmer, über sich als Person und deren Bedürfnisse ein sehr viel klareres
Verständnis haben. In der Regel werden solche Kinder natürlich wieder zur Schule gehen,
aber auch sinnlose Auswüchse des Systems nicht mehr mitmachen.
Im Westen wird sehr oft die Verwirklichung der eigenen
Ideen in den Vordergrund gestellt. Die Individualität wird sehr hervorgehoben. Aus dieser
Haltung heraus wird sehr leicht vergessen, daß wir mit allem, was wir tun, von anderen
abhängig sind. Im Naikan entdecken wir, daß wir ohne das Rundherum um uns nicht
existieren könnten. Wenn die Pflanzen aufhören würden, Sauerstoff zu produzieren,
würden wir vielleicht noch ein paar Minuten leben. Wenn in den Elektrizitätswerken nicht
Menschen für uns arbeiten würden, würden wir hier im Dunkeln sitzen. Nach Naikan sehe
ich sehr klar meine Vernetzung mit der Welt, mit anderen Menschen und daß diese
Vernetzung für mich absolut lebensnotwendig ist. Vor allem der westliche Mensch mit
seiner Überbetonung der Individualität kann durch Naikan lernen, diese Vernetzung viel
besser wahrzunehmen. Andererseits kann für japanische Menschen, die durch ihre Erziehung
viel mehr gelernt haben, auf die Gruppe um sich herum zu achten, die Herausarbeitung der
Individualität ein sehr interessantes Ergebnis sein. Insofern gesehen ist Naikan eine
wirklich globale Methode, weil sie jeweils dem Menschen, der ins Naikan kommt, das
Resultat bringt, das er braucht.
Aus dieser Betrachtungsweise gesehen, ist es sehr
schwierig, Naikan an einer bestimmten Erwartung fest zu machen. Naikan ist ein Instrument,
das wir für uns nutzen können. Der Geist betrachtet sich im Naikan selbst. Daher ist
Naikan für den einen eine Art Selbsterziehung, für den anderen Ethik oder Moral, für
den dritten tiefste religiöse Erfahrung. Auch Herr Yoshimoto, der Begründer von Naikan,
konnte letztendlich nichts anderes feststellen, als das Naikan eben Naikan ist. Wenn ich
auf meine eigenen Naikan-Erfahrungen zurückblicke oder an jene Menschen denke, die ich
als Leiter einige Male während eines Intensiv-Naikans begleiten konnte, so bin ich nach
wie vor sehr erstaunt, wie unterschiedlich der Verlauf verschiedener Naikan-Teilnahmen bei
ein und demselben Menschen sein kann.
Daraus können wir erkennen, daß Naikan eine Methode
ist, die sich den unterschiedlichsten Entwicklungsstufen und Entwicklungsbedürfnissen des
Teilnehmers anpaßt. Wenn wir nun sehen, daß der Mensch durch Naikan in seiner
individuellen Entwicklung gefördert wird, stellt sich die Frage, ob es nicht insgesamt
Zweck unseres Daseins ist, in Entwicklung zu sein. Ein amerikanischer Psychologe, Mihaly
Czikszentmihaly, untersuchte vor etwa 10 Jahren den Unterschied zwischen glücklichen und
unglücklichen Menschen. Zwischen 5000 und 6000 Menschen auf der ganzen Welt wurden
befragt, was Glück für sie bedeutet. Er hat festgestellt, daß die allermeisten Menschen
als Glück jenen Zustand beschreiben, in dem sie fließen". Er hat das das
Flow-Prinzip genannt. Die Menschen beschreiben diesen Zustand als einen, in dem
Anforderungen und Probleme auf sie zukommen und sie diese Aufgaben lösen und die
Ergebnisse weiter fließen lassen. Dann kommt das nächste Problem und wird erledigt und
kann auch wieder weiter fließen. Ihr Geist macht nirgends fest, klammert sich nirgends an
und darum verzweifeln sie auch nicht an einem Problem. Dieser Zustand wird oft mit dem
eines Surfers verglichen, der von einer Welle vorwärts getragen wird. Er kann sich
nirgends festhalten und wird doch immer weiter bewegt. Das einzige, was er beitragen
muß,
ist, die Balance zu halten und das Vertrauen zu entwickeln, daß die Welle ihn trägt. In
dem Moment aber, in dem dieses Urvertrauen verloren geht, stürzt der Surfer vom Brett.
Ebenso ist es mit uns. Wenn sich ein Problem im Geist eines Menschen festhakt, nicht
gelöst und mitgetragen wird, wird dieser Mensch unglücklich. Er stürzt aus dem
ursprünglichen Glück.
Die Beschreibungen dieses fließenden Zustandes in diesem
Buch haben mich stark an jene Zustände erinnert, die man auch im Zen erleben kann. Dort
finden wir Berichte von Zen-Meistern darüber, was für ein großes Glück es z. B. sein
kann, eine Tasse Tee zu trinken. Dabei geht es nur darum, das Trinken zu sein, ohne irgend
etwas anderes sein zu wollen. In der Zwischenzeit gibt es schon unbeschreiblich viele
Bücher, die diesen Zustand beschreiben. Aber natürlich geht es darum, ihn selbst zu
erleben. Auch dafür ist meiner Ansicht nach die beste Methode Naikan. Als ich vor vielen
Jahren bei Yanagida-Sensei Naikan machte, erlebte ich diesen Zustand auf eine
phantastische Art. In dem Wald, der das Naikan-Zentrum umgibt, fließt ein Bach, der etwa
eineinhalb Meter breit ist. Ein paar Meter von diesem Bach entfernt lag ein etwa 2 Meter
langer und ca. 30 cm dicker Baumstamm. In einer sehr großen inneren Klarheit gelang es
mir, diesen schweren Baum hoch zu hebeln und genau über den Bach zu wuchten. Ich habe
Yanagida Sensei danach um Verzeihung gebeten, weil ich ihn nicht um Erlaubnis gefragt
habe, diese Brücke zu errichten. Er sagte, er hätte sich sowieso gewundert, wie King
Kong in seinem Garten gekommen sei. In diesem Moment hat einfach alles gestimmt, und der
Baumstamm fiel auch genauso, daß er exakt über den Bach lag. Man konnte danach sehr
einfach den Bach überqueren.
Die nächste Frage ist, was der Zweck des Fließens ist.
Immanuel Kant hat einmal gesagt, der Mensch sei ein Zweck für sich. Wir sind also nicht
auf der Welt, um irgend etwas zu erledigen, sondern wir selbst sind der Zweck unseres
Daseins. Die meisten Menschen heute sind auf der Welt, damit ihre Firma erfolgreich ist,
sie selbst viel Geld besitzen, damit die Kinder groß werden oder ihr Land stark ist,
damit sie schön Musik machen können oder viele Theaterstücke gesehen haben, damit sie
klug sind oder auf einen 8000 Meter hohen Berg steigen. Die Frage ist, was macht der
Mensch dann, wenn er all diese Ziele erreicht hat? Das spricht keineswegs gegen diese
Ziele, doch können wir durch Naikan eine Einsicht davon bekommen, was hinter diesen
Zielen sein könnte. Frau Ishii meinte einmal, wenn man zehnmal Naikan gemacht hat, dann
können wir ein bißchen ahnen, wer wir wirklich sind und wofür Naikan da ist. Mit jedem
Tag, an dem wir Naikan üben, nähern wir uns ein wenig unserem wirklichen Wesen an. Dies
ist keineswegs in einem religiösen oder kirchlichen Sinn zu verstehen. In den meisten
Fällen erzählt uns eine Religion oder kirchlichen Lehren nur etwas über diesen Zustand.
Aber es gibt nur sehr wenige Methoden, um in diesen Zustand selbst hineinzugehen, um
wirklich zu spüren, wofür wir da sind, was unser Zweck ist. Das können wir nur selbst
herausfinden, das kann uns niemand erzählen. Interessant dabei ist, daß Menschen, die
wirklich begonnen haben, sich selbst zu entdecken, einander in der Regel sehr gut
verstehen.
1978 praktizierte ich in Japan Zen bei Seki Juho Roshi.
Er hatte einen Freund in Deutschland, Karlfried Graf Dürckheim. Dürckheim war ein
Psychologe und sehr interessiert an der Lehre von C.G. Jung. Er hat sein Leben lang
probiert, Zen und die Lehre von C.G. Jung zusammenzubringen. Es wird erzählt, daß, wenn
die beiden alten Männer einander trafen, sie stundenlang nebeneinander auf einer Bank
saßen, ohne ein Wort zu wechseln. Viele Leute gingen in einiger Entfernung vorbei, nur um
zu beobachten, wie glücklich die beiden aussahen.
Es scheint also so zu sein, als ob unser Lebenszweck ist,
zu diesem Selbst unterwegs zu sein. Friedrich Nietzsche sagte einmal: " Du sollst der
werden, der du bist ". Bei dieser Entwicklung ist Naikan für uns in jeder Stufe das
geeignete Werkzeug. Sehr oft beginnt eine solche Entwicklung deshalb, weil wir unter etwas
leiden. Sehr viele Menschen greifen in einer solchen Situation zu erst einmal zu einer
Medizin, die die Schmerzen betäubt. Sie denken, daß damit das Leiden beseitigt ist. Wenn
wir aber etwas tiefer hinschauen, können wir bemerken, daß die Ursache des Leidens oft
darin zu suchen ist, daß wir uns von uns selbst entfernt haben. Karl Marx diesen Zustand
die Entfremdung genannt. Wir können das auch so interpretieren, daß wir uns selbst ein
Fremder geworden sind. Unser Geist und unser Körper reagieren auf einen solchen Zustand
mit Verwirrung und oft auch mit einer Erkrankung. Wenn wir Naikan machen, minimieren wir
diese Entfremdung und lernen zu leben, was wir sind. Deshalb glauben wir auch oft, wenn
wir das erstemal Naikan machen, daß Naikan eine Psychotherapie sei. Denn es ist eine oft
bewiesene Tatsache, daß viele psychische Störungen und psychosomatische Erkrankungen
durch Naikan geheilt wurden. Wenn ich aber Naikan nur als Psychotherapie verstehe und nach
dem Verschwinden dieser Phänomene innerlich stehen bleibe, dann ist die Gefahr gegeben,
wieder zurückzufallen und andere Störungssymptome zu entwickeln. Es ist vielmehr so,
daß ich mir danach die Frage stellen muß, wer bin ich wirklich? Dann beginnt die
eigentliche Arbeit im Naikan. Ich suche in meiner Erinnerung danach, was die Menschen mir
mein ganzes Leben lang über mich erzählt haben. Was bin ich denn für ein Mensch für
meinen Vater, für meine Mutter, meinen Lebenspartner, meine Kinder? Natürlich ist jede
dieser Sichtweisen nicht die ganze Wahrheit. Es ist nur eine Spiegelung von einer
bestimmten Seite. Aber wenn ich genügend solcher Spiegelungen angesehen habe, dann
bekomme ich eine Ahnung davon, wer ich sein könnte.
Geh ich aber noch tiefer hinein in diese Frage, wer ich
bin, dann stellt sich die nächste Frage. Und die lautet: "Was ist ein Ich?".
Wenn ich da noch genauer hinschaue, dann werde ich entdecken, daß sich alles, was ich
bisher für mein "Ich" gehalten habe, auflöst. Und ich werde entdecken, daß
hinter den Phänomenen etwas ist, das viel größer ist als alles, was ich bisher für
mein Ich gehalten habe. Im Zen wird das Satori genannt, eine Schauung von dem, was
wirklich ist. Um es aber noch einmal zu wiederholen, im Naikan geht es nicht um eine
Religion oder um theologische Aussagen. Im Naikan geht es darum, es selbst zu finden. Es
ist in jedem von uns als eine Möglichkeit angelegt, aber verwirklichen können wir es nur
selbst. Dabei kann uns keine Religion oder kirchlichen Lehre wirklich helfen. Naikan ist
eine Methode, um es zu verwirklichen. Es ist zu hoffen, daß aus der Naikan-Methode nie
eine Religion entstehen wird.
Wenn mir diese Wesenschau zugänglich geworden ist, dann
zerfallen alle bisherigen Verhaltensmuster und alles, an dem ich mich bisher orientiert
habe. Alles, was ich glaube, daß ich bin, löst sich auf. Das ist der Grund, warum
Menschen, die diese Erfahrung gemacht haben, oft recht seltsam wirken. Sie haben den Satz:
"Form ist Leere und Leere ist Form" an sich selbst erfahren. Damit ist jedoch
noch nicht verbunden, neue Verhaltensformen für das Leben mit anderen Menschen zu
entwickeln. Darum sammelt der eine Rolls Royce Autos, während der andere Mädchenlisten
für sein Bett zusammenstellen läßt. Der dritte möchte der reichste Guru der Welt
werden, und der vierte braucht 10 Millionen Anhänger, um glücklich zu sein. Da gibt es
viele alberne Ausprägungen und Yoshimoto Sensei war zu Recht entsetzt, wie sich manche
"Erleuchtete" im täglichen Leben benommen haben.
Für diese Menschen wäre es auch sehr gut gewesen, und
das sage ich nun ohne Hochmut, wenn sie Naikan kennengelernt hätten. Dann hätten sie
nämlich lernen können, mit dem Zustand der Erleuchtung umzugehen. Sie würden dann
vielleicht entdecken, daß sie nicht eine Sekunde erleuchtet wären, wenn es diese Welt
nicht gäbe. Und das es daher ihre wirkliche Pflicht ist, an diese Welt zurückzugeben,
ohne für sich Leistungen wie etwa Autos, Mädchen oder Reichtum zu fordern. Also auch
für den Zustand nach der Erleuchtung ist Naikan die richtige Methode, um damit umzugehen.
Es gibt natürlich auch sehr viele andere sehr gute
Methoden, die in diesen einzelnen Phasen der Entwicklung sehr hilfreich sind. Das
psychotherapeutische Instrumentarium hat sich in den letzten 90 Jahren enorm entwickelt
und hilft heute bei vielen sehr unterschiedlichen Störungen. Eine breite
Selbsterfahrungs-Bewegung hat viele Möglichkeiten der Selbst-Entdeckung geschaffen. Viele
religiöse Übungen zielen dahin, den Menschen näher zu der Erfahrung der Erleuchtung zu
bringen. Für den Zustand danach allerdings ist noch wenig entwickelt worden, da kann oft
nur das Verhältnis zu einem hoch entwickelten Meister oder einer hoch entwickelten
Meisterin genügend Anhaltspunkte für das richtige Verhalten liefern.
Der Vorzug von Naikan ist es, daß ich die Methode
während der gesamten Entwicklung nicht wechseln muß. Denn die meisten anderen Methoden
versagen in den Bereichen, für die sie nicht geschaffen wurden. Psychotherapeutische
Methoden sind nicht dafür kompetent, spirituelle Fragen zu lösen.
Selbsterfahrungsmethoden können weder psychische Probleme lösen noch wirklich die
Existenzfragen lösen. Religiöse Techniken versagen, wenn im Übenden neurotische oder
psychotische Zustände auftauchen. Naikan hingegen läßt den, der es anwendet, alle
Möglichkeiten in sich selbst entdecken. Da im Naikan der Geist sich selbst betrachtet,
wird jenes Problem bearbeitet, das derzeit die Entwicklung hemmt. Oder jene Aufgabe
erledigt, die der Weiterentwicklung am förderlichsten ist. Was das ist, kann aber in den
meisten Fällen nur vom jeweiligen Menschen selbst herausgefunden werden. Meisterworte
oder weise Lehren können bestenfalls Hinweise seien, wie es uns auch das Zengleichnis vom
Finger und vom Mond erzählt. Die Verwirklichung findet immer nur in uns selbst statt.
Darum brauchen wir eine Methode, die direkt mit diesem Selbst kommuniziert.
Naikan ist ein Werkzeug, das uns den ganzen Weg begleiten
und durch seine ständige Übung immer feiner angewendet werden kann. Dadurch wird uns der
Umgang damit immer vertrauter und wir entdecken ständig neue Möglichkeiten, die sich aus
der Naikan-Betrachtung ergeben. Die Geschichte jener Frau, die seit 40 Jahren tägliches
Naikan macht und jede Woche eine Karte an das Yoshimoto-Zentrum schickt, um ihre
Einsichten mitzuteilen, vermittelt eine Ahnung davon, was das heißen kann. Denn obwohl
Herr Yoshimoto gestorben ist und Frau Yoshimoto seit 2 Jahren mit einem Schlaganfall
regungslos im Bett liegt, kommt nach wie vor jede Woche eine Karte in das Zentrum. Für
diese Frau ist es nicht wichtig, daß jemand ihre Karten liest. Wichtig ist lediglich,
daß sie täglich Naikan macht und das, was sie findet, auf eine Karte schreibt...
Dieses Verhalten ist nicht mehr in einer Dimension zu
messen, die wir rational verstehen können. Aber nach Naikan können wir von unseren
Herzen her wissen, was es meint.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.
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