NAIKAN. Aus der Mitte leben.

Das heutige Leben zwingt uns alle aus der Balance. Die einseitige Fixierung auf geldwertige Bemessung von allen Aktivitäten entfremdet uns von uns selbst und lässt uns keinen Raum, die wirklich wertvollen Erfahrungen in unserem Leben wahrzunehmen und für die Lebensführung zu nutzen. Daraus entsteht die Orientierungslosigkeit, unter der die heutige menschliche Gesellschaft leidet und die uns zu zwecklosen Handlungen treibt, um die innere Leere zu übertönen.

Naikan – Innenschau – rückt mit Hilfe einer einfachen Betrachtung unsere Gegenwart wieder zurecht. Es zeigt uns – wie es die afrikanische Ubuntu-Philosophie formuliert – , dass wir ohne unsere Umwelt (Eltern, PartnerInnen, Freunde, Großeltern, Kinder, Menschen, Natur, Wirtschaft, Arbeit, Freizeit, Erde, Weltall) nicht leben würden und wir zugleich für andere und anderes ein ebenso wichtiger und wertvoller Teil ihres Lebens, ihrer Existenz sein können oder sind.

Jede Beziehung, die uns hervorbringt und die wir leben, sieht so aus:

Im Naikan-Retreat betrachten wir vorzugsweise jene Bereiche, die von den allermeisten Menschen nicht genügend beachtet werden. Das sind die Felder Nehmen und Geben und die Schwierigkeiten, die wir anderen und anderem bereiten. Denn meist beherrscht die Frage, welche Schwierigkeiten man uns macht, unser Denken und hält uns in einer Opferhaltung gefangen. Deshalb wird im Naikan diese Frage nicht weiter beachtet. Wir haben sie oft genug geprüft und können sie nach der Naikan-Übung viel objektiver betrachten als davor. Denn natürlich macht man uns Schwierigkeiten. Aber warum empfinden wir sie als solche? Abgesehen von solchen Ereignissen wie Missbrauch, Verrat, Gewalt oder Diebstahl, die natürlich unseren Kern und den Kern des Verursachers schädigen. Und auch diese Erfahrungen werden wir nach der Naikan-Erfahrung anders sehen können. Nicht weniger bedeutend, sondern vollständiger, auch mit unserem Anteil darin.

Wenn wir aber gegen die anderen drei Fragen leben, und wenn wir vor allem gegen unseren inneren Kern leben, wird unsere ganze Existenz grau und unglückselig. Wenn wir jedoch aus unserer Mitte leben, dankbar sind für das, was uns am Leben hält und wir von anderen bekommen, wenn wir großzügig sind und gerne anderen helfen und sie unterstützen, wenn wir erkennen, wo wir anderen und anderem Schwierigkeiten machen und sie – wenn wir sie schon nicht vermeiden können – sie wenigstens minimieren, dann findet sich für jede Aufgabe genug Energie und für jedes Problem ein Weg zur Lösung.

Das heißt: Aus der Mitte leben. Und die Mitte ist überall.